Kultur : Die bleierne Teilzeit

Helmut Böttiger

Im Laufe der neunziger Jahre hatte Matthias Politycki dann eine Idee. Bisher war er durch sprachverliebte Gedichte aufgefallen und einen dickleibigen Roman, der ihn vor allem bei Arno-Schmidt-Enthusiasten bekannt machte, aber jetzt schrieb er an einem Buch, das den fast genialen Titel "Weiberroman" tragen sollte, und da musste etwas passieren.

Politycki besann sich auf seine Generationserfahrung. Saßen in den Funkhäusern, in den Redaktionen, in den Kulturverwaltungsstuben mittlerweile nicht viele von denen, die langsam auch 40 geworden waren und anfingen, an den Schläfen grau zu werden? Solche, die eben nicht in den bewegten sechziger, sondern in den siebziger Jahren geprägt worden waren? Diese Generation schien gar nicht zu existieren. Für 1968 war sie zu spät gekommen, für den Punk und das ganze Techno-Computer-Zeug war sie zu alt. Da begann Matthias Politycki, der "78er-Generation" eine Stimme zu geben. Er schrieb Zeitungsartikel, die Überschriften hatten wie "Literatur muss sein wie Rockmusik" und in denen die siebziger Jahre wie ein Phönix aus der Asche auferstanden. Da hatte es auch ein Leben gegeben. Da gab es Partykeller und Discofieber, und unterlegt war das alles mit Elektrobässen, die von Led Zeppelin oder Lynyrd Skynyrd unter Strom gesetzt wurden.

Politycki traf damit einen Nerv. Denn die, die es vor allem anging, waren eigentlich immer ein bisschen verschämt, wenn die Sprache auf die Umstände ihrer Sozialisation kam: diese alles abschnürenden Jeans mit dem weiten Schlag und die heruntermoderierten Hippiefrisuren mit Zottelhaar und Kräuselbart. Und Koteletten, mit denen man von vornherein aussah wie ein Sexualstraftäter. Dabei war man im tiefsten Innern doch so harmlos.

Mit Berechnung, mit einer kalkulierten Erfolgsstrategie hatte Polityckis "Weiberroman"- und "78er"-Offensive dennoch nicht viel zu schaffen. Das Generationenthema ist ein Problem, das ihn wirklich umtreibt, ein nachgetragener Erfahrungshunger. Und dass er ein recht sympathischer Kommunikator ist, weiß jeder, der mit ihm zu tun bekam. Er sucht nach Gemeinsamkeiten, wo immer es welche geben könnte, und findet oft auch welche. Er hat jetzt, nach einem Jahr, zum zweiten Mal zu einer Art Klassentreffen der 78er-Generation auf Schloss Elmau in Oberbayern eingeladen, die Veranstaltung hieß programmatisch "Ohne Titel". Außer, dass jeder ein Fünf-Minuten-Statement abgeben sollte über das, was ihm momentan wichtig scheint, gab es keine Vorgaben. Die Eingeladenen mussten außerdem Anreise und Unterkunft, entgegen sonstiger Gewohnheiten, selbst bezahlen: Wer kam, musste es recht ernst meinen.

Autoren, Journalisten und Lektoren waren auf der Elmau gleichermaßen versammelt, ingesamt 39 an der Zahl. Es ging auch darum, Netzwerke zu knüpfen, um eine Positionierung im Literaturbetrieb. Der karriereorientierte Journalist (momentan angesagt: ein unterkühlter Bescheidwisser-Gestus, der von ein paar Semestern Systemtheorie herrührt) war genauso vertreten wie der Autor, der seine Medientauglichkeit erproben möchte. Es schien jedoch, bei aller früh antrainierten Fähigkeit, sich als ein auf sich allein gestelltes Ich durchs Leben zu schlagen, jenes gemeinsame Bedürfnis zu geben, das Politycki anhand der diffusen 78er-Generation entwickelt hatte: den Seilschaften der 68er endlich etwas entgegenzusetzen, ganz zu schweigen von den Seilschaften einer "Generation Golf", die weitaus effektiver ist und die 78er schon längst überflügelt hat.

Das Gefühl, es geschafft zu haben, ist untypisch für die 78er-Generation. Aber auf Schloss Elmau wurde daran gearbeitet. Das Grundgefühl derer, die Ende der siebziger Jahre studierten und nach 1980 hinaus ins feindliche Leben entlassen wurden, war ja das der Leere. Wenige Jahre vorher hatten ihnen die 68er alles weggenommen, was es an bürgerlicher Karriere zu machen gab, ob an den Universitäten oder in den Medien, ja sogar in den Lehrerzimmern. Nicht einmal die so verachtete Studienratsexistenz stand als Notnagel zur Verfügung. Binnen kurzer Zeit hatte die breite träge Masse der 68er-Generation, die, für die es zu nichts anderem reichte, diesen bequemen letzten Ausweg verstopft.

Deswegen gab es eine immer größere Zahl von Studienabbrechern, ein weit verbreitetes Gefühl der Sinnlosigkeit und der Suche nach sich selbst. Man fand sich in Lebensformen wieder, auf die man nicht vorbereitet war: Taxifahrer, Kohlenträger, Bierzapfer, Umschüler, Teilzeitkraft. Der Mainstream der 68er versackte in den Institutionen und wurde eins mit denselben, nur eine kleine Minderheit der 68er scheiterte an ihren Idealen. Die Mehrheit der 78er jedoch hat es nie zu etwas gebracht. Sie sitzt heute noch auf ABM-Stellen, auf Jobs mit 8 Stunden in der Woche, in unendlich freier Mitarbeit, oder reist quer durch die Republik von Schwangerschaftsvertretung zu Auslandssemestervertretung. Eine Minderheit der 78er sitzt jetzt wenigstens auf Schloss Elmau.

Vielleicht ist bei ihnen deshalb so viel von "Vergnügen" die Rede, von Parodie und von Spiel. Das "Vergnügen" als Kategorie der ästhetischen Diskussion ins Spiel gebracht zu haben, ist zweifellos das Verdienst einiger 78er. Uwe Wittstock etwa hat Anfang der neunziger Jahre als Lektor des S. Fischer Verlags eine Debatte über die Verkäuflichkeit deutschsprachiger Literatur angezettelt und es geschafft, das als Thema der Literaturkritik laufen zu lassen. Vergnügen und Amüsement: Dahin hat man sich dann im Laufe der achtziger und neunziger Jahre, als eh alles zu spät war, hinübergerettet. Und deswegen bekommen auch die Siebziger im Nachhinein diesen Abglanz, ganz so, als ob man damals wirklich ernsthaft die ZDF-Hitparade mit Dieter Thomas Heck angeschaut hätte.

Was in den siebziger Jahren im allgemeinen Bewusstsein das Feld beherrschte, taucht heute merkwürdigerweise kaum mehr auf. Das Problem der Kriegsdienstverweigerung zum Beispiel, das Jahre kosten konnte. Der Radikalenerlass und die Berufsverbote. Und es ging damals auch nicht um einen kinderzimmer-kompatiblen Ekstase-Ersatz wie Hardrock, wie es Politycki proklamiert. Eher darum, zum Jazz-Festival nach Moers zu fahren, um den Kamikaze-Jazz des Yosuke-Yamashita-Trios aus Japan zu hören. Ausschlaggebend waren ferner Hausbesetzer und Kernkraftgegner. Die Wortführer von damals waren immer mit den Ausläufern irgendeiner K-Gruppe beschäftigt, lobten Stalin und arbeiteten sich anschließend spontimäßig in Wohngemeinschaftsritualen ab. Es wäre aufschlussreich, zu erforschen, wie eine Schnittmenge zwischen den Wortführern von damals und denen von heute aussähe. Gibt es sie etwa gar nicht?

Sicher, unter denen, die es heute in die Medien geschafft haben, gibt es ein paar, die "Hollywood" sagen, so wie sie früher "Stalin" gesagt haben. An ihrer Verbissenheit sind sie zu erkennen, und so haben sie, im Gegensatz zu den Kohleträgern und Umschülern, doch Karriere gemacht. Aber das ist die Ausnahme. Gemeinhin sagt man "Hollywood" eher so, als ob es etwas anderes gar nicht geben könnte, nicht einmal in der Vergangenheit.

Wir haben uns ziemlich gut unterhalten auf der Elmau. Der Begrüßungs-Umtrunk am ersten Abend im "Salettl" erinnerte ein bisschen an die frühere Gegenbuchmesse. Die Altersspanne war auch geschickt nach unten erweitert worden: Die jüngsten Teilnehmer waren Anfang dreißig, so dass neben der 78er- auch Spurenelemente der 88er- und vielleicht gar einer 83er-Generation repräsentiert waren. Obwohl es keine Abschluss-Resolution gab, keine gemeinsame Erklärung, kein Resümee, war es verblüffend, wie lebhaft die Diskussionen geführt wurden - ganz im Gegensatz zu vielen "Werkstattgesprächen", die von etablierten Institutionen ausgerichtet werden. Von morgens um neun bis in den frühen Abend wurde über die jeweiligen, genau abgestoppten Fünf-Minuten-Statements debattiert, wobei keiner wusste, wann genau er dran war: Nach jedem Statement wurde ein neues Los gezogen. Dass das alles so gut funktionierte, lässt auf ein gemeinsames Interesse schließen. Worin besteht es?

Man sprach über einen Realismus nach dem Realismus, über die Veränderung der Wirklichkeitserfahrung durch die medialen Realitäten, über den 11. September und die Thesen Heinz Schlaffers. Man sprach über den Zusammenhang von Ironie und Pathos, über die Bildungsmisere und dass es mit dem althergebrachten Verständnis von Literatur eh vorbei sei. Man war sich nicht einig, man interessierte sich für völlig unterschiedliche Dinge, aber man interessierte sich sehr dafür, da zu sein. Vielleicht definiert das diese Zwischengeneration am besten.

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