Kultur : Die bleierne Zeit

Strandgut der Geschichte: Für „Die Erde weint“ ließ Theo Angelopoulos ein Dorf bauen und versenkte es. Ein Mythenreigen im Berlinale-Wettbewerb

Christiane Peitz

Wer sich einen Angelopoulos-Film anschaut – der auch noch 170 Minuten dauert und „Die Erde weint“ heißt –, macht eine seltsame Zeiterfahrung. Die gleichsam schwebenden Kamerafahrten, die unendlich langsamen Plansequenzen von Flussufern, Straßenzügen und Menschengruppen, die Traumbilder und Historientableaus, der bleierne Himmel, die Melancholie der Farben – all das lässt das Blut gleichsam in den Adern stocken. Ein Film wie eine Ewigkeit: Das Herz schlägt langsamer. Trance ist gar kein Ausdruck.

„Die Erde weint“ ist der zwölfte Film von Theo Angelopoulos, dem griechischen „Regisseur der Geschichte“, wie er gerne genannt wird. Und es ist der erste Teil seiner Trilogie über Griechenland im 20. Jahrhundert, nach eigener Auskunft sein opus magnum. Es beginnt mit der Ankunft griechischer Flüchtlinge aus Odessa, darunter auch das kleine Mädchen Eleni. Ein Waisenkind, das sich an der Hand eines Jungen festhält, dessen Familie sie mitgenommen hat. Der (namenlos bleibende) Junge, Sohn des Patriarchen Spyros, wird später ein begnadeter Akkordeonspieler sein, sich einer Musikertruppe anschließen und nach Amerika gehen.

Eleni und der Akkordeonspieler (Alexandra Aidini und Nikos Poursanidis) – eine Liebe fürs Leben. Sie erleiden Exil und Vertreibung, Flucht, Elend, Unterdrückung, Hunger, Gewalt, Trennung, Krieg: das 20. Jahrhundert als griechische Tragödie. Am Ende ist Elenis Liebster verschollen, ihre Zwillingssöhne sind auf den Schlachtfeldern der Geschichte gefallen. Die Witwe stößt einen Schrei aus, auf den noch rauchenden Trümmern ihres Stiefelternhauses. Was für ein Drama. Was für ein Kitsch.

Das Meer weißer Bettlaken am Ufer. Die schwarz beflaggten Ruderboote, die hinter dem Floß mit Spyros’ Sarg über den See gleiten. Das Hochzeitskleid, das an verkohlten Balken baumelt. Das Theater in Thessaloniki, das Flüchtlinge beherbergt: Wäsche auf den Balustraden, Koffer im Parkett, in den Logen hausen Familien. Stillleben mit gestapelten Stühlen. Oder mit Café-Tischen an der Strandpromenade. Dachlandschaften im Elendsviertel von Thessaloniki. Dampflokfahrten, von links nach rechts, von rechts nach links, Ritual einer Welt ohne Heimat. Es regnet ununterbrochen. Und das eigens für den Film am Kerkini-See errichtete Lehmziegeldorf versinkt in den Fluten.

Ein echter Angelopoulos: Hier geht es nicht um lebendige Menschen, sondern um Symbole, um mythische Figuren. Hier ist jedes aufwendig inszenierte Bild eine Chiffre, die sich ins Gedächtnis einbrennen soll. Das permanente leise Stimmengewirr, das Knattern der Laken, das Schmatzen der sumpfigen Dorfwege verdichtet sich zum Raunen der Menschheitsgeschichte. Wie in „Die Wanderschauspieler“, in „Der schwebende Schritt des Storches“ oder im „Blick des Odysseus“ arrangiert der magische Poet unter Europas Autorenfilmern das Strandgut der Geschichte zu wundersamen Kinokompositionen. Oder ist’s doch nur Dekor? Mit der Zeit wird man mürbe vor so viel Kunstanstrengung.

Eleni, die große Tragödin. Die Musiker mit Fiedel, Klarinette und Toumbeleki als Meister der Wehmut (deren Tanzmusik trotzdem mehr nach Folklore klingt). Die Zwillingssöhne als zuletzt feindliche Brüder. Adam und Eva, Kain und Abel, Sintflut und Sündenfall, Odysseus und Ödipus, Antigone und die Sieben von Theben – drunter tut’s Angelopoulos nicht.

Und bewirkt das Gegenteil: Vor lauter archaisch-heiligem Ernst sehnt man sich irgendwann nach schnödem Amüsement. Nach Kinohelden, die nicht nur existentialistischen Kummer, sondern auch mal ganz gewöhnlichen Hunger haben, die reden und albern wie du und ich oder sich komödiantisch rasante Wortwechsel liefern. War er nicht prima, der alberne Spaß mit Jack Nicholsons Hintern in „Was das Herz begehrt“? Und spielte in „Der Blick des Odysseus“ nicht wenigstens Harvey Keitel mit?

Mit „Die Erde weint“ betreibt Theo Angelopoulos nicht nur die Mythifizierung der Geschichte, sondern auch die Seligsprechung seines eigenen Werks. Dagegen ist die Bibel ein Groschenroman.

Heute, 15 Uhr und 21 Uhr (Royal Palast)

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