Kultur : Die Bitterkeit bleibt

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Heute erhält Mikis Theodorakis in Bonn den Erich-Wolfgang-Korngold-Preis für sein Lebenswerk. Mit dem 77-jährigen Musiker und Politiker sprach Eberhard Schade.

Herr Theodorakis, 1942 haben sie gegen Deutsche gekämpft, Ihr stand auf der Todesliste der SS - in kaum einem anderen Land haben Sie soviel Konzerte gegeben wie in Deutschland. Was haben wir Deutsche, dass Sie nicht loslässt?

Zuerst einmal glaube ich nicht, das ein ganzes Volk schuldig sein kann. Außerdem gibt es kaum eine Nation, die meine Musik so gut versteht wie die Deutschen. Sie neigen dazu, in sich hineinzusehen und formulieren dann nach außen, was sie sehen. Das ist genau das, was ich tue, wenn ich Musik komponiere. Insofern ist mir die deutsche Seele sehr ähnlich. Aber die Deutschen und ich haben noch eine Sache gemeinsam, die Idee der Form, der großen musikalischen Linien. Sie haben weder Angst zu singen noch zu schreien, für mich ist das ein sehr menschlicher Zug.

Sie sprechen von deutschen Komponisten...

Nehmen Sie Beethoven. Das Großartige an ihm ist, dass seine Musik die Ausmaße einer Tragödie hat. Die Kraft, die man in den Tragödien von Aischylos, Sophokles und Euripides findet, habe ich in seinen Sinfonien entdeckt. Beethoven hat so auf seine musikalische Art die Komplexität und die Tiefe einer antiken Tragödie in seine Sinfonien aufgenommen. Oder Goethe: Er hat einmal gesagt, dass der Parthenon auf der Akropolis wie gefrorene Musik ist. Aus meinem Zimmer schaue ich jeden Tag auf den Parthenon, und ich muss sagen: Beethoven hatte Recht!

Im Frühjahr 2003 plant der Regisseur Gert Hof ein Spektakel im ehemaligen Konzentrationslager Auschwitz - mit Ihrer Musik.

Eine großartige Idee: Gert Hof will in Auschwitz auf sehr emotionale Weise an das Entsetzen an diesem Ort erinnern. Musikalisch wird er das Ganze unterlegen mit der Mauthausen-Kantate, gesungen in fünf Sprachen.

Verbietet sich denn an einem Ort wie Auschwitz nicht jede künstlerische Inszenierung?

Nein, ich habe damit jedenfalls kein Problem. Warum sollte ich, es handelt sich schließlich um eine deutsche Produktion.

Herr Theodorakis, Sie scheinen unverwüstlich. Dabei hatten Sie im vergangenen Sommer angekündigt, nie wieder eine Bühne betreten zu wollen.

Das stimmt. Nach der Auführung eines Oratoriums im Athener Epidaurus Theater dachte ich, es gibt keinen größeren Moment im Leben eines Komponisten, hör besser auf. Vor ein paar Monaten habe ich dann meine Meinung geändert.

In Lysistrata, Ihrer neuen Oper, drohen Frauen ihren Männern mit Liebesentzug, damit endlich Friede herrscht. Steckt dahinter eine politische Botschaft?

Nein, aber die Idee gefällt mir. Ein Blick auf die momentane Weltlage genügt, um jede Chance für Frieden wahrzunehmen.

Bereuen Sie es manchmal, in die Politik gegangen zu sein?

Zum Glück habe ich ein schlechtes Gedächtnis und vergesse schnell die dunklen Seiten des Lebens. Aber natürlich bleibt – gerade was mein politisches Engagement angeht – ein bitterer Nachgeschmack. Ich gehörte einer linken Partei des Volkes an. Wir hatten eine utopische Vision von Demokratie und Freiheit für unser Land – dabei blieb es leider.

Mehr nicht, wirklich? Immerhin gelten Sie als Symbol gegen Faschismus und Diktatur, als Prototyp des aufrechten Linken...

Dennoch wurden wir besiegt und bis heute bekämpft. Vielleicht sollten wir aber froh sein, dass unsere Utopie nicht in eine Regierung gemündet ist. Ich kann mir jedenfalls nicht vorstellen, einer Gruppe anzugehören, die eine religiös-politische Utopie in ein konkretes Machtinstrument verwandelt. Dennoch: Es bleibt diese Bitterkeit.

Was Sie persönlich betrifft, weit mehr als das. Unter Ihren politischen Gegnern mussten Sie schlimmste Foltern ertragen.

Es gibt nichts Schlimmeres als die Folter. Schon die Vorbereitung, in eine Zelle gebracht zu werden und mit ansehen zu müssen, wie sich Folterer auf ihr Werk vorbereiten – ist das Schlimmste, was einem Menschen passieren kann. Wenn man aber Folter ertragen hat, überkommt einen irgendwann ein Gefühl großer Genugtuung, dass man das bewältigt hat.

Im Dezember 1944 wurden Sie so schwer verletzt, dass man Sie für tot hielt. Sie wachten in einem Leichenschauhaus auf.

Zur Zeit des Bürgerkrieges war das nicht einmal etwas Besonderes. Man war umringt von Toten und nahezu täglich mit dem Tod konfrontiert, oft selbst in einer todesähnlichen Verfassung.

Haben Sie heute, im Alter von 77 Jahren, Angst vor dem Tod?

Es wäre eine Lüge zu sagen, dass ich keine Angst davor hätte. In meinem Alter ist mir aber bewusst, dass der Tod kommt, und ich habe mich mit dem Gedanken angefreundet.

Übersetzung: Mareike Hubel.

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