Kultur : Die blinde Offenbarung

Den Befürwortern des Irak-Kriegs fehlt das Augenmaß. Aber auch seinen Gegnern /Von Claude Lanzmann

-

Claude Lanzmann, 1925 in Paris geboren, wurde mit seinem neunstündigen Dokumentarfilm „Shoah“ von 1985 berühmt. Darin befragt Lanzmann überlebende Opfer und Täter des Nationalsozialismus nach ihren Erinnernungen; viele von ihnen sprechen vor seiner Kamera zum ersten Mal. Während des Zweiten Weltkriegs war er als Schüler in der Résistance aktiv. Nach seiner Dissertation in Philosophie unterrichtete er zunächst an der Freien Universität Berlin, wurde 1952 Mitarbeiter der von JeanPaul Sartre und Simone de Beauvoir gegründeten Zeitschrift „Les Temps Modernes“ und ist bis heute ihr Herausgeber. Seit den siebziger Jahren drehte er zahlreiche Filme über jüdisches Leben der Vergangenheit und Gegenwart. 1973 enstand seine Dokumentation „Warum Israel?“, 1994 kam „Tsahal“ heraus, ein Film über die israelische Armee. Im Februar schloss er sich in einem Artikel in der französischen Tageszeitung „Le Monde“ der Mehrheit der französischen Kriegsgegner an und kritisierte die Angriffspläne von George W. Bush. Jetzt meldet er sich erneut zu Wort, bekräftigt seine Haltung, macht sich aber gleichzeitig Sorgen angesichts der zunehmenden antijüdischen Stimmung bei den französischen Friedensdemonstrationen. Claude Lanzmanns neuer Film „Sobibor“, der heute in den deutschen Kinos startet (Tsp. vom 2. April), dokumentiert den einzigen erfolgreichen jüdischen Aufstand in einem Konzentrationslager. (Tsp)

Heute, am 31. März, zwölf Tage nach dem Beginn der Militäroperationen im Irak, ist meine Ablehnung gegenüber dem Krieg noch heftiger als vor eineinhalb Monaten, als ich seinen vorprogrammierte Planung kritisierte. Ich frage noch einmal: Hat man das Recht, ein Land zu zerstören, um es von einer Diktatur zu befreien, die für die Welt keine nachweisliche Bedrohung darstellt, so erbarmungslos sie auch sein mag?

Wie auch immer der Krieg ausgehen wird: Ich halte ihn für ungerechtfertigt, unnütz und kurzsichtig. Er ist voller unvorhersehbarer Gefahren und wird sich destabilisierend auswirken – was seinen erklärten Zielen exakt entgegengesetzt ist. Die von der Weltpolizei versprochene Tracht Prügel – schon das Wort „Prügel“ signalisiert eine Infantilisierung der Politik – verwandelt sich vor unseren Augen in einen schrecklichen, mit Sicherheit dauerhaften Krieg.

Aber die Gefahr lauert auch in unseren eigenen Straßen. Skandalöse Gleichsetzungen und unzulässige Vermischungen gehören neuerdings zu den Ritualen „pazifistischer“ Demonstrationen. Man verbrennt israelische Fahnen oder übermalt ihre Davidsterne mit Hakenkreuzen, und je länger diese empörenden antijüdischen Aggressionen andauern, desto weniger scheinen sie überhaupt jemanden zu empören. Man setzt den Irak mit Palästina gleich, so wie es auch in den Parolen Saddam Husseins geschieht. Man vereinigt die Namen von Bush und Sharon zur Neuschöpfung „Busharon“ und macht Israel einmal mehr zum idealen Sündenbock, während Israel sich doch offensichtlich dem Krieg fern hält, ihn mit gutem Recht fürchtet und ihn nie gewollt hat.

Solche überspitzten Vereinfachungen rufen dazu auf, sich nach Art des Totalitarismus unter einer einzigen Fahne zu versammeln und sich einen schwarz-weißmalerischen Wortschatz zu Eigen zu machen. Wie in schlimmsten stalinistischen Zeiten wird es uns nahe gelegt, dem einen Lager vorbehaltlos zuzustimmen, aus Angst, dem anderen zugerechnet und somit des Hochverrats schuldig zu werden.

Dennoch verurteile ich diesen Krieg, und das mit umso größerer Gewissheit, als ich mir im Gegensatz zu den zahlreichen Demonstranten dieser Tage des Ausmaßes der Ereignisse vom 11. September 2001 bewusst bin, ihrer radikalen Neuheit und ihres Grauens. Aber jeder weiß: Die Anschläge vom 11. September 2001 können weder Saddam Hussein noch dem irakischen Regime angelastet werden.

Alle von George W. Bush angebrachten Vorwände, den Irak anzugreifen, haben sich als Unwahrheiten herausgestellt. Inzwischen sind die Masken gefallen, es wird nicht mehr gelogen. Oder vielmehr: Es wird anders gelogen, man belügt sich jetzt selbst. Dieser Krieg sollte ein Sonntagsspaziergang werden, mit der Blume im Gewehrlauf. Viele stellten sich vor, die Marines würden ausschließlich als Befreier empfangen werden, man würde ihnen Bonbons und andere Leckereien mitgeben, die sie den Kindern von ihren Panzern aus zuwerfen könnten; und die in die Divisionen integrierten, „eingebetteten“ Journalisten sollten in Bild und Ton das unbesiegbare Vorrücken der Armada dokumentieren. Schließlich würde es noch die „Humanitären“ geben. Sie sollten an den Grenzen riesige Zeltlager vorbereiten, um den massiven Zustrom von Flüchtlingen aufzunehmen. Dieser Flüchtlingsstrom würde die letzten Zuckungen und den Sturz des Terrorregimes begleiten.

Ein tragischer Irrtum. Wer derart arrogant die eigenen Kräfte überschätzt und den anderen, also den Gegner, verachtet, kann sich kaum schwerer täuschen: Man denke nur an Donald Rumsfeld, wie er mit hassentstelltem Gesicht „Furcht und Schrecken“ verspricht. Nein, die Flüchtlingscamps sind leer, die Iraker kehren freiwillig zurück und greifen zu den Waffen. Trotz aller Erwartungen und frommen Wünsche steht die irakische Bevölkerung fest zusammen, weit davon entfernt, sich gegen Saddams Regime zu erheben. Stattdessen schreit sie den ausländischen Eindringlingen ihren Hass entgegen.

Die Superhirne in Washington, die eine „Neugestaltung“ des mittleren Ostens versprechen, haben diesen irakischen Patriotismus in keiner Weise vorhergesehen. Sie haben sich nicht klargemacht, dass es die Menschen zu jedem Zeitpunkt der Weltgeschichte verstanden haben, die eigene Unterdrückung in einen Wert umzudeuten – Tradition und Kultur sind oft nichts anderes als Manifestationen solcher Umdeutungen. Die Menschen identifizieren sich dann mit dieser gleichsam verklärten Unterdrückung und verteidigen sie bis zum Tod.

Haben die Alliierten die gewaltige Solidarität mit den Irakern vorausgesehen, die in den Straßen, den Moscheen, den Universitäten von Kairo, Amman und Islamabad freigesetzt wurde? Haben sie die Konsequenzen dieser Solidarität für die so genannten gemäßigten Regime bedacht? Mit welchen Augen sehen sie den Ansturm der Hungernden von Basra und Umm Kasr, die unter den verstörten Blicken der britischen Royal Marines um die Lebensmittelrationen kämpfen, die von den Lastwagen der „Humanitären“ herbeigebracht werden?

Gut, der Präventivkrieg führt neuerdings das Humanitäre gleich im Gepäck mit: Denn der Wiederaufbau wird noch vor der Zerstörung geplant. Das ist die neueste Variante des Rechts auf Einmischung, die es den Siegern erlaubt, im Namen des Guten jede beliebige Apokalypse zu entfesseln. Aber die Offenbarung liegt nicht in unserer Hand. Sie ist ihrem Wesen nach blind.

Aus dem Französischen von Jens Mühling.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben