Kultur : Die Berliner Philharmoniker unter Haitink mit Beethoven und Schumann

Uwe Friedrich

Im energischen Marschtritt beginnt der Pianist Pierre-Laurent Aimard Beethovens fünftes Klavierkonzert. Auf selbstverliebten Detailreichtum verzichtet er bewusst. Grandios und unnahbar steckt er in den ersten Takten den Rahmen ab. Auch die Passagen nach der Orchestereinleitung entwickelt Aimard in solch betontem Nonlegato-Spiel, dass eine sehr unterkühlte Beethoven-Interpretation zu erwarten ist. Doch dann die erste Überraschung: Der Pianist eröffnet den Dialog mit dem Orchester, und Bernard Haitink moderiert vorbildlich das Gespräch zwischen den Philharmonikern und dem Solisten. Mal vermischen sich die Argumente der beiden, dann wieder schwebt das Klavier mit schwerelosen Trillern über dem kompakten Orchesterklang. Dabei gestattet Pierre Laurent Aimard sich keinerlei rhythmische Freiheiten. Gerade der Verzicht auf äußerliche Effekte führt zu erhabener Schönheit. Ein Hauch von "Verweile doch ..." zieht durch die Philharmonie, bevor Aimard im abschließenden Rondo den Takt so vehement stampft, als wolle er selber mittanzen. Viel ist über Genie und Wahnsinn in Schumanns Werk spekuliert worden. Das interessiert Bernard Haitink allenfalls am Rande. Indem er auch in Schumanns zweiter Symphonie zunächst auf Klangschönheit setzt, werden die Brüche in der Konzeption um so deutlicher spürbar. Immer wieder reißt der Erzählstrom ab, nimmt die Geschichte eine überraschende Wendung. Zwar orientiert sich die formale Anlage noch an der klassischen Symphonie, doch Schumann geht neue Wege. Bei dieser Wanderung in unbekanntes Terrain weist Bernard Haitink ruhig und liebevoll den Weg.

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