Kultur : Die Botschaft hör ich wohl…

Wende oder Windei? Die jahrelang skandalös verschleppte Topographie des Terrors in Berlin soll mit einem neuen Bauvorschlag gerettet werden

Christina Tilmann

1998 erschien in der Zeitung „Neues Deutschland“ ein Artikel, in dem der Berliner PDS-Abgeordnete Thomas Flierl den damaligen CDU-Kulturstaatssekretär Lutz von Pufendorf empört fragte, warum es schon wieder eine Verzögerung bei der Topographie des Terrors gegeben habe. Es sei ein Skandal, dass der Termin der Fertigstellung über das Jahr 2000 hinaus verschleppt würde.

Fünf Jahre später sitzt man immer noch zusammen – und ist keinen Schritt weiter. Thomas Flierl ist inzwischen Kultursenator, Lutz von Pufendorf aus der Politik geschieden. Das Gelände des ehemaligen Prinz-Albrecht-Palais jedoch, in dem Heinrich Himmler als Chef der Gestapo und der SS Terror und Völkermord über Deutschland und Europa verbreitete, ist immer noch eine Brachlandschaft. Drei Treppentürme sind das einzige, was von dem geplanten Dokumentationszentrum bislang verwirklicht wurde. Tausende von Touristen, die jährlich das Gelände mit dem kleinen, provisorischen Open-Air-Museum besuchen, fotografieren diesen Zustand. Mit der Fertigstellung wird nicht vor 2007 gerechnet – wenn überhaupt.

Was hier inmitten der Hauptstadt geschieht oder vielmehr nicht geschieht, ist ein politischer Skandal, der nicht dadurch geringer wird, dass er so lange anhält. In einer Zeit, in der leidenschaftlich über Daniel Goldhagen, Norman Finkelstein oder auch Jörg Friedrich gestritten wird, in der das öffentliche Interesse immer stärker den Tätern gilt, wird der Ort, an dem die nationalsozialistischen Verbrechen geplant wurden, behandelt wie jede x-beliebige Bauruine. Schlimmer noch: Er wird zur Disposition gestellt.

Vor einigen Wochen trafen sich Kultursenator, Bausenator und Trägerverein der Topographie, um darüber zu beraten, ob man sich nicht von Architekt Peter Zumthor und seinem Entwurf trennen könne. Der Grund: Die mit der Errichtung des Rohbaus beauftragte Baufirma war nach zehnjähriger Planungsphase 2002 über dem von 36 Millionen Mark auf über 38 Millionen Euro angewachsenen Bauvolumen pleite gegangen. Eine Neuausschreibung hatte ergeben, dass keine Firma bereit war, zu diesem Preis den Bau zu übernehmen. Das billigste Angebot lag rund 3,2 Millionen Euro über dem Betrag, auf den das Bauvorhaben durch Bund und Berliner Parlament gedeckelt wurde.

Dieses dem Parlament zu eröffnen, noch einmal öffentlich das eigene Versagen einzugestehen und beim Bund um eine erneute Erhöhung der Bausumme zu betteln, hat Bausenator Peter Strieder strikt abgelehnt. „Wenn das Projekt nicht zu dieser Summe zu bauen ist, wird es nicht gebaut“, hat er – so erzählt es sein Senatsbaudirektor Hans Stimmann – verkündet. Das sei „gegen seine Ehre.“ Warum es nicht gegen Strieders Ehre war, noch vor einem Jahr fast im Handstreich zusätzlich 6,4 Millionen Euro für das ebenfalls fehlgeplante Tempodrom vom Hauptausschuss des Abgeordnetenhauses lockerzumachen, warum auch die Bauverzögerungen und -verteuerungen bei dem Neubau der Akademie der Künste am Pariser Platz nicht gegen seine Ehre gehen, ganz abgesehen von Projekten wie dem ebenfalls wesentlich verteuerten Abgeordnetenhaus, wird nur der Senator wissen. Es passt aber in die Linie einer Politik, die ausgerechnet bei der Topographie des Terrors schärfer als bei jedem anderen öffentlichen Bau auf die Einhaltung vereinbarter Kosten pocht und damit droht, das Projekt scheitern zu lassen.

Offenbar soll an der Topographie ein Exempel statuiert werden gegenüber der Berliner Politik und Bauplanung – und gegenüber dem Architekten. In einer Stadt, in der es lange – und inzwischen offen eingestanden – Usus war, Baukosten zu niedrig anzusetzen, sie dann durchs Parlament zu bringen und im Rahmen eines Nachtragshaushalts die fehlenden Summen zu bewilligen, soll ausgerechnet die Topographie des Terrors, dieses in seiner internationalen Bedeutung nur mit dem Holocaust-Mahnmal vergleichbare Vorhaben, das erste sein, das an dieser Praxis scheitert.

Oder ist es doch so, dass Berlin sich nur deshalb so stur stellt, weil immer noch die Hoffnung besteht, dass der Bund das Unternehmen ganz unter seine Fittiche nimmt? Inhaltlich gäbe es dafür gute Gründe. Der CDU-Kulturpolitiker Norbert Lammert ist nicht der einzige, der die inkonsequente Haltung des Bundes in Sachen Berliner Gedenkstättenpolitik scharf moniert. Eine Regierung, die mit dem Holocaust-Mahnmal am Brandenburger Tor die zentrale Stätte, an der der Ermordung von Millionen jüdischer Mitbürger gedacht werden soll, komplett finanziert, die mit dem Jüdischen Museum Berlin auch das Haus, in dem das jüdische Leben in Deutschland dokumentiert wird, in ihre Hand nimmt, stellt sich ausgerechnet bei der Stätte, an der es um die Dokumentation nationalsozialistischer Verbrechen geht, taub. Wie wäre es, wenn man die Topographie des Terrors, wie Ex-Festspielchef Ulrich Eckhardt vorschlägt, nicht als Gedenkstätte, sondern als Ort politischer Bildung begreift und sie aus der 50:50-Finanzierung durch Bund und Land entlässt? Wie, wenn man ernst macht mit der Trias Mahnmal/Jüdisches Museum/Topographie des Terrors, und sie, wie Lammert vorgeschlägt, unter eine zentrale Verwaltung stellt, die Archiv, Besucherdienst und Programm koordiniert?

Zumindest müsste endlich anerkannt werden, dass es zwischen den drei Orten keine Wertigkeit, keine Hierarchie geben darf. Und selbst wenn es so wäre, ist die Topographie, der Ort, an dem erinnert wird, wer die Täter waren, bestimmt nicht die unwichtigste der drei Institutionen. Doch wie instinktlos das Projekt behandelt wird, war am Mittwochabend wieder zu beobachten. Anlässlich seines 20-jährigen Bestehens hatte der „Verein Aktives Museum“ in den Berliner Gropius-Bau geladen, um über die (örtlich angrenzende) Topographie zu debattieren. Allein: Staatsministerin Christina Weiss, als Vertreterin des Bundes geladen, ließ sich knapp zehn Minuten vor Beginn der Veranstaltung wegen Haushaltsverhandlungen entschuldigen. Der als Berliner Senator federführende Peter Strieder fehlte gleich unentschuldigt und schickte Senatsbaudirektor Hans Stimmann in den Ring, und der Schweizer Architekt Peter Zumthor, mit dem nach eigenem Bekunden zwei der Politiker auf dem Podium am selben Tag in Berlin konferiert hatten, war gar nicht erst eingeladen.

Über eine Politik, die ein Anliegen, das laut Lammert zur „fundamentalen Grundausstattung der Bundesrepublik“ gehört, so skandalös zehn Jahre lang verschleppt, werden noch die Historiker urteilen. Derweil verkündet Hans Stimmann im Auftrag des Senats tapfer ein kleines Wunder: Vor die Aussicht gestellt, sein hochgelobtes Projekt überhaupt nicht mehr verwirklicht zu sehen, habe Architekt Peter Zumthor endlich nachgegeben und sich bereit erklärt, sein Projekt noch einmal zu überarbeiten, um den durch Verzögerungen und Kostensteigerungen gesprengten Rahmen von gut 38 Millionen Euro zu halten. Die teuren „Knoten“, die die filigranen Betonsäulen des „schwebenden“ Baus miteinander verbinden, sollen von 17000 auf 6000 reduziert werden, ohne dass die ästhetische Wirkung verloren gehe. Bis zur Sommerpause sollen Zumthors veränderte Pläne vorliegen, Anfang 2004 soll der Bau wieder aufgenommen werden.

Warum das so nicht schon viel früher möglich war, ob man sich auf die Zusicherungen des Architekten wirklich verlassen könne, ob es wirklich noch zu einer Wiederaufnahme der Arbeiten kommen werde, all diese Fragen sind unbeantwortet. Nicht nur Lammert zeigt offenen Unglauben gegenüber immer neuen Durchbruchsankündigungen: Er habe so viele frohe Botschaften über die Möglichkeit der Realisierung gehört, dass es ihm schwerfalle, diese neue für die erste wahre zu halten. Doch die Einschätzung, dass die Dauerdiskussion über die Realisierung des Zumthor-Baus dem Anliegen der Topographie schon jetzt mehr geschadet habe, als die Vollendung des Baus ihr jemals werde nützen können, wird durch den fertigen Bau hoffentlich widerlegt werden.

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