Kultur : Die Bosporus-Connection

Filmfest Istanbul: Die türkische Metropole hat viele Gesichter – nicht nur im einheimischen Kino

Daniela Sannwald

„Istanbul, erzähl mir“ heißt der Gewinner des Filmfestivals Istanbul, und der Titel ist Programm. Nicht nur die neue Generation türkischer Regisseurinnen und Regisseure benutzt die Stadt am Bosporus als Kulisse, auch Ausländer entdecken die flirrende, wuselige Trend-Metropole. Letzten Sommer drehte Hannes Stöhr hier eine Passage für „One Day in Europe“ und Fatih Akin seinen nach Cannes eingeladenen Musikerfilm „Crossing the Bridge“. Auch Bill Gates besuchte die Stadt und war so begeistert, dass er seine jüngste Software nach ihr benannte. Außerdem kommt demnächst „Zimt und Koriander“, ein griechischer Film über Gewürze und Stadtentwicklung am Beispiel Istanbuls ins Kino. Und hoffentlich auch „Istanbul, erzähl mir“ von Regisseur Ümit Ünal.

Ünal rollt seine raffiniert konstruierte Fabel vom Tod eines Mafiabosses in fünf Episoden auf. Er und vier weitere Kollegen haben je eine Episode inszeniert, in denen es verschiedene Perspektiven, aber gemeinsame Protagonisten gibt. Vage orientiert sich der Film an Märchenmotiven, wobei die Prinzessin auch transsexuell, der Zwerg weiblich, der Prinz Analphabet und die böse Schwiegermutter eine Konzernchefin sein kann. Und die Gangster-Wölfe streifen durch das Gassengewirr des nächtlichen Beyoglu. Im letzten Bild versammeln sich die Märchenfiguren auf einer Brücke, die einst das Goldene Horn überspannte. Jetzt ist sie nur noch eine Ruine. Es bleibt offen, ob sich die Protagonisten wie Lemminge hinunterstürzen werden, den zauberischen Melodien zum Trotz.

Ein ganz anderes Istanbul-Bild findet sich in „Yazi Tura“ (Kopf oder Zahl), das Erstlingswerk des bisher vor allem als Komödiendarsteller bekannten 48-jährigen Ugur Yücel. „Ein bisschen spät für ein Regiedebüt“, meint er selbstironisch, „hat dafür umso mehr Spaß gemacht, auch wenn man es dem Film vielleicht nicht ansieht.“ Ugur Yücel zeigt ein grausames, undurchdringliches Istanbul, dem die charakteristische Heiterkeit und Schwatzhaftigkeit abhanden gekommen sind. Keine Spur von den Postkartenansichten der Angler auf der Galata-Brücke, vom internationalen Menschengewimmel auf der Prachtstraße Istiklal, von der Architektur der großen Moscheen. In seinen besten Momenten erinnert das finstere, pessimistische Werk über die Kriegstraumata zweier Veteranen des Feldzugs gegen die Kurden an die Intensität von „The Deer Hunter“.

Die jungen türkischen Kritiker, die sich dem westeuropäischen Kulturkreis verbunden fühlen, sind trotzdem unzufrieden mit „Yazi Tura“. Der Film zeige eine reine Männerwelt und reproduziere ein längst überholtes Türkei-Bild, sagen sie. Denn gerade in Istanbul besetzen die Frauen längst Schlüsselpositionen an den Universitäten oder im Kulturbetrieb. Und zunehmend auch in Wirtschaft und Politik.

Andere Filme verzichten ebenfalls auf die typische Istanbul-Ikonografie, kann die Stadt doch jede erdenkliche Location bieten. Davon profitiert auch „5. Kat“ (5. Stock), eine Dokumentation über eins der angesagtesten Restaurants der Metropole. Und das Istanbul der kleinen Leute in den Stadtvierteln Kumkapi und Eminönü findet sich in Mainstream-Dramen wie „Kalbin Zamani“ (Herzenszeit) und „Gönül Yarasi“ (Herzwunde) oder auch im Arthouse-Film „Melegin Düsüsü“, der bereits auf der Berlinale zu sehen war und den Preis der internationalen Filmkritik gewann. In „Gönül Yarasi“ spielt Sener Sen, seit 30 Jahren einer der Stars des türkischen Kinos, wieder einmal einen ältlichen Onkel, der zwar das Herz der von ihm angebeteten Frau erobern kann, mehr aber nicht. Das liegt nicht nur an seinem gestreiften, hoch geschlossenen Pyjama, sondern vor allem daran, dass Liebesfilme im türkischen Kino in der Regel kein Happy-End haben. Oft überlebt nur einer der Liebenden.

Oder gar keiner, wie im einzigen Bodrum-Film des Festivals, dem trashigen „Balans ve Manevra“ (Balance und Manöver), einer schrillen Hymne auf die Vulgarität. Aber vielleicht ist es ja ein wenig erträglicher, in Istanbul an Liebesleid zugrunde zu gehen als in Hannover, Stuttgart oder Berlin.

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