Kultur : "Die Bibliothek der Zukunft": Expedition durch die Info-Wüste

Jörg Plath

Das Internet ist eine gigantische Datensammlung, die zumindest für einen unentbehrlich ist: den Computer. Für das Arbeitsmittel finden sich Softwareaktualisierungen, Treiber und Ratschläge im Netz. Der Computer braucht ohne Zweifel das Internet - und wer noch? Alle, die mit Texten umgehen, meint Dieter E. Zimmer: Wissenschaftler, Journalisten, Autoren, Übersetzer, Lektoren - und Leser. Ihnen empfiehlt er sich mit seiner "Bibliothek der Zukunft" als ein entspannter Cicerone zu digitalen Inhaltsoasen.

Besonders wohltuend ist der neugierige Skeptizismus des ehemaligen "Zeit"-Redakteurs. Denn meist wird das neue Medium ja manichäisch wahrgenommen: als Fluch oder Verheißung. Während sich die Savonarolas und die Propheten balgen, fragt Zimmer auf ruhige, angelsächsisch anmutende Weise nach den Vor- und Nachteilen des revolutionären Umbruchs, den die Schriftkultur durch die Digitalisierung erfährt. Dass es die virtuelle Weltbibliothek, in der überall alles digital verfügbar ist, nicht geben wird, zeigt er mit knappen Hochrechnungen: Bestensfalls geringfügig wachsende Anschaffungsetats von Bibliotheken treffen auf eine exponenziell hochschnellende Zahl von Veröffentlichungen. Aber die digitale Archivierung hilft den Bibliotheken, nicht in Massen gedruckten Papiers unterzugehen. Und weil auch digitale Informationen erschlossen werden müssen, kommen auf die Bibliotheken neue Aufgaben zu.

Auf abwägende Weise diskutiert Dieter E. Zimmer fast sämtliche Aspekte von "Text und Schrift in den Zeiten des Internet": elektronische Bibliothekskataloge (Opacs) und ihre Vor- und Nachteile, digitale Texte, Zeitungen und Zeitschriften, elektronische Bücher (eBooks) und E-Mail, Wörterbücher und Enzyklopädien. Außerdem informiert er ebenso über das Urheberrecht wie über die technischen Hintergründe des Computers, die die Textübermittlung erschweren: über ASCII und den Unicode.

Das gut verständliche, sich hin und wieder etwas wiederholende Buch wird unbedingt empfehlenswert durch eine 40-seitige, kommentierte Linkliste zu Bibliotheken und Bibliothekskatalogen, Volltexten, Datenbanken (Enzyklopädien, Wörterbüchern, Zitatensammlungen), Autorenseiten, elektronischen Fachzeitschriften und Hypertexten. Auch Profis werden hier noch fündig. Und weil ein Dokument im World Wide Web durchschnittlich nur 44 bis 70 Tage existiert, hält Zimmer seine kommentierte Linksliste auf den Seiten der Wochenzeitung "Zeit" aktuell. So kann man sich sogar das langwierige Eintippen sparen. An diesem Buch führt so bald kein Klick vorbei.

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