Kultur : Die Champions League frisst ihre Spieler

Dietrich Schulze-Marmeling

Es geht nicht um Prämien. Es geht nicht um einen einzelnen Spieler oder dessen Reputation. "Es geht um die Reputation des deutschen Fußballs." Das sagt DFB-Boss Gerhard Meyer-Vorfelder über die Schicksalsspiele der deutschen Nationalelf gegen die Ukraine. Aber sehen die Leistungsträger des deutschen Fußballs und die führenden Vereine dies auch so?

Vorbei sind die Zeiten, in denen man das Nationaltrikot tragen musste, um national und international Bekanntheit zu erlangen. Wie das Beispiel Stefan Effenberg zeigt, kann man die Nationalmannschaft getrost ignorieren und trotzdem zu den Spitzenverdienern gehören. Der Marktwert von Bayern München und Borussia Dortmund würde durch ein Scheitern des DFB-Teams in der WM-Qualifikationen keinen Schaden erleiden. Für die Borussen ist ihr vorzeitiges Ausscheiden aus der lukrativen Champions League allemal schmerzhafter.

Und was den FC Bayern anbelangt, so hat das Dilemma der Nationalmannschaft dessen Rolle als schlagkräftigster Repräsentant des deutschen Fußballs auf der internationalen Bühne nur weiter erhöht.

Der Verein hat Vorrang

Bis zum Abpfiff der WM 2002 gilt: Jede Niederlage der Nationalmannschaft wird diese und den DFB schwächen, den FC Bayern hingegen stärken - vorausgesetzt, er setzt seinen Erfolgskurs fort. Spätestens seit der Einführung der Champions League, den damit verbundenen Einnahmemöglichkeiten für die beteiligten Vereine und Spieler und der Ausweitung des internationalen Terminkalenders, befinden sich Vereins- und Nationalmannschaftsfußball in einer knallharten Konkurrenzsituation. Wozu bedarf es noch der Berufung in die Nationalmannschaft, wenn das Mitwirken in der Champions League mindestens sechs, im Falle des Einzugs ins Finale sogar 17 Auftritte vor einem weltweiten TV-Publikum garantiert? Von den im Vergleich zur Nationalmannschaft erheblich höheren Prämien gar nicht zu reden.

Portugals Fußballstar Luis Figo äußerte kürzlich, für ihn habe die Champions League keine geringere Bedeutung als die Endphase der Europameisterschaft oder der Weltmeisterschaft. Nicht der Verband, sondern der Verein ist der Arbeitgeber eines Nationalspielers. Nicht der Verband, sondern der Verein zahlt sein Gehalt und hat möglicherweise auch noch eine hohe Ablöse für seine Verpflichtung hingelegt. Vor diesem Hintergrund ist es nur zu verständlich, wenn der Verein die Nominierung eines Spielers für ein unwichtiges Freundschaftsspiel irgendeiner Nationalelf mit Unbehagen verfolgt - zumal wenn dieses Spiel Tausende von Kilometern entfernt stattfindet.

Bereits vor einigen Jahren war zu beobachten, dass sich Akteure von Topklubs vor freundschaftlichen Länderspielen krank meldeten, um dann wenige Tage später in der Bundesliga putzmunter aufzulaufen. Mittlerweile sind auch die Pflichtspiele ins Visier der Großen geraten. Der FC Bayern wollte nicht, dass seine Südamerikaner an der Copa America teilnahmen. Die unsichere Situation in Kolumbien dürfte dabei lediglich ein willkommener Vorwand gewesen sein. Bayern-Vize Karlheinz Rummenigge fordert eine geringere Zahl von Qualifikationsspielen vor einem WM-Turnier. Die Vereine fürchten Verletzungen und Verschleiß bei ihren teuren Angestellten. Der ukrainische Stürmer Schewtschenko vom AC Mailand wirkt da wie die Ausnahme, die doch nur die Regel bestätigt.

Der Champions-League-Spieler, der nicht nur im Verein, sondern auch in der Nationalelf zum Stammpersonal zählt, pendelt einige Monate im Jahr zwischen Flugplatz, Hotel und Stadion und hat alle vier Tage ein Spiel. Der größte Stress sind nicht Spiel und Training - sofern Letzteres überhaupt noch geleistet werden kann - sondern der ständige Ortswechsel. Da werden Gastspiele in der Nationalmannschaft für viele Spieler zur Last. Zudem: zu einer schlecht bezahlten. Jaap Stam, Abwehrrecke der niederländischen Nationalelf, ist zwar erst 29 Jahre alt, denkt aber trotzdem über einen Rückzug vom internationalen Fußball nach. Als Grund führt Stam den Reisestress an.

Etwas anders gestaltet sich die Situation für Nationalspieler, die nicht bei einem Champions-League-Verein unter Vertrag stehen oder bei diesem nur zweite Wahl sind. Zum Beispiel Alexander Zickler - für die Bayern oft zu schlecht, für die Nationalmannschaft aber gut genug.

Der bisherige Verlauf der WM-Qualifikation liefert einigen Stoff für die These, dass die Nationalmannschaften einiger Länder und die WM an Bedeutung verlieren. Aus den Niederlanden wird kolportiert, einige Spieler seien gar nicht unfroh über die verfehlte Qualifikation. Bezeichnenderweise scheiterten die Niederländer an der Republik Irland - einem Team, bei dem nur ein Champions League-Akteur mitwirkte: Roy Keane.

Die niederländischen Spieler wissen, was diese großen Turniere bedeuten: Man verbringt einige Wochen fern der Heimat und Familie in Hotels, glotzt TV-Sendungen, deren Sprache man nicht versteht und scheidet im Elfmeterschießen aus. In die nächste Saison geht man übermüdet, wenn nicht gar verletzt, weil die Sommerpause turnierbedingt ausfiel. Statt der Niederlande werden aus Europa die Polen, Schweden, Iren, Dänen und möglicherweise sogar die Österreicher und Ukrainer in Korea und Japan vertreten sein. Deren Spieler mögen zwar nicht zur europäischen Spitzenklasse gehören, wirkten aber in den Qualifikationsspielen frischer als die Akteure so mancher renommierter Fußballnation. Und sie waren ihren prominenteren Kollegen bei der Motivation überlegen. Für die Mehrzahl der Spieler dieser Nationen sind Länderspiele die einzige internationale Bühne und WM-Turniere noch etwas ganz Besonderes.

Auch den vierfachen Weltmeister Brasilien wirft die schöne neue Fußballwelt aus der Bahn. Bis zur WM 1998 hatte Brasilien überhaupt nur ein Qualifikationsspiel verloren: 1994 in der Höhenluft von La Paz gegen Bolivien mit 0:2. In der laufenden Qualifikationsrunde kassierte die Selecao bereits fünf Niederlagen, die letzte am Mittwoch - abermals gegen Bolivien 1:3. Das Team muss einen Marathon von 18 Spielen absolvieren. Die Leistungsträger fliegen ständig zwischen Europa und Südamerika hin und her, sehr zum Unwillen ihrer europäischen Arbeitgeber. Die Selecao muss immer noch auf ihren Superstar Ronaldo verzichten. 1997 lief Ronaldo 73mal für Verein und Heimatland auf. Es war das letzte Jahr, dass der bei Inter Mailand unter Vertrag stehende Brasilianer komplett bestritt.

Die Spieler der großen Fußballnationen spielen heute zu viel Fußball. Als einzige Nation war Brasilien bislang bei allen 16 WM-Turnieren vertreten, doch aktuell droht das Team von Trainer Scolari bereits in der Qualifikation zu scheitern. Zum vorentscheidenden Spiel gegen Bolivien am Mittwoch konnte die Selecao nur eine gemeinsame Trainingseinheit absolvieren. Die FIFA hatte auf Zuruf der europäischen Arbeitgeber entschieden, dass die Spieler zunächst noch für ihre europäischen Arbeitgeber kicken müssten. Derartige Probleme kennen die Teamchefs der in der Südamerikaqualifikation vor Brasilien rangierenden Außenseiter Paraguay und Ecuador nicht.

Bis zur totalen Erschöpfung

Nicht alle führenden Fußballnationen sind von diesem Mechanismus des Misserfolgs durch Überlastung betroffen. Ausnahmen bilden zum Beispiel Argentinien und Frankreich. Der Hauptgrund dafür dürfte sein, dass sich Franzosen und Argentinier, im Gegensatz etwa zu den Deutschen, berechtigte Hoffnungen auf den Titelgewinn machen können. In ihrem Falle sind eher die Klubs die Leid tragenden.

Im Falle Frankreichs kommt die überragende Bedeutung der Équipe tricolore für den nationalen Fußball hinzu. Die heimischen Klubs mobilisieren in der Regel keine große Anhängerschaft und spielen international nur die zweite Geige. Eine Konkurrenz à la Bayern München oder Borussia Dortmund kennt die Nationalmannschaft nicht. Das Stade de France ist auch bei bedeutungslosen Freundschaftsspielen gut gefüllt.

Die Einführung der Champions League hat die Struktur des internationalen Fußballs verändert. Der Europapokal der Pokalsieger ist verschwunden, der Uefa-Cup firmiert nur noch als "Cup der Verlierer", die nationalen Pokalwettbewerbe wurden entwertet. Muss als nächstes auch das WM-Turnier daran glauben?

Die Logik der Champions League und der Befürworter einer Europaliga wird auch das WM-Turnier erfassen. Für die Rechteverwerter und Sponsoren ist eine Weltmeisterschaft, bei der die großen Fußballnationen und deren Märkte fehlen, uninteressant. Sie werden deshalb auf einen Qualifikationsmodus drängen, der die Teilnahme der "Großen" wenn nicht automatisiert, so doch zumindest erleichtert: durch weniger Qualifikationsspiele, das Zugeständnis an die Großen, dass sie erst zu einem späteren Zeitpunkt in die Qualifikation einsteigen und so weiter. Die Nationalmannschaften werden mehr den Charakter von Dream Teams annehmen, die sich nur anlässlich von Großereignissen versammeln.

Was das DFB-Team anbelangt, zeichnet sich eine FC-Bayern-Lösung ab. Derzeit sind die Verbindungen zwischen FC Bayern und Nationalmannschaft bei weitem nicht so ausgeprägt, wie dies etwa 1974 der Fall war. Zur DFB-Elf, die damals im Münchener Olympiastadion (sic!) den WM-Titel gewann, gehörten nicht weniger als sechs Bayern-Spieler.

Mit Blick auf die WM 2006 könnte sich dies allerdings ändern - aus wohl verstandenem Eigeninteresse. WM-Spiele im eigenen Land und speziell das Eröffnungsspiel in dem vom Steuerzahler subventionierten neuen Münchener Fußballpalast bieten dem FC Bayern eine hervorragende Möglichkeit zur globalen Selbstdarstellung. Die Interessen von Nationalmannschaft und FC Bayern sind bei dieser Gelegenheit kaum mehr voneinander zu trennen.

Anders als der Rivale Borussia Dortmund, will der Rekordmeister in Zukunft auf deutsche Akteure setzen. Zur Philosophie der Bayern gehört, dass die besten deutschen Kicker beim FC Bayern zu spielen haben. Ausländer kommen dort zum Einsatz, wo dann noch Lücken bleiben. Die Verpflichtung von Sebastian Deisler war nur der Auftakt. Mit Michael Ballack und Sebastian Kehl stehen weitere Hoffnungsträger auf der Einkaufsliste. Uli Hoeneß: "Wir wollen schauen, ob es uns gelingt, dass wir 2006 einen Block für die Nationalmannschaft stellen können."

Als Ausrichter ist das DFB-Team für 2006 bereits qualifiziert, die lästigen Qualifikationsspiele entfallen somit, es herrscht Planungssicherheit. Eine Mannschaft, die maßgeblich aus einem großen Bayern-Block plus ein zwei kleineren Blöcken anderer Vereine besteht, muss sich auch nicht in einer Unzahl von Testspielen und Trainingslagern aufreiben. Als Trainer des Ensembles könnte der FC Bayern Ottmar Hitzfeld freigeben, wozu er nach der EM 2000 noch nicht bereit war. Beckenbauer als Chef des Ganzen, Hitzfeld als Trainer und viele Bayern-Spieler auf dem Feld würden eine weitgehende Kontrolle des Unternehmens 2006 durch die Bayern-Führung in der Säbener Straße garantieren. Die Interessen zwischen dem Branchenführer des deutschen Fußballs und der Nationalelf wären plötzlich kompatibel - zumindest für ein Turnier.

Und wie denkt der deutsche Fan über eine solche Entwertung der Nationalmannschaft? Seit dem Wunder von Bern, dem unerwarteten Sieg der Herberger-Elf im WM-Finale 1954, besaß die Nationalmannschaft in diesem Land eine überragende Bedeutung. Der 4. Juli 1954 ging nicht nur in die Sportgeschichte ein: Politologen und Soziologen interpretierten den Triumph von Bern als eigentliches Gründungsdatum der 1949 entstandenen Bundesrepublik Deutschland, als Beitrag "zur Entwicklung des Nationalgefühls" (Hans-Joachim Winkler). Noch in den 60ern und 70ern war selbst ein Freundschaftsspiel gegen einen drittklassigen Gegner ein faszinierendes Ereignis, das die Massen in die Stadien trieb.

Der Fan von heute gibt sich wählerischer - logische Folge eines Überangebots. Als die Nationalmannschaft 1967 in der Qualifikation zur EM in der Dortmunder Kampfbahn "Rote Erde" den Fußballzwerg Albanien empfing, war die Begegnung bereits Wochen vorher ein lokales Gesprächsthema. Am Spieltag selbst war die "Rote Erde" zum Bersten gefüllt. 1999 war Dortmund erneut Schauplatz eines EM-Qualifikationsspiels, bei dem sich das DFB-Team mit Nordirland messen musste. In Dortmund war an diesem Tag von einem fußballerischen Großereignis nichts zu spüren. Viele Zuschauer fanden erst nach dem Anpfiff den Weg ins Westfalenstadion, und sie kamen wohl auch nur dank des guten Wetters.

In Anbetracht der Kritik, mit der die DFB-Elf seit dem WM-Turnier von 1994 überschüttet wird, könnte man zu der Auffassung gelangen, die Nationalmannschaft sei nicht mehr länger der Deutschen liebstes Kind. Doch wie schon Günter Grass bemerkte, fällt es hier zu Lande "oft schwer, zu begreifen, dass kräftige Kritik ein Zeichen von Liebe ist."

Bayern gibt die Richtung vor

Die unangefochtene Hegemonie, die die Nationalmannschaft lange Zeit für sich beanspruchen konnte, gehört der Vergangenheit an, zumindest in den langen Monaten zwischen großen Turnieren. Nichts anderes gilt auch für den DFB. Die Gewichte im deutschen Fußball haben sich verschoben. In einer sich rapide verändernden politischen und ökonomischen Umwelt haben sich die Topklubs als flexibler erwiesen. Über Tempo und Richtung der Entwicklung des deutschen Fußballs wird nicht mehr beim DFB in der Frankfurter Otto-Fleck-Schneise, sondern beim FC Bayern in der Münchner Säbener Straße entschieden.

Die Nationalmannschaft bleibt dennoch die älteste und traditionsreichste Institution des deutschen Fußballs. Sofern sie erfolgreich spielt, ist sie auch die populärste. Die TV-Einschaltquoten bei Europa- und Weltmeisterschaften schlagen die der Konkurrenz noch immer um Längen. Über die Nationalmannschaft wird unverändert landauf und landab geredet, mehr als über Bayern München und Borussia Dortmund, wenn auch häufig kopfschüttelnd.

Fußball hat mittlerweile auf allen Kontinenten gesellschaftliche Bedeutung erlangt. Für die Weltmeisterschaften interessieren sich weit mehr Leute, als sich in "normalen Zeiten" zum Fußball bekennen. Sie machen die Menschheit zur Bevölkerung eines globalen Dorfes. Zählt man die TV-Zuschauer aller Spiele der WM 1998 zusammen, kommt man auf weltweit rund 40 Milliarden - ein doppelt so hoher Mobilisierungseffekt wie bei den Olympischen Spielen 1996.

Die Nationalmannschaft bewegt unverändert die Gemüter - und wie sehr die deutschen Fußballfans an ihr und mit ihr leiden, wird man vielleicht erst ermessen, wenn sich die WM-Unterhaltung im kommenden Jahr tatsächlich ohne die Deutschen auskommen muss.

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