Kultur : Die Burgenbauer

Der Frankfurter Kunstmesse gelingt ein Neuanfang

Sandra Danicke

Zur Eröffnung fällt ein ohrenbetäubender Schuss. Er entpuppt sich als Fehlzündung, der ein gleißend helles Indoor-Feuerwerk der Frankfurter Künstlerin Sandra Kranich folgt. Die Halle 9 ist begeistert. Wie ein Befreiungsschlag hatte im vergangenen Jahr auch die Berufung des Galeristen Michael Neff zum Leiter einer kraftlos vor sich hin dümpelnden Art Frankfurt angemutet, bei der zwar die Besucherzahlen, nicht jedoch die Qualität und die Verkäufe stimmten. Die neue fine art fair frankfurt sollte deutlich kleiner, aber feiner ausfallen, letztlich blieben nur 48 Galerien übrig, die sich nun großzügig auf 15 000 Quadratmetern verteilen. Er habe schlichtweg nicht mehr Aussteller motivieren können, die seinen Ansprüchen genügt haben, gesteht Neff freimütig.

Es herrscht der raue Charme des unbedeckten Industriebodens und der achteinhalb Meter hohen Hallendecke. Großzügige Sichtachsen, die auch durch die schlichten, vom Berliner Architekturbüro Kühn / Malvezzi entworfenen frei stehenden Standmodule entstehen, erlauben weite Blicke. Orientierung ermöglichen zudem die von Neff geforderten One-Man-Shows. So fällt schnell auf, dass weit weniger Sammler erschienen waren, als man sich erhofft hatte. Doch diejenigen, die gekommen waren, sind offenbar in Kauflaune. Manfred Peckls filigrane Atlanten-Collagen bei Voges+Partner sind bereits am Eröffnungsabend verkauft, und auch die zarten abstrakten Acrylbilder von Oliver Voss haben ihre Abnehmer gefunden.

Zahlreiche Teilnehmer wissen den Raum zu nutzen und präsentieren großformatige Skulpturen – oder ganze Häuser. Eine gigantische rosafarbene Holzburg ließ die Galerie Contemporary Fine Arts aus Berlin aufbauen. Die Installation „Mor“ von Jonathan Meese und Tal R haben die Künstler zusammen für eine Ausstellung im Statens Museum for Kunst in Kopenhagen entworfen. Im Inneren wartet ein Wunderland aus Skulpturen, die mal wie Aliens, mal wie Ostereier aussehen, energisch gemalten Bildern sowie Sprüchen auf dem Fußboden („End of Beef“ oder „Son of Milk“). Am schönsten aber ist wohl der dazugehörige Barde, der von einer Anhöhe aus zur Gitarre singt. Vergleichbar bunt und fantasievoll ist allenfalls noch die Installation „Balonie“, die die Wiener Aktionistengruppe Gelitin – die früher mal Gelatin hießen, sich aber aufgrund eines Druckfehlers auf der Einladungskarte ihrer New Yorker Galerie Gagosian umbenannten – im Auftrag der Galerie Meyer Kainer arrangiert haben: ein monströses Gewucher aus Stofftieren, Knete und Holz, schön und eklig zugleich. Die Künstler hatten einzelne Module dieser plastilinen Landschaft an Wiener Kindergärten verliehen, wo sie nach Kräften bearbeitet wurden.

Auch Dennis Loesch und Michael S. Riedel, bekannt unter dem Label „Oskar-von-Miller Straße 16“, haben für ihre Mega-Skulptur nicht selbst Hand angelegt. Sie haben ihr Frankfurter Galerie- und Wohnhaus, das demnächst abgerissen wird, von einer Zirkuszeltschneiderin eins zu eins nachnähen lassen. Jetzt hängt das 1450 mal 1300 mal 1250 Zentimeter große Schwarzweiß-Gebilde schlaff über einem der Standmodule und wirft malerische Falten und Wellen. Sollte sich für das 25 000 Euro teure Objekt ein Käufer finden, so könne er es aber bequem in der Strandtasche nach Hause tragen, verspricht Michael Neff. Mit der rosafarbenen Meese-Tal-R-Burg (495 000 Euro) wäre das vergleichsweise schwierig – nicht nur wegen des Sängers. Auch die 8000 Euro teure Performance von Adrian Williams am Stand der Frankfurter Galeristin Parisa Kind stellt den Käufer vor Transportprobleme: Es handelt sich um eine von der Künstlerin engagierte Schauspielerin, die im Biberkostüm auf der Standmauer liegt und gelegentlich mit den Besuchern kommuniziert oder sich nach hinten runterfallen lässt. Richtig kompliziert wird es schließlich mit dem Casting Büro eines gewissen „Palm d’Or Social Clubs“ des Künstlers Mike Bouchet. Jeder, der eine Idee für eine Daily Soap hat, kann sie hier vor laufender Kamera vortragen – die beste Idee wird schließlich umgesetzt. Man kann nur hoffen, dass sich niemand von Martin Creeds Video inspirieren lässt, das die Berliner Johnen Galerie präsentiert. Zu sehen ist ein Mann, der lautstark auf den Fußboden kotzt.

Vergleichbar subtil sind da die Skulpturen von Fritz Panzer bei Krobath Wimmer: eine Küche zum Beispiel oder ein Koffer. Der Künstler formt die Gegenstände aus Eisendraht, wodurch sie verblüffend an filigrane Zeichnungen erinnern. Ähnlich zart muten nur die aquarellierten Bleistiftzeichnungen von Ludwig Deurer bei der Frankfurter Kunsthandlung Fichter an, die nicht etwa Konzeptkunst sind, sondern tatsächlich der Romantik entstammen. Warum nicht? Schließlich beziehen sich zahlreiche Messe-Künstler wie Meese, André Butzer, Andreas Hofer oder Markus Selg auf eben jene Periode.

Auf das Experiment mit der Berliner Galerie Viaux hätte man dagegen getrost verzichten können. Die Foto-Galerie zeigt Schwarzweißaufnahmen, die der Modefotograf Cometti von einem Porno-Modell gemacht hat. Genauso sehen sie aus. Dass ein Ausrutscher wie dieser überhaupt auffällt, zeigt, dass Michael Neffs fine art fair frankfurt im Vergleich zu 17 Jahren Art Frankfurt ein viel versprechender Neuanfang ist. Ob angesichts der enormen Kunstmesseinflation der vergangenen Jahre eine Messe in der Mainmetropole überhaupt notwendig ist – das bleibt eine andere Frage.

Messegelände Frankfurt, Halle 9, bis 19. März, täglich von 11 – 20 Uhr, Internet: www.fineartfairfrankfurt.com.

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