Kultur : Die Brüsseler Mauern sind hoch

GREGOR GYSI

Ein kulturelles Europa muß auf den Kulturen der Regionen basieren - Doch der Hang zu faulen Kompromissen oder gar Boykottdrohungen erschweren die Einheit in VielfaltVON GREGOR GYSIDie europäische Integration muß kommen.Ohne Zweifel.Selbst die, die ernsthafte Bedenken haben und Widerspruch anmelden, andere Wege suchen und andere Ansatzpunkte fordern, wissen um ihre relative Ohnmacht.Soziale und ökologische Chancen sind im Feuer der gegenwärtigen politischen Diskussionen und der dominierenden Machtverhältnisse fast verglüht.Die Spielregeln des künftigen europäischen Marktes und der Marktbeherrscher prägen schon heute den Spielraum des politischen Handelns.Da erscheint die Frage nach Sinn, Zweck und Notwendigkeit einer europäischen Kulturpolitik wie das Schwanzwedeln eines Hundes vor dem Eurofreßnapf.Die Kultusminister der deutschen Länder verteidigen schon jetzt ihre kulturellen Hoheitsrechte, nationale Kulturinteressen werden in Deutschland über Bande gespielt, Glück hat, wer trifft.Wenn schon die Kultusminister mit ihrer geliebten Rechtschreibreform scheitern sollten, welche Chancen kann dann eine europäische Kulturpolitik zum Beispiel in Deutschland überhaupt haben? Schweizer Käse und französischer Rotwein ja, aber slowenische Musik und bosnischer Realismus in der bildenden Kunst und dann vielleicht noch auf deutsche Kosten? Es geht um unseren künftigen kulturellen Alltag und künstlerische Entwicklungen.Es geht um Bücher, Bilder, Inszenierungen, Filme und vieles mehr.Wir alle marschieren auf ein geeintes Europa zu, Staats- und Völkerrechtler konzipieren bereits heute eine künftige europäische Verfassung.Die europäische Demokratie von morgen müßte auf einem multi-ethnischen Volkssouverän aufbauen und adäquate Denk- und Verhaltensstrukturen fördern. Das Bekenntnis zum multi-ethnischen Volkssouverän erfordert geradezu die Förderung und Pflege der multi-ethnischen Kulturen und Verhaltensweisen.Aber: Europäische Kulturpolitik meint nicht nur die 15 Staaten der Europäischen Union, sondern das ganze Europa mit seinen 40 Staaten.Auch wenn das die gegenwärtige europäische Politik und auch die deutsche Außenpolitik nicht oder noch nicht wahr haben wollen.Das ganze Europa wird mehr und mehr zum Arbeitsfeld der Künstlerinnen und Künstler, zum Erlebnisfeld der Rezipienten, zum Alltagsfeld unseres kulturellen Denkens und Verhaltens.Ausstellungen und Tourneen, Koproduktionen und internationale Vermarktungsstrategien belegen das.Nur die Verantwortlichen für die nationalen Kulturpolitiken scheinen das nur schwer zu begreifen, halten mit der Entwicklung nicht Schritt. Erinnert sei nur an deren geradezu peinliche Diskussion um die "Beutekunst".Ihr Planen, Regieren und Finanzieren, ihre Förderprogramme und ihr kulturell-prognostisches Denken basieren oft noch auf Kriterien, die ausschließlich an die eigene Nationalität, Sprache und regionale Bildung anknüpfen.Ohne Zweifel: Regionalität hat das Primat.Ein kulturelles Europa muß auf den Kulturen der Regionen basieren.Der offenkundige Bedarf, das wachsende Bedürfnis an grenzüberschreitenden Beziehungen im kulturellen Bereich wird aber kaum erkannt, anerkannt und noch seltener finanziell unterstützt.Das private Sponsorentum ist hier der staatlichen Förderung um einiges voraus.Wenn man in Deutschland sich angeblich schon das Schiller-Theater oder Metropol-Theater, die Suhler Philharmonie und vieles andere nicht mehr leisten kann, was wird die dafür Verantwortlichen dann ein Stockholmer Bratschenquartett, ein internationales Kinderorchester oder europäische Mal- oder Architekturwettbewerbe interessieren? Maastricht hat zwar mit Artikel 128 einen eigenen Kulturartikel produziert, aber die Kulturpolitiker des Innen- und Außenministeriums in Deutschland streiten noch über den Unterschied "Gemeinschaft" und "Union", was man sich unter kultureller "Säule", was unter "Subsidarität" oder "Mitentscheidungsverfahren" vorstellen soll und kann, als gäbe es die Diskussionen zur Formulierung des Artikel 128 nicht.Nein, ich bin nicht sehr optimistisch, ich befürchte, europäische Kulturpolitik wird für längere Zeit auf dem Altar der noch zu entscheidenden nationalen ökonomischen und finanziellen Fragen geopfert.Die Brüsseler Mauern und die im eigenen Kopf sind hoch.Es gibt nach der Verabschiedung des Kulturartikels im Maastrichter Vertrag kein Anzeichen eines Engagements für Programme für internationalen Künstleraustausch, internationale Arbeitsstätten, Arbeitsstäbe zur Kulturfinanzierung, Strukturmaßnahmen für Naturpflege, Denkmalpflege und ähnliches.Es gibt zwar einige verwirrende Versuche, die Dinge zu beschleunigen, indem manche Politiker die Magie großer Begriffe einsetzen, aber allein mit dem Namen wie ARTEMIS oder GUTENBERG lassen sich Gemeinschaftsprogramme noch lange nicht verwirklichen. Vielleicht lassen sich die zum Handeln verpflichteten Politikerinnen und Politiker wenigstens zu festen Ladenpreisen für Bücher und CDs, zu einer international einheitlichen indirekten steuerlichen Kulturförderung oder zu Gemeinschaftsprogrammen des öffentlich-rechtlichen Funks und Fernsehens hinreißen.Aber die Verantwortlichen müssen nicht alles selbst erfinden.Der Deutsche Kulturrat, das Zentrum für Kulturforschung und viele andere kluge Leute im Lande haben seit Jahren verschiedene Vorschläge geäußert 1.Kulturelle oder künstlerische europäische Kooperation, Projekte und Absichten müssen zum Prinzip des freizügigen, freiwilligen und nicht kommerziellen oder aber des finanziell gleichberechtigten Austausches werden.Europäische Kultur, kulturelle Offenherzigkeit darf nicht durch kommerzielle Schranken verschlossen werden.Europa braucht eine kulturelle Chance und die Durchbrechung der noch dominierenden nationalen und finanziellen Fesseln. 2.Das oberste Prinzip europäischer kultureller Zusammenarbeit muß das Prinzip der Freiwilligkeit, der gegenseitigen Offenheit sein.Nationale Überheblichkeit müßte Sanktionen zur Folge haben.Komplizierte Abstimmungsverfahren, die Suche nach Kompromissen auf dem kleinsten gemeinsamen Nenner oder gar Boykottdrohungen erschweren jede Diskussion und Einigung. 3.Das Prinzip der gegenseitigen Anerkennung von Besonderheiten und Spezifika muß das Primat über nationale rechtliche Grundlagen haben, Förderungsstrukturen und Abstimmungsstrukturen prägen.Das kulturelle künftige Europa könnte die Summe gleichberechtigter, kultureller Regionen sein und zugleich neue europäische Kulturen entstehen lassen.Der Grundsatz der Solidarität im Inneren und nach außen muß dabei dominieren. 4.Wir brauchen aber auch den Austausch mit nichteuropäischen Kulturen - unter anderem auch deshalb, weil die europäische Kultur sonst weiter an Originalität und Wirkung und damit an Bedeutung verliert. Dabei habe ich überhaupt noch nicht die Fragen der allgemeinen Bildung, der beruflichen Bildung, der Kinderförderung, der internationalen Weiterbildungs- und Ausbildungsformen, der Vernetzung von Forschung und Technologie, Kultur und Umwelt und der Kooperation mit Nicht-EU-Ländern angesprochen.Ich enthalte mich des Urteils über Verantwortungen des Europarats, der Unesco, neuer und alter Stiftungen und der Notwendigkeit internationaler Sparformen und Steuerverordnungen, über Preise, Auszeichnungen, Gehälter, Honorare und ähnliches.Es scheint zu stimmen: Europa ist, wie in dieser Zeitung geschrieben, polymorph pervers.

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