Kultur : Die beste Lösung

Eine erste Begegnung mit Pamela Rosenberg, der neuen Intendantin der Berliner Philharmoniker

Frederik Hanssen

Sie sieht müde aus – und das liegt nicht nur am Jetlag. In San Francisco, wo Pamela Rosenberg derzeit noch Chefin des Opernhauses ist, hat sie einen eisenharten Job: Nur zwei Prozent ihres Etats sind staatliche Subventionen, den Rest muss sie sich erbetteln und erkämpfen. „Theoretisch wusste ich, was Fundraising bedeutet“, erklärte sie jüngst in einem Interview, „aber, Junge, Junge, wenn du das als Vollzeitjob machst, kommt es dir mehr als full time vor.“

Die Aufgabe, die jetzt als Intendantin der Berliner Philharmoniker auf Pamela Rosenberg wartet, dürfte dazu angetan sein, neuen Glanz in ihre Augen zu zaubern. „Ich komme nach Europa zurück, weil ich sinnvoll arbeiten will – zum Beispiel, indem ich nur noch dreißig Prozent meiner Energie für Fundraising einsetze.“ Ab 1. Januar wird sie als Beraterin der Berliner Philharmoniker tätig sein, ab 1. August dann den Titel Intendantin tragen. Bis Sommer 2008 hat das Orchester die 60-jährige Amerikanerin zunächst verpflichtet, mit einer Option auf Vertragsverlängerung um weitere drei Jahre. „Ich weiß, dass einige von Ihnen fest davon überzeugt waren, dass Sie diesen Tag nicht mehr erleben werden“, eröffnete Chefdirigent Simon Rattle gestern das erste Pressetreffen mit der neuen Intendantin. Seit Franz Xaver Ohnesorg den Posten zum 1. Januar 2003 aufgegeben hatte, waren Rattle und die Philharmoniker auf der Suche nach einem geeigneten Nachfolger. Dass es jetzt eine Nachfolgerin geworden ist, erfüllt auch die Herren vom Orchestervorstand mit Freude. Eine Gender-Diskussion will man da gar nicht erst aufkommen lassen: Ob dem ebenso selbst- wie machtbewussten Orchester die weibliche Art, Konflikte kompromissbereit zu lösen, besonders attraktiv erschien? Kein Kommentar. „Wir wollten einfach nur die beste Lösung“, beteuert Rattle.

Wenn Pamela Rosenberg erklärt, dass sie grundsätzlich erst zuhört und dann entscheidet, glaubt man ihr sofort. Wie überhaupt ihre ganze Erscheinung – die schlanke Gestalt, der japanisierende Stehkragenblazer – höchste Professionalität ausstrahlt. Wenn sie nicht lächelt, tendieren die Mundwinkel nach unten, humorlos wirkt sie dadurch aber nicht. Ihren Job jedenfalls beschreibt sie so: „Ich sehe mich als Hebamme für die Kunst.“

Das werden Rattle und die Philharmoniker gern gehört haben: Weil es klar macht, dass sie auch künftig die Chefärzte bleiben. Dass Rosenberg von 1991 bis 2000 als Ko-Intendantin den kometenhaften Aufstieg der Stuttgarter Staatsoper mitorganisiert und offensichtlich nicht darunter gelitten hat, dass ihr Chef Klaus Zehelein dafür das öffentliche Lob einkassierte, prädestiniert sie für die Leitung dieser basisdemokratisch organisierten Musikerrepublik, als die sich die Philharmoniker begreifen.

Doch Pamela Rosenberg soll nicht nur als Rat- und Ideengeberin des „besten Orchesters der Welt“ und des „aufregendsten lebenden Dirigenten“ fungieren, sondern auch als Hausherrin von Philharmonie und Kammermusiksaal. Seit es die „Stiftung Berliner Philharmoniker“ gibt, verwalten die Musiker ihre beiden Säle selber. Dass hier jeder auftreten darf, der dafür zahlt, ist ihnen nicht immer recht.

Hier soll Pamela Rosenberg Struktur in den Gemischtwarenladen bringen, womöglich sogar die anderen Ensembles der Stadt zu einer inhaltlichen Kooperation bewegen. Die Philharmoniker stellen sich das so vor: Sie setzen ein Saison-Thema fest und die anderen machen mit. Ob man da die Rechnung nicht ohne die Eitelkeiten der Konkurrenz mache? „Manchmal“, sagt Rosenberg, „ist es ganz hilfreich, naiv zu sein.“

Ganz großartig findet die neue Intendantin das Education-Programm der Philharmoniker – und will hier natürlich aktiv mitarbeiten: „Wenn es uns nicht gelingt, die andere Lebenserfahrung junger Leute in die Kunst einzubinden, werden wir in eine schlimme Krise geraten.“

Und dann ist da noch dieser alte Traum, die Philharmonie tagsüber zu öffnen, das Kulturforum zur „Flaniermeile der Kunstfreunde“ zu machen. Daran haben sich schon drei männliche Vorgänger von Pamela Rosenberg die Zähne ausgebissen.

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