Kultur : Die Berlinerin, wer ist sie?: Wie es bleibt, so ist es nicht

sten

Ein bekannter Münchner Coiffeur, der jetzt in Berlin frisiert, sagt, die Berlinerinnen haben ihre Haare auf den Zähnen. Ansonsten seien sie in allem, was sie tun, perfekt und schnell. Nicht so pomadig wie die Münchnerin und nicht so kühl wie die Hamburgerin.

Der Berlinerin ist jetzt ein erfrischendes Buch gewidmet. Die Fotografin und frühere Herausgeberin der DDR-Modezeitschrift "Sibylle", Dorothea Melis, hat es zusammengestellt. Fotos bekannter Künstlerinnen wie Barbara Klemm, Sibylle Bergemann, Ute Mahler und Helga Paris zeigen Frauen im grauen Berliner DDR-Alltag und auf Brigadefeiern. Bilder von Schriftstellerinnen und Journalistinnen, von "Engagierten" und Politikerinnen, Kindern, Girlies und Alten. Ost und West erfreulich gleichberechtigt. Schnelle, spannende Shots auf der Straße neben nachdenklichen, poetischen Aufnahmen. Das Nachkriegsberlin, die geteilte Stadt und die wieder erwachende Großstadt. Bilder, die im Gedächtnis bleiben, wie das Porträt der Schauspielerin Dagmar Manzel: respektlos, skeptisch, sehr wach.

Ergänzt werden die Fotos durch Geschichten über Berlinerinnen von Jutta Voigt und Katja Lange-Müller, Ingo Schulze, Peter Brasch und anderen Autoren und Autorinnen. Zu lesen ist da von Rosi der Gemüseverkäuferin und Johanna der Kryptoromantikerin, die sagt: Jede Westfrau sei ihr fremder als ein fremder Mann. Jutta Voigt schreibt ein Porträt ihrer Mutter. Margit, Referentin für Kultur und Jugendarbeit. "Ich bin ein Renaissancemensch", sagte sie und verstand den Begriff auf ihre Weise: Konfektionsgröße 44 und unerschrockenes Vorgehen. Sie harrte in keinem Vorzimmer aus, glaubte an keine Autorität, nahm keine Parteilosung hin, hatte vor niemandem Respekt. Außer vor Künstlern." Spröde blicken uns die Berlinerinnen an und remplig sind sie in den Geschichten. Ironisch und skuril. Vor hundert Jahren kamen ihre Vorfahren aus Russland und Schlesien, davor aus Frankreich, später aus Sachsen, Schwaben und der Türkei. Unerschütterlich bahnen sie sich ihren Weg durch die sich ständig verändernde Stadt. "Wie es bleibt, so ist es nicht" - in Berlin nicht und im Leben der Berlinerinnen erst recht nicht. Hundertmal verflucht haben sie ihre Stadt, aber niemandem außer ihr liegen sie zu Füßen.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben