Kultur : Die Berliner Therapie

Uncool bleiben: Julia Dittmanns Doku-Fiction „Rosa – oder welche Farbe hat das Leben“

Deike Diening

Dieser Film ist ja so etwas von uncool – und das macht ihn sympathisch. Die Regisseurin Julia Dittmann versucht, Berlin und seine Bewohner mit einem Paradox zu porträtieren: einem inszenierten Dokumentarfilm. Realität und Fiktion. Und vielleicht ist das ja gar nicht so abwegig. Vier Frauen, allesamt ihre Freundinnen, haben sich auf solch intensive Beobachtung eingelassen – und alle sind sie in Psychotherapie. Sie sind apart und noch nicht dreißig. Sie denken viel nach. Dabei kann man ihnen zusehen.

Zuweilen ist das quälend. Eine sitzt isoliert auf einer umtosten Verkehrsinsel in einem Sessel und fordert Anerkennung ein: „Es ist nicht eine Tat, sondern eine Un-Tat, die mir als Frau passiert.“ Sie fühlen sich einsam „als Mensch“ und fragen sich, was das mit dem Frausein zu tun hat. Sie sind eingesponnen in Fragen, deren Fäden sich zu einem Kokon spinnen. Alles zerstückelte, zergrübelte, irgendwie alternative Existenzen, wie es sie in dieser Stadt jenseits der Mode so häufig gibt.

Als der Film gedreht wurde, drehten sich auch die Kräne über den Berliner Baustellen. Setzten Fracht ab. Rissen Gebäude auseinander. Aufgerissene Stadt trifft auf aufgerissene Seelen. Ist das zu plakativ?

Immerhin, so sehen wir Berlin selten im Kino: Hier ist die Stadt alles andere als ein angesagter Sehnsuchtsort. Keine schnelle, schillernde Urbanität, die sich leicht konsumieren lässt. Kein cooler Sound deutet die Stadtfahrten ins Modische.

Stattdessen sehen wir Menschen, die nach Berlin treiben, in Berlin treiben, Berliner Treibgut werden. Die Frauen hocken verpuppt in ihren Berliner Wohnungen, kurz vorm Weinen, und befragen das Leben nach Sinn. Oder auch nur ihr Gewissen, ob man ein Kind so lange schreien lassen darf. Häufig kommen sie direkt aus der Therapiestunde zum Dreh. Treibt nun die Therapie den Film voran oder der Film die Therapie?

Dittmann hat drei Jahre lang beobachtet, wie diese Freundinnen zweifeln und sich wieder fangen. Man kann ihnen lange beim Atmen zusehen, beim Ausatmen von Zigarettenrauch, und die Kamera dreht sich nicht weg. Man kann ihnen zuhören, wie sie über ihre Kinder und ihre Männer nachdenken – Wesen, die ihnen im Leben nur zuzufallen scheinen. Doch haben sie jemals eins angenommen?

Julia Dittmann will viel, vielleicht zu viel: Sie will ihre Figuren befragen und sie nicht verraten. Sie will ein Stadtbild zeichen. Und dazu arrangiert sie Bilder, konstruiert Tableaus der Stadt und ihrer Figuren, die mal eher kunsthandwerklich, dann wieder rührend wirken. Auf dem Dach der Infobox am Potsdamer Platz steht ein Himmelbett. Nackte, silberne Männer tragen die mit Klebestreifen eingeschnürte, bewegungsunfähige Frau aus dem Bett davon. Alle Frauen stehen später zusammen rosa angezogen im Mauerpark und drehen mit ihren Kindern ein Spanferkel am Spieß. Und die Schauspielerin taucht aus einem Kanaldeckel auf: „Wenn ich geheilt bin – ich glaube, dann bin ich langweilig.“

Hackesche Höfe, Lichtblick, Moviemento

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