Kultur : Die Bombe im Kopf

Spielzeit Europa im Berliner Festspielhaus : Stéphane Braunschweigs „Gespenster“

Jan Oberländer

Regenwetter. Bevor der Vorhang aufgeht, plätschert es aus den Lautsprechern. Die Bühne ist ungemütlich: ein kahles, kühles Zimmer, mit schwarzen Dielen und einer weißen Tür in jeder der drei durchsichtigen Gazewände. Den Guckkasten umschließt ein zweiter Raum: noch mehr Wände, noch mehr Türen. Die beiden Fenster ins Freie wirken vergittert. Es ist eine puritanische Gefängniszelle, in die Regisseur Stéphane Braunschweig, der seine Bühnen selbst zu entwerfen pflegt, nichts als zwei weiße Stühle gestellt hat. Zwischen denen wird die Inszenierung zweieinhalb Stunden lang stehen.

Tragisch oder komisch? Im Programmheft zu seiner Inszenierung von Henrik Ibsens bigotteriekritischem Drama „Gespenster“ (einer Koproduktion des Schauspiels Frankfurt mit dem Strassburger Theater) beschwört Braunschweig die „tragikomische Dimension“ des „lebenslangen Kampfes mit der Angst“. Und wirft die aufklärerische Frage auf, ob die in dem 1882 uraufgeführten Stück als „Gespenster“ bezeichneten unhinterfragten Moralvorstellungen (Gefängnis! Türen!) nicht eigentlich „bequeme Ausflüchte“ seien, die „von den Lebenden aus Angst vor dem Leben immer weiter genährt werden?“ Die Hoffnung (nicht die Erlösung!) liege darin, seine Dämonen zu akzeptieren, anstatt sie zu vernichten. Hauptsache, man redet drüber.

Die Vorgeschichte: Der angesehene Kammerherr Alving führt insgeheim ein exzessives Lotterleben und stirbt an Syphilis. Als Helene den Familienpastor Manders um Hilfe bittet, ermahnt der sie, ihre eheliche „Pflicht“ zu erfüllen. 19 Ehejahre lang hält Helene den „Abgrund“ nach außen hin verdeckt. Sohn Osvald schickt Helene nach Frankreich, er soll von den Ausschweifungen des Vaters unberührt bleiben. Als Alving das Dienstmädchen schwängert, wird es zur Tarnung mit dem Tischler Engstrand verheiratet. Mittlerweile arbeitet die Tochter, Regine, als Dienstmädchen bei Helene. Die will sich mit einem letzten Imagepflegeprojekt, dem Bau eines Kinderheims, vom Erbe ihres Mannes befreien.

Hier setzt das Stück ein. Die Geister der Vergangenheit kehren zurück, als Helene hört, wie Osvald (Daniel Christensen), der auf unbestimmte Zeit zu Besuch ist, mit Regine knutscht – das Licht wird grell, die Gazewand durchsichtig. Helene (verhärmt, aber aufrecht: Friederike Kammer) sinkt zu Boden: „Gespenster!“

Pastor Manders, den Udo Samel als armrudernden Moralclown spielt, ist das Obergespenst. Eine Witzfigur, eine mit gefährlicher Autorität. Ein brüllendes Kind, wenn er mit schlotternden Backen Zucht und Ordnung befiehlt, schwitzend und japsend, wenn echtes Leben hinter der sozial erwünschten Fassade durchscheint. „Was ist mit der Wahrheit?“, wird er gefragt. Er antwortet: „Was ist mit dem Ideal?“

Wenn Manders sich allerdings das Ideal zum eigenen Vorteil verbiegt, scheint er das gar nicht zu bemerken. Der hinkende Tischler Engstrand (Uwe Bertram) weiß genau, was der Pastor hören will: Das Bein hat er sich in der Matrosenpinte gebrochen, natürlich nicht bei einer Schlägerei, sondern als er die saufende Meute zu Christus bekehren wollte. Und das vom Kammerherrn Alving schwangere Hausmädchen hat er aus Nächstenliebe geheiratet, nicht wegen des Geldes. Da sprechen zwei den gleichen Code, spielen sich die gewünschten Rollen vor. Schütteln Hände und klopfen Schultern. Klar, dass Engstrand nicht petzt, wer das Kinderheim in Brand gesteckt hat. Und auch klar, dass der Pastor ihm dafür den Bau eines „Seemannsheims“ finanziert, das in seiner Bestimmung als Kapitänspuff die Namenspatenschaft des „Kammerherrn Alving“ durchaus verdient.

Am Ende gewinnen die Opportunisten. Das weiß auch die ehrgeizige Regine (Ruth Maria Kröger). Als sie erfährt, dass Osvald krank ist, verlässt sie ihn. Regine ist die einzige Figur mit Zukunft. Stéphane Braunschweig inszeniert die „Gespenster“ texttreu, unüberraschend und wenig mutig. Die Konflikte werden absichtlich nicht ins Heute geholt – und bleiben abstrakt. Die bittere Komik des Zeigefingerpastors und die Tragik der gespenstergeplagten Alvings scheinen sich gegenseitig wegzukürzen. Einzig das Licht (Marion Hewlett) traut sich was – auf die Gefahr hin, für Verwirrung zu sorgen. Osvald erzählt seiner Mutter von seiner „geistigen Zerrüttung“ – das Gespenst der vom Vater geerbten Syphilis, während es von draußen orange hereinscheint: die Glut des inneren Wahnsinns. Später dann, als das Kinderheim brennt, ist der Himmel tiefblau.

Auch am Ende entscheidet Braunschweig sich – wie Ibsen – dafür, sich nicht zu entscheiden. In Osvalds Kopf explodiert die Zeitbombe, während Helene im Nebenraum steht, die Morphiumdose in der Hand. Unsere Geister gehören zu uns. Sollen wir sie umbringen? Durchs Fenster fällt ein heller Strahl auf Osvalds Gesicht. Die Morgensonne. Oder ein inneres, gleißendes Nichts.

Noch einmal heute, 20 Uhr.

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