Kultur : Die Bistro-Wähler

Wer sind die Franzosen, die Nein zu Europa gesagt haben? Eine Fern-Diagnose

Pascale Hugues

Allmählich gewöhnen sich die Berliner Franzosen an das Elend, das sie am Tag nach einer Abstimmung im Mutterland zu befallen pflegt: Gesenkten Hauptes bewegen wir uns durch unsere Adoptivstadt und hoffen, dass niemand uns erkennt. Wenn ein Nachbar uns zuruft: „Ihr seid vielleicht eine Nationalistenbande!“, möchten wir am liebsten im Boden versinken. So war es am Tag nach dem 21.4.2002, als die Protestwähler bei der ersten Runde der Präsidentschaftswahlen mit einem Rundumschlag Jean-Marie Le Pens Front National auf die besten Plätze katapultierten. Und so war es gestern: Als erstes Land hat Frankreich die EU-Verfassung abgelehnt. Es beschwört das „Erdbeben“ herauf, die „Katastrophe“, schreiben die deutschen Zeitungen entrüstet. Aber keine Angst, liebe Berliner, auf den Straßen eurer Stadt werdet ihr den Populisten nicht begegnen, für die Europa zum Sündenbock für alles Böse und besonders für die Arbeitslosigkeit herhalten muss. Von den 2209 Franzosen, die ihren Wahlzettel in die Urne in der französischen Botschaft geworfen haben, haben nur 477 mit „Non“ gestimmt. Ein schwacher Trost.

Wer sind denn nun diese Franzosen, die am Sonntag „Nein“ gesagt haben, und zwar so laut und deutlich, dass niemand es überhören kann, weder die europäischen Nachbarn, noch die politische Führung mit Jacques Chirac an der Spitze? Dass die Extremisten mit ihrer Gier nach demagogischer Rhetorik „Nein“ gesagt haben, kann niemanden überraschen. Auf der Seite der Rechten sind das die Front National und die Souveränisten von Philippe de Villiers: Missionare eines reinen und ewigen Frankreichs. Und auf der Seite der Linken handelt es sich um das Häuflein der Ewigzornigen, der Trotzkisten und anderer anachronistischer Sekten, die sich als Kreuzfahrer zum Schutz des Proletariats vor dem menschenfressenden Großkapital verstehen.

Dieser Teil der Wählerschaft ist leicht auszumachen. Aber es gibt noch andere. Da sind die bestens informierten Freunde in Frankreich, die mir am Telefon die Gründe für ihre Entscheidung erklären. Die Wähler einer gespaltenen Sozialistischen Partei, von denen mehr als 50 Prozent die Verfassung abgelehnt haben. Die jungen Leute unter 25, die zu 60 Prozent mit „Nein“ gestimmt haben. Wer sind diese Jungen? Die neuen Regierungskritiker von Attac? Die lost generation der jungen Arbeitslosen mit ihrer trostlosen grauen Zukunft? Heerscharen von vernünftigen Franzosen haben die Verfassung abgelehnt, Franzosen, denen Fremdenfeindlichkeit und Nationalismus fern liegen, die spanische Filme lieben und sich freuen, dass sie beim Überqueren des Rheins kein Geld mehr wechseln müssen. Sie sind nicht gegen Europa, sondern sie sind gegen dieses Europa.

Man kann den Franzosen nicht vorwerfen, sie hätten sich von blindem, unreflektiertem Zorn hinreißen lassen. Die Wahlbeteiligung lag so hoch wie schon lange nicht mehr. Europa löste die Zungen und entfesselte hitzige Debatten. Ob in der Familie oder im Büro – die EU-Verfassung stand im Mittelpunkt der Gespräche. Vier trockene Sachbücher über die Verfassung führten die Bestsellerlisten an. Man könnte glauben, das europäische Verfassungsrecht sei über Monate hinweg die fixe Idee eines ganzen Volkes gewesen. Kein Vergleich zu der unterkühlten Bundestagssitzung, bei der der Verfassungsvertrag angenommen wurde. Hätte die Zustimmung allein in der Zuständigkeit der Nationalversammlung gelegen, wäre das „Ja“ sicher gewesen. Das Frankreich, in dem die politische Führung und die Eliten den Ton angeben, vertritt völlig andere Ansichten als das Frankreich der Bistros.

Wie würde ein Referendum in Deutschland ausgehen? Zur Zeit, als Chirac sich für die Volksbefragung entschied, überwog das „Ja“ in den Meinungsumfragen mit 60 Prozent. Die Angst vor Sozialdumping, vor der Verlagerung von Arbeitsplätzen und vor Arbeitslosigkeit, der ökonomische und soziale Pessimismus, der Ärger über die Regierung... die Gründe für das französische „Nein“ sind die gleichen, die vor einer Woche das Wahlverhalten in NRW bestimmten. Die Ängste sind die gleichen, die Ablehnung der Regierung ist genauso massiv. Auch der deutsche Stammtisch würde kaum so einfach „Ja“ sagen wie die deutschen Eliten. Noch ein schwacher Trost?

Aus dem Französischen von Elisabeth Thielicke

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