Kultur : Die Bildbotschafter Galerie- szenen (4): Polen, der Frischemarkt

Für den Erfolg der jungen polnischen Künstler stehen vor allem zwei Galerien aus Warschau

Marcel Andino Velez

Wer sich heute auf die Suche nach Galerien für polnische Gegenwartskunst macht, muss nicht einmal mehr in den Osten fahren. Er wird auch auf renommierten Messen fündig. Die Galerie Raster aus Warschau etwa wurde in diesem Jahr auf der Baseler Nachwuchsmesse „Liste“ rund um die Uhr belagert. Der Stand war schon am ersten Tag nahezu ausverkauft. Begehrt waren vor allem die Arbeiten von dem Shootingstar Rafal Bujnowski, dessen Gemälde noch für 2500 bis 7000 Euro zu bekommen waren. Und auch auf der 35. Art Basel gaben gleich zwei polnische Galerien ihr Debüt: die Fundacja Galerii Foksal (Foksal Gallery Foundation, FGF) aus Warschau und die Starmach Gallery aus Krakau. Mit Künstlern wie Magdalena Abakanowicz und Tadeusz Kantor gehört Starmach zwar noch zu den wichtigen Handelsplätzen polnischer Kunst, aber aus der Position der wichtigsten Galerie Polens hat FGF sie inzwischen verdrängt.

Die seit 2001 aktiven Galerien Raster und FGF haben enorme Impulse für eine ganze Generation von jungen Künstlern gegeben und die polnische Kunst zum Trend gemacht: Ohne ihre Umtriebigkeit und internationalen Netzwerke gäbe es heute keine Welle von Auszeichnungen für junge polnische Künstler wie den Balôise-Art-Prize in Basel für Aleksandra Mir in diesem, für Monika Sosnowska im letzten Jahr oder „The Vincent“, den wohl wichtigsten europäischen Kunstpreis, der vor kurzem an Pawel Althamer gegangen ist. Es gäbe keine Nachfrage internationaler Sammler, und es gäbe keine polnischen Ausstellungen in Berlin, Zürich, Köln, London und New York.

Dabei unterscheiden sich FGF und Raster voneinander wie Feuer und Wasser. Im Warschauer Künstlerjargon wird FGF „die Botschaft“ genannt – die Vertretung des internationalen Kunstmarktes schlechthin. Diese Bezeichnung hat in diesem Jahr eine wortwörtliche Bedeutung bekommen: Andrzej Przywara, der Leiter der Stiftung, wurde von den Veranstaltern der Art Basel zum „Kunstbotschafter“ Ost- und Mitteleuropas ernannt und wird sich zukünftig an der Auswahl von Galerien für die Messe beteiligen.

Die Leiter der Fundacja Galerii Foksal betonen stolz, dass sie eher eine Stiftung als eine kommerzielle Galerie sei. Tatsächlich wurde sie 1997 zur Finanzierung der legendären Galerie Foksal, einer seit Jahrzehnten bestehenden staatlichen Wiege des polnischen Modernismus, gegründet, nachdem die Stadtverwaltung die Subventionen für die Galerie radikal gekürzt hatte. Initiatoren der Stiftung waren drei jungen Kuratoren: Joanna Mytkowska, Adam Szymczyk und Andrzej Przywara. Seit 2001 verfügen sie über eine Etage in einem Gebäude, das zum Denkmal der modernistischen Architektur der Sechzigerjahre erklärt werden könnte. Es gibt nur eine Wand und gigantische Fenster, die zur Nowy-Swiat-Straße (Neue Welt) weisen – der schönsten Einkaufsstraße Warschaus. Die vorherrschende Farbe der Kleidung ist Schwarz, die Sprachen Englisch und Deutsch, der Latte Macchiato fließt reichlich.

Klassische Ausstellungen werden nur selten eröffnet, was nicht allein an der einen Wand liegt. Hier zählen die Kontakte mit den weltweit wichtigsten Museen, Galerien und Sammlungen. Das Duo Joanna Mytkowska und Andrzej Przywara – Adam Szymczyk ist inzwischen Direktor der Kunsthalle Basel – verwirklicht die Visionen einer Galerie, die ein Ort der Forschung und Förderung ist. Führende Künstler der neuen Generation haben hier begonnen, von Wilhelm Sasnal über Pawel Althamer und Monika Sosnowska bis hin zu den neuesten Entdeckungen Piotr Janas und Robert Kusmirowski. Gleichzeitig werden mit Hilfe der Stiftung Ausstellungsprojekte ausländischer Künstler realisiert.

Die Galerie Raster befindet sich nur einige Querstraßen weiter, liegt jedoch in einer anderen Welt. Die Ausstellungsräume sind in einer riesigen Wohnung in einem der wenigen erhaltenen Mietshäuser der Vorkriegszeit untergebracht. Die Atmosphäre ähnelt nicht im geringsten der kühlen Professionalität von FGF, sondern erinnert an die Berliner Hausbesetzerszene oder kommunistische Jugendkulturzentren: Immer spielt einer Tischfußball, an der Theke gibt es billigen Wein. Hier finden Ausstellungen statt, Lesungen, rauschende Partys. Michal Kaczynski und Lukasz Gorczyca, die Raster-Gründer, stehen selbst hinter der Bar und tragen T-Shirts mit dem Aufdruck „I’m not interested in art“.

Auch die Werke von den Raster-Künstlern Zbigniew Rogalski, Rafal Bujnowski oder Michal Budny sind ironisch, ohne metaphysische Ambitionen, politisch, aber nicht radikal. Sie spiegeln den Geist des modernen Warschaus wider: einer aufstrebenden Metropole voller Wolkenkratzer, Geld und Kitsch, in der gleichzeitig Großstadtcoolness erblüht. Die Initiatoren sind weniger am kommerziellem Erfolg ihrer Künstler interessiert als an der Vermittlung von einer eigenen Kunstvision, die in das weite Netzwerk der unabhängigen Kultur – Literatur, Musik, Kino und der ständig wechselnden Jugendtrends – verflochten ist. Wenn irgendwo in Polen die Gegenwartskunst zu einem Bestandteil des zeitgemäßen Lebensstils geworden ist, dann hier.

Neben diesen Projektorten gibt es in Polen inzwischen zahlreiche Verkaufsgalerien, die einfach nur Geschäfte mit Gemälden sind. Eine Ausnahme ist die seit einem halben Jahr bestehende Galerie Le Guern in Warschau, die sich westeuropäische professionelle Galerien zum Vorbild genommen hat. Sie besitzt nicht nur eine imposante Ausstellungsfläche, sondern verfügt auch über kuratorische Ambitionen. Bis jetzt vertritt sie drei Künstler, die durchaus Marktpotenzial haben: Zofia Kulik, Marta Deskur und Jaroslaw Flicinski.

Krakau, die traditionelle Hauptstadt der polnischen Kultur, verblasst dagegen langsam. Angesichts der Besucherströme entwickelt sie sich zu einem Freilichtmuseum für Touristen, die eher in das Kunsthandwerk als in zeitgenössische Kunst investieren. Gehörten in den Neunzigerjahren die beiden Krakauer Galerien Starmach und Zderzak noch zu den wichtigsten der polnischen Kunstszene, orientiert sich der Nachwuchs heute nach Warschau. Die Galerie Zderzak, in der vor einigen Jahren auch Wilhelm Sasnal, Marcin Maciejowski und Rafal Bujnowski debütiert haben, ist immer noch die beste Galerie der mittleren Künstlergeneration. Mit Grzegorz Sztwiertnia vertritt sie zudem einen außergewöhnlichen jungen Maler.

Die Galerie Starmach dagegen verdankt ihren Rang vor allem den Gemälden von Jerzy Nowosielski, dem lokalen Matisse, einem heiligen Greis der polnischen Kunst. Andrzej Starmach, der Galeriebesitzer, vertritt dessen Arbeiten exklusiv und konnte so eine imposante Institution aufbauen, die nach wie vor die beste Ausstellungsfläche in Polen besitzt und ein ehrgeiziges Programm gestaltet. Er arbeitet mit bekannten Größen wie Miroslaw Balka, organisiert kleine, aber feine Ausstellungen von Klassikern wie Alberto Giacometti und Louise Bourgeois. Zu den Kunden der Galerie zählen vor allem die neuen Reichen Polens, die zwar gerne einen Giacometti oder Nowosielski kaufen, sich für die neueste Kunst aber noch nicht interessieren. Bevor ihre Neugier erwacht, kann es passieren, dass die besten Werke das Land schon verlassen haben.

Der Autor arbeitet für das Wochenmagazin „Przekroj“. Aus dem Polnischen übersetzt von Agnieszka Borkiewicz.

DIE GALERIEN

Foksal Gallery

Foundation

Gòrskiego 1A, Warschau, www.fgf.com.pl

Raster

Hoza 42/8, Warschau,

www.raster.art.pl

Le Guern

Widok 8, Warschau,

www.leguern.pl

Starmach

ul. Wegierska 5, Krakau,

www.starmach.com.pl

Zderzak

Florianska 3, Krakau,

www.zderzak.pl

DIE KÜNSTLER

Zu den Protagonisten der jungen polnischen Szene gehören:

Pavel Althamer, der im September im Maastrichter Bonnefantenmuseum seine performativen Installationen und Skulpturen zeigt,

Monika Sosnowska, die Ausstellungsräume zu scheinbar endlosen Korridoren verwandelt, und viele herausragende Maler wie

Wilhelm Sasnal,

Marcin Maciejowski oder Rafal Bujnowski.

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