Kultur : Die Büste lebt

Marmorbilder stehn und schaun dich an: Das Kolbe-Museum zeigt Schriftstellerköpfe

Steffen Richter

Nun haben wir ihn also auch in Gips, den großen Kritiker. Ganz hinten steht er, am Ende des Saales, fast ein Solitär. Von Grass oder Walser, seinen Kontrahenten in den literarischen Fehden vergangener Jahre, fehlt jede Spur. Vorteil Marcel Reich-Ranicki, möchte man meinen. Oder sollte man Grass und Walser eher anrechnen, ihren Kopf nicht hinzuhalten für die Verewigung in haltbarem Material?

Was im Georg Kolbe Museum derzeit zu sehen ist, macht zunächst den Eindruck eines Kuriositätenkabinetts. Mehr als dreißig Porträtplastiken aus dem Marbacher Schiller-Nationalmuseum und dem Deutschen Literaturarchiv sind hier versammelt – Schriftsteller und Literaturvermittler von Gerhart Hauptmann bis Siegfried Unseld. Der erste Blick fällt auf Gottfried Benn. In rötlichem Terrakotta geformt, steht sein fülliges Haupt, akkurat gescheitelt, in der Mitte des Raumes. Kein Wunder, dass ihm sein Abbild „kein angenehmer Anblick“ war und er die „Kolossalbüste, halb Caligula, halb japanischer Ringer“, in der Rumpelkammer verstaute. Nichts scheint heute – Schiller-Jahr hin oder her – befremdlicher als das Pathos versteinerter Dichter. Mit solcher Verehrung kann das 21. Jahrhundert nach den Erfahrungen mit faschistischen und stalinistischen Monumentalästhetiken nur wenig anfangen.

Die postumen Konstellationen, in die sie nun in Kolbes ehemaligem Atelier geraten, müssen sie klaglos ertragen. Ein Repräsentant wie Thomas Mann („Wo ich bin, ist Deutschland“) wäre zu Lebzeiten mit seinem Platz schräg hinter Benn, gefährlich nahe an Brechts Statue mit Zigarre, nur mäßig erfreut gewesen. Ein wahlverwandtes Pärchen bildet hingegen Clara Westhoffs berühmte Rilke-Büste und Renée Sintenis’ Maske von André Gide. Natürlich steht die römisch anmutende Büste Ernst Jüngers mit ihrer Cäsaren-Frisur nicht ohne Grund neben Martin Heideggers bronzenem, schelmisch lächelndem Philosophenkopf. Ob dem verbitterten Exilanten Robert Musil, nur durch ein Fenster von Heidegger getrennt, diese Nähe behagen würde, ist zweifelhaft. Aber irgendjemand muss schließlich neben Heidegger stehen.

Auf andere Weise nachdenklich machen die DDR-Arbeiten von Wieland Förster. Sein in sich versunkener Franz-Fühmann-Kopf oder die Erich-Ahrendt-Stele scheren sich den Teufel um sozialistisch-realistische Vorgaben. Von einem platten kunsthistorischen Schema – hier ostdeutscher Realismus, da westdeutsche Ungegenständlichkeit – darf man sich getrost verabschieden. Und was Porträtbildhauerei alles kann, wird bei Rudolf Bellings stilisiertem Kopf des Sammlers und Verlegers Alfred Flechtheim von 1927 deutlich: Augen, Nase, Mund stehen für den ganzen Mann. Der Rest ist Luft. Doch die hat Belling mit feinem Gespür für das Zusammenspiel von freiem Raum und Material auch „verarbeitet“. Der avantgardistische Gestus hat Ironie und setzt Fantasie frei – im Unterschied zu den meisten Großkopferten, die, akademisch ziseliert, bedeutungsvoll auf die Nachwelt blicken.

Roland Barthes schrieb, dass er im Moment des Fotografiertwerdens „im Kleinen das Ereignis des Todes“ erfahre. Um wie viel prägender muss diese Konfrontation ausfallen, sitzt man tagelang für sein Abbild Modell. Dem Tod ins Auge zu blicken, scheint der Preis des Überlebens. So wandelt man ehrfurchtsvoll zwischen den Plastiken von Ricarda Huch und Heiner Müller, zwischen den Arbeiten von Gerhard Marcks und Marino Marini. Wehmütig gedenkt man jener Zeiten, in denen die Literatur als gesellschaftliches Leitmedium galt und ihre Produzenten so wichtig waren, dass man sie Bronze goss. Nun stehen die unsterblichen Dichter im Abendlicht des Gutenberg-Zeitalters und künden von seiner großen Vergangenheit.

Georg Kolbe Museum, Sensburger Allee 25, bis 4.9.; Di–Fr 10–17 Uhr. Katalog 10 €.

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