Kultur : Die bunte Stadt

Bodo Mrozek

sammelt Altpapier in Clubs und Kneipen Ein Medium, dass trotz Depression förmlich explodiert, ist der Flyer. Auf Zigarettenautomaten, Fensterbrettern oder eigens konstruierten Ablagen in Kneipen, Restaurants und Clubs: Überall türmen sich bunte Papierberge. Noch vor zehn Jahren waren Flyer rar. Die handkopierten Zettel, auf denen verschwörerisch Abkürzungen und Namen standen, wurden persönlich an Auserwählte verteilt. Mittlerweile lässt jede Bar, in der ein Plattenspieler steht, ihr Monatsprogramm im DIN-A-6-Format drucken. Wer da noch auffallen will, hat es schwer.

Einige Veranstalter scheuen keinen Aufwand: Hochglänzende, kreisrunde, handbemalte Flyer sollen sich von der Masse abheben. Und weil die Zettel in den Clubs untergehen, kleben einige ihre Hinweise mit kleinen Klebestreifen an die Laternenpfähle. Das findet nicht nur Beifall. Immer mehr Flyerverteiler werden von älteren Herren erwischt, die den Urhebern nachspionieren, sie fotografieren und mit Anzeigen drohen. Einige liegen sogar vor einschlägig bekannten Bauzäunen und Laternenpfählen mit der Kamera auf der Lauer, um Missetäter zu überführen. Diese Aktivitäten entspringen nicht etwa dem Volkszorn, sondern werden als Ein-Euro-Jobs von einigen Ämtern gefördert. Nun protestiert das Nachtleben gegen diese Nachstellungen. Denn wenn es in dieser Stadt noch einen funktionierenden Wirtschaftssektor gibt, dann das Clubleben.

Flyer werden von Grafikern entworfen, von spezialisierten Druckereien hergestellt und von professionalisierten Verteilern unters Volk gebracht. Sie sichern Musikern ihre Gagen und Veranstaltungsorten den Getränkeverkauf. Die Stadt erhebt auf all dies Steuern. Dieses Geld dann in Ein-Euro-Jobs darauf zu verwenden, die Werbung für die Off-Kultur zu unterbinden, ist geradezu widersinnig. Niemand will Müllberge mitten in der Stadt. Aber wie soll man sonst zum Beispiel vom Berlin Festival in Paaren im Glien bei Falkensee erfahren, zu dem am 4. Juni bis 5 Uhr 30 früh ein Shuttlebus vom Bahnhof Spandau fährt? Eine bessere Initiative wäre die Einrichtung von Gratisplakatflächen für nicht kommerzielle Veranstalter. Solange Plakatwände für kleine Veranstalter unbezahlbar sind, werden sie weiter wild kleben. Diese bunte Kulturtapete muss eine Stadt, die ständig mit ihrem Nachtleben wirbt, aushalten können. Manchen Wänden steht sie sogar ganz gut.

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