Kultur : "Die Bruderschaft": Entrüstungsspirale

Andreas Austilat

Das nennt man Zeitgefühl. Der Rauch am Stadtrand von Bagdad hat sich kaum verzogen, da kommt heute der neue Grisham auf den deutschen Markt. In den USA platzte "Die Bruderschaft" gar in den Präsidentschaftswahlkampf - auch nicht schlecht. Denn im Zentrum des Geschehens steht ein Kandidat mit nur einem Programmpunkt: Aufrüstung, dass es kracht. Mehr noch, es gilt wieder, die alten Widersacher in Moskau in Schach zu halten, die gleichfalls nach der Macht greifen.

"Die Akte", "Die Kammer", "Die Firma" - Grisham schreibt keine Krimis, es geht ihm nicht um Aufklärung. Grisham schreibt Abenteuerromane für die unromantische Gegenwart, in der es keine Wüsten mehr zu erforschen gibt und keine Ozeane. Seine Helden bewähren sich in den Mühlen der Justiz. Sie fordern nicht die Elemente heraus, sondern die Mafia, die Versicherungswirtschaft oder die Tabakindustrie.

Wäre "Die Bruderschaft" ein Buch des Kalten Kriegers Tom Clancy, übrigens der Lieblingsautor des fiktiven Präsidentschaftskandidaten, stünde der Fortgang der Geschichte jetzt fest: KGB-Veteranen oder irgendein anderer allmächtiger Apparat würden dem Klarsichtigen den Weg verstellen, ihm nach dem Leben trachten, ihn in eine Intrige verwickeln. Ist aber nicht. Der neu aufflammende Rüstungswettlauf ist nur die Kulisse für das Grisham-Spiel.

Einmal mehr kämpft David gegen Goliath. David ist diesmal zu dritt: drei ehemalige Richter, die ein einziger Fehltritt aus der Höhe ihrer Stellung ins Bundesgefängnis von Trumble, Florida gestürzt hat. Hier nun spinnen sie ihre Intrigen gegen die Saturierten draußen, gegen jene, die hinter ihrer angepasst-bürgerlichen Fassade homosexuelle Neigungen verbergen. Wer auf ihre fingierten Kontaktanzeigen in einschlägigen Journalen antwortet, wird fortan erpresst. So auch der Präsidentschaftskandidat. Das ruft die CIA auf den Plan, die besagten Kandidaten aufgebaut, dabei aber dessen verdrängtes Liebesleben übersehen hat.

Der Plot klingt ziemlich schlicht und ist es auch. Moral ist nicht das Thema, Doppelmoral auch nicht. Denn Grisham hält sich wie immer nicht lange damit auf, seinen Figuren Profil zu geben. Macht ja nichts, in diese Rollen wollten wir uns sowieso nicht reindenken, weder in die jämmerlichen Richter, noch in den verkommenen Anwalt, der ihren Handlanger mimt und damit doch das schillerndste Charakter-Potenzial in der "Bruderschaft" hätte. Nicht in die Profis von der CIA, obwohl die am besten aussehen, und schon gar nicht in den blutarmen Kandidaten (wer soll den eigentlich wählen?). Bleibt das Netz, dem Grishams ganze Kunst gilt, in dem sich die Protagonisten fortan verstricken, und das auch den Leser gefangen nimmt, weil die ganze Chose ja in irgendeine Katastrophe münden muss.

Bis dann gar nichts mehr passiert. Kein Knall, null, überhaupt nichts. Die ganze Geschichte, an der Grisham 400 Seiten lang geschraubt hat, löst sich in Wohlgefallen auf, so, als ob die Leute vom Verlag gesagt hätten, Junge komm mal zum Ende, die Prospekte sind schon gedruckt.

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