Kultur : Die Besteigung des Monteverdi

Auf der Suche nach Religion und Ekstase: Alain Platels „Vespero“ gastiert an der Berliner Staatsoper

Rüdiger Schaper

Eine Anhöhe aus weißen Stofflappen, ein Recyclinghügel. Oder sind es die Flügel eines gestürzten Engels? Jetzt sieht das erst einmal ein bisschen schäbig aus, Tänzer und Musiker klettern, springen, stehen auf dem seltsamen Ding herum. Doch nachher wird der Berg von innen illuminiert, und der Berg ruft. Zu einem verstörenden, erhebenden Finale.

Alain Platel ist einer der letzten Heiligen des Kulturbetriebs. Der 1956 geborene Choreograf aus Gent – das ist die flämische Stadt mit dem Altar der Brüder van Eyck, mit dem goldenen Lamm – hat in seinem jüngsten Opus „Vespero“ die sakrale Musik des Claudio Monteverdi geschlachtet. Man könnte auch sagen, aber das wäre nicht weniger ketzerisch: Er hat sie geopfert, zerlegt und zu den verschütteten Quellen einer Mystik zurückgebracht, die mit unserer aufgeklärten Ansicht des Christentums wenig zu tun hat. Teufel und Engel, Heilige und Häretiker, wir wissen es seit Christi Geburt, sind blutsverwandt. Sie wandeln am Abgrund. Sie müssen fallen.

„Vespero“, für drei Abende in der Berliner Staatsoper zu Gast, atmet die dünne Luft einer großen internationalen Koproduktion. Brüssel, Paris, Amsterdam, London, Luxemburg, Turin, die Ruhr-Triennale und Berlin sind dabei, und es steckt auch Geld aus dem Fifa-Kulturprogramm zur Weltmeisterschaft darin. Pecunia non olet. Mit Fußball haben die 100 Leidensminuten nichts zu tun, aber natürlich mit Passion ganz allgemein. Und dass Platel elf Tänzer ins kalte Feuer seiner Recherche nach dem verlorenen Glauben schickt, ist wohl Zufall. Elf Solisten mit atemberaubenden Talenten. Und jeder stürzt, rennt, kämpft für sich allein auf der großen Bühne von Pieter De Blieck, die leer ist. Nur diese Lappen. Und dieser Hügel.

Die Musik schützt die Akteure nicht. Sie wirken wie hineingeschleudert in eine zerbrochene Welt. Musikwissenschaftler streiten, ob Claudio Monteverdis 1610 publizierte „Vespro della Beata Vergine“ ein Werk aus einem Guss ist – oder eine Kompilation einzelner Kompositionen. Dialektik der Überlieferung: Was uns heute erhaben scheint, war auch einmal Gebrauchsgegenstand. Platel hörte die Marienvesper als Sechzehnjähriger in einer Kirche. Und er hörte, wie er sich erinnert, eine Verbindung zu „herzzerreißender Zigeunermusik“.

Eine Zumutung für Puristen, gewiss. Aber Platel ist kein Provokateur, das wäre zu billig. Und doch behandelt er die klassische, die geistliche Musik diesmal anders als in seinen genialen Bühnenschöpfungen „Iets op Bach“ und „Wolf“. Da blieben Mozart und Bach mehr oder weniger unangetastet – und klangen umso strahlender im Milieu einer multikulturellen Suburb, umspielt von Zirkusartisten, Breakdancern, einer Horde streunender Hunde. Das konnte viel bedeuten; per aspera ad astra, oder: Musik ist für alle da, oder: Das Heilige lebt nicht in der Kirche; oder: Bewegung und Tanz sind die Seele des Glaubens. Platel, und dafür muss man ihn lieben, findet das Erhabene im Alltäglichen, im Schmutz auch, in der Aggression. Der Körper ist ihm heilig. Aber um in den Zustand der Ekstase zu gelangen, reicht das Gebet nicht mehr. Es sind immer größere Umwege und Anstrengungen nötig, um den religiösen Gehalt von Kunst, von Musik überhaupt wahrzunehmen. Und diese Anstrengung kann zerstörerisch sein.

Damit sind wir beim Geheimnis und auch bei den Gefahren von „Vespero“. Alain Platel und Fabrizio Cassol, der musikalische Kopf der Monteverdi-Besteigung, greifen in die Musik ein. Schaffen ein völlig neues Klangbild, ein halsbrecherisches Crossover. Nehmen Monteverdi seine entrückte Unschuld. Cassol ist Jazz-Musiker, er spielt auf seinem Saxofon groovige Soli. Und das kleine Orchester ist eigentlich eine Band, mit Schlagzeug, E-Gitarre, Posaunen und Flöten. Monte verdi: So stürmen sie immer wieder den Hügel hinauf, und gleiten ab. Braucht man Percussion, schnarrenden Bass, krähendes Saxofon, um zu dem betörenden Klang einer Motette vorzudringen? Liegt in Monteverdis komponiertem Mariengebet wirklich die Klage eines Zigeunerliebeslieds?

Das sind Fragen, die man sich in den leeren Momenten stellt; und „Vespero“ bringt wirklich nicht die reine Erfüllung. Das Stück ist bitterer, skeptischer, auch artifizieller als frühere Platel-Abenteuer. Und jetzt zeigt sich auch eine Beschränkung des Bewegungsmaterials. Platel, der als Therapeut mit behinderten Kindern gearbeitet hat, konfrontierte seine Tänzer hier mit alten Filmdokumenten aus der Psychiatrie. Mit Studien scheinbar „zweckloser, sinnloser“ Motorik, wie er sagt. Er erkennt darin „eine extreme Form der religiösen Hingabe“. Platels Artisten werfen sich in Posen des Schmerzes, wollen Verzückung erzwingen.

Ross McCormack, ein Tänzer aus Neuseeland, scheint von Dibbuks besessen. Etwas steckt ihn ihm, das kann nicht heraus, es spricht aus ihm; und er beobachtet seinen Dämon mit interessierter Distanz. Rosalba Torres Guerrero, die früher bei Anne Teresa de Kersmaker tanzte, tritt mächtig auf wie ein Gewitter, dessen dunkle Wolken schon in ihren Augen liegen. Märtyrer, Autisten, Flüchtlinge, Hysteriker, Verdammte, Erleuchtete in Straßenkleidung: Sie stehen auch in der Gruppe allein. Dies Ensemble zeigt das Gesicht einer globalisierten Welt, die kämpft mit den alten Flüchen des Fanatismus und den ewigen Verheißungen. Die Choreografie fließt nicht, sie ruckt und zuckt. Wo will das hin? Wie soll das enden?

Es passiert noch Unerhörtes. Die Sopranistin Maribeth Diggle, festlich gekleidet, fällt aus dem glasklaren Marienton plötzlich in einen Gesang, der arabisch anmutet. Der Name der Heiligen Stadt Jerusalem schwirrt in der Luft, und man begreift: den Orient. Die Vermischung, die unheilvolle Konkurrenz der Religionen auf dem Tempelberg. Vor einigen Jahren hat Platel in Ramallah mit palästinensischen Tänzern gearbeitet. „Vespero“ reißt Gräben auf, seine Botschaft kündet von Frieden ebenso wie von Krieg. Das Erhabene, das sakrale Musik ausstrahlt, kann man auch als Bedrohung, als Überhebung erfahren.

Vom Ende der Platel’schen Vesper erholt man sich nicht so schnell. Fünfzehn, zwanzig Minuten kollektiven Wahns. Ein Geist kommt über das Ensemble, der jedenfalls unerbittlich ist. Wie die nordamerikanischen Shaker, so zappeln sich die Tänzer in Ekstase. Etwas ergreift von ihnen Besitz; erst die Arme, den Oberkörper, die Beine, das variiert. Ist es Exorzismus, ist es Masturbation an allen Gliedern, ist es wilde Trance? Was immer, es lässt sich nicht abschütteln. Es steigert sich. Ungerührt steht die Sopranistin da und setzt zum „Magnificat“ an. Immer wieder. Ein Locken, ein Versprechen, das sich nicht einlöst. Es wirft die Tänzer zu Boden. Endlich kommt der Moment, und der Berg erstrahlt. Immer noch nimmt die Heftigkeit des Körperbebens zu. Ein Todeskampf? Cold Turkey, weil die Droge ausbleibt?

Ja: Es ist auch Kitsch, Improvisation auf Geheiß eines Choreografen, es ist eine Kunstanstrengung, ein trockenes Unwetter. Aber man kommt davon nicht los.

Noch einmal heute Abend, 20 Uhr.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben