Kultur : Die bescheidene Königin

Theatertreffen 2010: Ein treffliches Fest für die Theaterpreis-Trägerin Margit Bendokat im DT

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Berliner Kammerton. Margit Bendokat und ihr Preis. Foto: Davids/Darmer
Berliner Kammerton. Margit Bendokat und ihr Preis. Foto: Davids/DarmerFoto: DAVIDS/Darmer

Wie schön, den Berliner Theaterpreis gleich zu Beginn des Theatertreffens zu verleihen! Es hebt die Laune. Es macht Lust auf, ja, Theater – nach der schwachen Eröffnung mit Kölns „Kasimir und Karoline“ und der nervigen Wiener Leerlauf-Nummer „Life and Times – Episode 1“ in den Sophiensälen. Absolute Schwundstufe, nicht theatertreffenwürdig. Das Publikum floh zur Pause in Scharen. Die Koproduktion des Burgtheaters und des New Yorker „Nature Theater of Oklahoma“ muss man schnell vergessen.

Lange aber wird man sich an die Matinee für Margit Bendokat im Deutschen Theater erinnern. Eigentlich ein kleiner Skandal, dass diese Ausnahmeschauspielerin jetzt erst geehrt wird mit einem großen Preis, wie Laudator Nicolas Stemann anmerkt. In den 22 Jahren, in denen die Preußische Seehandlung diese Auszeichnung vergibt, ist Margit Bendokat überhaupt auch erst die zweite Schauspielerin, die ihn bekommt, nach Jutta Lampe 1992. Theaterpreis-Geschichte ist Theatergeschichte. Margit Bendokat steht seit über vierzig Jahren auf der Bühne des DT.

Das spüren, davon profitieren ihre jüngeren Kollegen, die Regisseure zumal. Stemann spricht von der „lebendigen Theatergeschichte“, die mit der Bendokat jedes Mal mit auftritt: Benno Besson, Alexander Lang, Frank Castorf, Einar Schleef, Heiner Müller, Jürgen Gosch. All die „Experimentatoren, die Suchenden, die Verrückten“, also diejenigen, die das Theater vorantreiben. „Wenn sie Texte spricht oder brüllt oder deklamiert, dann versucht sie, die Energiezentren dieser Texte auszuloten, da gibt es kein Irgendwie, da gibt es nur klare, vielleicht warme, aber brutale Eindeutigkeit.“ Und Stemann setzt sich ans Klavier und bringt ihr mit Udo Lindenbergs „Mädchen aus Ostberlin“ ein rührendes Ständchen.

Der Regisseur Stemann sagt an diesem Sonntagvormittag etwas frappierend Ehrliches: „Meine Inszenierungen mit Margit lassen sich in zwei Teile einteilen: in den Teil vor ihrem Auftritt, und den danach.“ So einfach ist das, so wunderbar. Die Kraft der Bendokat sprengt jedes Konzept. Da kann es passieren, dass die „lebendige Geschichte“ sehr viel jünger aussieht als die sogenannte Gegenwart. Zur Feier des Tages gibt es ein Video mit Grüßen und Elogen der DT-Mitarbeiter. Hat Margit sich verändert im Lauf der Zeit? Nee, im Gegenteil, sagt eine Dame, die hinter den Kulissen arbeitet. Fein dialektisch gesprochen und versprochen, wie der Berliner so ist. Die trifft man ja nicht mehr so oft, die echten Berliner, meint der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit, als er Urkunde und Scheck überreicht, und schmeckt nach: 20 000 Euro, auch nicht schlecht.

Geschichte und Geschichten. Dimiter Gotscheff erinnert sich an den Moment, da er sich in Margit verknallt hat. Anfang der Sechziger war’s, Gotscheff war Assistent bei Benno Besson, und die Bendokat spielte eine Molière’sche Magd, die aufreizend Kirschen mampfte auf der Bühne. Ja, die Sinnlichkeit des Personals. Etwas Proletarisches hat sie sich bewahrt, diese Herzliche, Unsentimentale. Gotscheffs Liebeserklärung atmet diesen rauen Charme. In seinen „Persern“ spielt sie vielleicht die Rolle ihres Lebens. Wenn Margit Bendokat im Alleingang den Bericht von der vernichtenden Niederlage im Krieg mit den Griechen rhapsodiert, wackeln 2500 Jahre Theatergeschichte.

Ein Theatertreffen im Kleinen, ganz groß. Samuel Finzi und Wolfram Koch, Bendokats Perser-Partner, führen einen saukomischen Gratulationsslapstick auf. Mehr als den Vornamen bringen sie nicht heraus, die beiden kauderwelschenden Kampfhähne, die einander schwitzend bekämpfen, um „Ma-Ma-Margits“ Aufmerksamkeit ringend an der gelben „Perser“-Wand von Bühnenbildner Mark Lammert. Jubel-Perser vor dem Thron einer bescheidenen Königin, die allerdings findet, sie habe den Preis jetzt mal verdient.

Margit Bendokat bedankt sich mit einer persönlichen Liste, die so lang ist wie ihr berühmter Aischylos-Monolog. All ihre Lehrer, Weggefährten, Dichter, Schauspielerkollegen, Regisseure, Freunde, Töchter und Enkel werden aufgerufen, ein jeder wird bedacht mit dem schneidenden, zarten, singenden Bendokat-Ton.

Man könnte ihr ein Leben lang so zuhören, und eigentlich tun wir da ja auch, seit zwanzig, dreißig, vierzig Jahren und immer so weiter. Rüdiger Schaper

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