Kultur : Die betörte Stadt

Juliane von Mittelstaedt

Als der Kundschafter Jasif im siebten Jahrhundert nach Medina gesandt wurde, um den Zauber des Koranvortrags zu ergründen, hielt er sich nicht an den Rat, die Ohren zu verschließen. So erging es ihm wie den Bewohnern der Stadt: Er verfiel dem Klang der Worte und damit dem Islam. Die Bekehrung durch die Schönheit der Sprache sei ein wiederkehrendes Motiv im Koran, so der Islamwissenschaftler Navid Kermani im Berliner Wissenschaftskolleg. Die Offenbarungen des Propheten Mohammed ermöglichten ein sinnliches Erleben von Musik und Poesie, welches die Zuschauer betöre: als Konzert aus Farbe, Klang und Rhythmus.

Der Koran ist in der hocharabischen "Kunstsprache" der Poeten verfasst, doch er ist weit mehr als nur Dichtung. Seine komplizierte Metrik, seine Wortschöpfungen und geheimnisvolle Metaphorik verweisen auf den göttlichen Ursprung - kein Mensch könne ein derart perfektes Meisterwerk erschaffen. "Das Wunder des Korans besteht in sich selbst", sagt Kermani. Die vollkommene Klangwelt des Korans sei seitdem der Maßstab aller Dichtung, eine absolute Norm, die von weltlichen Poeten nicht erreicht werden könne.

Bis heute ist das Hocharabische die Sprache der Kunst und Literatur. Eine mächtige Sprache: Dass die Offenbarungen Mohammeds zur Weltreligion wurden, hat weniger politische und militärische Ursachen. Es liegt auch nicht am Inhalt des Gesagten, sondern an der Form: an der Poesie und der Fantasie der Verse. So jedenfalls die Lesart der Gelehrten. Der Koran sei ein Hörbuch, ein Gefühlserlebnis, das nur im Vortrag lebendig werde. Und die Schrift ist für den Koran, anders als im Fall der Bibel, nur ein "Erinnerungsstück für die Rezitation".

Daher hatte "das mündliche Gedächtnis" bis ins 21. Jahrhundert Vorrang vor dem Schriftstück. In Ägypten genießen Koranrezitationen noch immer den Status von Kultveranstaltungen. Doch sei, so Kermani, mit der Faszination der hocharabischen Sprache auch immer die Gefahr der Demagogie verbunden, denn ein begnadeter Redner könne sein Publikum "verzaubern" wie die Rezitatoren den Boten Jasif. Der frühere ägyptische Staatspräsident Nasser habe dieses Wissen meisterhaft genutzt und seine Zuhörer mit einer Mischung aus Koransprache und Dialekt regelrecht mitgerissen.

Nach den Terroranschlägen vom 11. September hat sich Navid Kermani mit den Reden Osama bin Ladens auseinandergesetzt. Dieser spreche ein "altertümliches, klares und einfaches Arabisch". Der Klangwirkung der Koransprache stelle er die "bemühte Bescheidenheit des Ausdrucks" entgegen. Bin Ladens Rhetorik sei puristisch und entmystifiziert, das sprachliche Pendant zu seinem einfachen Gewand. Die Botschaft ist klar: Fundamentalismus. Damit breche Osama bin Laden mit den religiösen Traditionen - und könne mithin nie ein Prophet werden.

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