Kultur : Die Chaos-Frage

Die Wahrheit ist auf dem Set. Heute wird der Deutsche Filmpreis verliehen – ein Gespräch mit den drei Regie-Nominierten

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Ihre neuen Filme, mit denen Sie sich um die Bestnote beim Deutschen Filmpreis bewerben, sind alle äußerst sorgfältig gemacht. Wie waren Sie eigentlich in der Schule?

HANS-CHRISTIAN SCHMID: In allen naturwissenschaftlichen Fächern so schlecht, wie man nur sein konnte, um noch weiterzukommen. In Deutsch und Kunst dagegen ganz gut.

ANDREAS DRESEN: Relativ gut, aber auf eine bequem faule Art. Ich bin eher mühelos durchgerutscht, mit Schwächen in Physik und Sport, vor allem beim Handgranatenweitwurf.

Handgranatenweitwurf?

DRESEN: Das waren so Metallattrappen, das gab’s in der DDR. Das war nicht so meins. Dann lieber Ausdauersport.

FLORIAN HENCKEL VON DONNERSMARCK: Meine Mutter musste zeitweise jede Woche in die Schule kommen, wegen Tadeln, die auch zum Verweis hätten führen können. Später habe ich beschlossen, jetzt nutze ich das System für mich und hab sogar ein 1,0-Abitur gemacht.

Und heute sind Sie alle Workaholics.

DRESEN: Offenbar waren wir alle drei ziemlich gute Schüler. Peinlich, das passt schlecht ins Künstler-Image.

DONNERSMARCK: Auch wenn das einem gewissen Coolheitsprinzip widerspricht: Filmemachen hat viel mit Ordnung zu tun. Wenn man mit der Ordnung des Lebens zufrieden wäre, bräuchte man keine Filme zu machen. Es geht um Perfektion.

DRESEN: Aber nicht glatt oder gebügelt! Ich suche oft eher nach der Unordnung, nach dem unberechenbaren Element. Proben und Drehen bedeutet immer auch Preisgabe der eigenen Unsicherheit. Da fühle ich mich manchmal nackt.

DONNERSMARCK: (zu Dresen) Ich bewundere, wie du deinen Filmen trotz Improvisation eine ganz eigene Perfektion abringst. Das könnte ich so nicht, es ist einfach nicht mein Stil. In der Filmschule hieß es manchmal: „Seid doch ein bisschen mehr wie Andreas Dresen!“, da habe ich mich dann lieber geweigert.

DRESEN: Meine früheren, eher „ordentlichen“ Filme fand ich irgendwann merkwürdig brav. Ich habe dann angefangen, chaotische Situationen regelrecht zu suchen, um mich selbst zu überlisten.

SCHMID: Dreharbeiten sind der Versuch, Ordnung ins Chaos zu bringen. Man sollte als Regisseur nicht jemand sein, der gern Konflikten ausweicht. Man braucht eine gewisse Autorität. Man strahlt sie aus oder man behauptet sie wenigstens, und die anderen müssen sie einem dann schon abnehmen.

DRESEN: Eine behauptete Autorität wird aber meist durchschaut. Autorität entsteht durch Kompetenz. Der eine ist eher laut und dominant, ich bin mehr der leise Typ. Natürlich muss man sich mal unbeliebt machen, und sei es, dass man den Alkohol beim Dreh in einer kalten Winternacht verbietet. Aber ich arbeite lieber in einer harmonischen Atmosphäre.

DONNERSMARCK: Ich könnte am Set nie laut sein. Dafür sind das Vertrauen und die Bereitschaft der Schauspieler und der anderen Kreativen, sich zu öffnen, ein viel zu kostbares, zerbrechliches Gut.

Die Protagonisten Ihrer drei Filme sind alle einsam. Beschreiben Sie damit die heutige Gesellschaft oder spiegeln Sie auch eigenes Einzelgängertum?

SCHMID: Helden sind einsam. Das liegt in der Natur der Sache. Ich selber bin Einzelkind, aber ich war selten einsam.

DONNERSMARCK: Ich bin pathologisch gesellig.

SCHMID: In „Requiem“ wollte ich nicht in erster Linie von Einsamkeit erzählen, sondern von einer jungen Frau , der der Boden unter den Füßen wegrutscht und die zur Außenseiterin wird. Figuren, die mit allem klarkommen, eignen sich selten fürs Kino.

DRESEN: Genau. Der Weg zum Glück führt eben durch Täler. „Sommer vorm Balkon“ steht durchaus unter der Überschrift Einsamkeit, da sind verschiedene Generationen auf sich selbst zurückgeworfen, ohne soziales Netz. Zu Beginn der Arbeit fühlte ich mich selber einsam. Das heißt nicht, dass ich ungesellig bin, der Einsame versucht, Fäden zu spinnen.

Die einsamste Figur ist wohl der Stasi-Mann in „Das Leben der Anderen“. Sein einziges soziales Netz ist der Apparat.

DONNERSMARCK: Mir ging es um Ideologie gegen Menschlichkeit, Prinzip gegen Gefühl. Jeder Ideologe muss sich vor seiner eigenen Menschlichkeit verschließen. Das ist die extremste Form von Einsamkeit.

Hartz IV, Religion im Zeitalter von „Wir sind Papst“, die neu entflammte Stasi-Debatte – Ihre Filme sind sehr aktuell. Denken Sie dann, trotz des langen Produktionsvorlaufs: Da hab ich ins Schwarze getroffen?

SCHMID: Überhaupt nicht! „Requiem“ ist ja nicht gerade ein Publikumsmagnet. Die Filmidee entstand vor zehn Jahren, da war Religion als großes Thema sekundär. Die Frage, auf welche gesellschaftliche Strömung der Film trifft, stellte ich mir erst kurz bevor er herauskam.

Ganz ohne Publikumskalkül?

SCHMID: In den letzten zehn Jahren habe ich immer gemacht, wofür ich mich interessierte. Der Gedanke ans Publikum ist dabei insofern präsent, als ich mich frage: Wie erzähle ich meine Geschichte, so dass sie richtig verstanden wird?

DONNERSMARCK: Man ist schließlich auch als Regisseur in seinem Leben tausendmal öfter Zuschauer als Filmemacher. Da ist man gut beraten, Filme zu machen, die einen selbst ansprechen.

DRESEN: Wenn man spricht, möchte man gehört werden. Aber es lässt sich kaum auf etwas spekulieren, was in zwei Jahren en vogue ist. Ich kann meine Filme nur aus dem Herzen machen, und wenn dann doch niemand zuhört, muss das nicht bedeuten, dass der Film schlecht ist. Nur das Fernsehen bemisst Qualität nach Quote, das ist lächerlich.

Ein bisschen engagierte Zeitgenossenschaft kann doch nicht schaden.

DRESEN: Natürlich. Aber ich hänge nicht der Illusion nach, mit Filmen die Welt verändern zu können ...

DONNERSMARCK: ... wirklich, bist du so zynisch? Meine Welt wurde oft durch Filme verändert.

DRESEN: Das ist was anderes. Ein Film kann etwas im Zuschauer auslösen und so indirekt zurückwirken auf die Welt. Es ist aber sicher eher die Summe von Filmen, die einen verändert, genauso wie Erziehung, Literatur oder Musik zum Beispiel.

DONNERSMARCK: Wenn ich nicht das Gefühl hätte, ich kann mit Filmen was in Bewegung setzen, würde ich Investmentbanker werden.Beim Studium in England lernte ich einen Kommilitonen kennen, der aus einem linientreuen DDR-Elternhaus stammte, aber 89 in der Bürgerrechtsbewegung aktiv war. Bei ihm hat Zemeckis Film „Zurück in die Zukunft“, den er im Westfernsehen geguckt hatte, den Entschluss ausgelöst: So kann’s nicht weitergehen mit der DDR. Oder „Pulp Fiction“: Danach sah die Welt anders aus.

SCHMID: Das möchte ich bestreiten. Aber in autoritären politischen Systemen kann subtile Kritik von Künstlern eine Kettenreaktion auslösen.

DRESEN: In der DDR konnten Filme politischer Sprengstoff sein – erst recht, wenn sie verboten wurden. Aber das System gestürzt haben die Demonstranten.

Einen weltverändernden Anspruch kann man aus Ihren Filmen nicht unbedingt ablesen. Eher malen Sie gesellschaftliche Milieus aus.

DRESEN: Ich muss beim Milieu genau sein, damit der Zuschauer eine Beziehung zu den Figuren entwickeln kann. Als ich „Halbe Treppe“ in Indien zeigte, interessierte es niemanden, ob Frankfurt/Oder im Osten oder Westen liegt.

SCHMID: Milieuschilderung soll keine Laubsägearbeit sein. Aber erst durch Sorgfalt wird sie aussagekräftig.

DRESEN: Die Orte in Hans-Christians Filmen erzählen ganz viel mit. Ich spüre da einen Geruch, die Temperatur einer Geschichte. Ich kann im Kino anfangen zu frieren, wenn ich einen bestimmten Raum sehe. Oder ich rieche den Flur in diesem Studentenwohnheim in „Requiem“. So erzählt sich eine ganze Welt.

Gibt es noch eine Ost- und eine West-Identität? „Sommer vorm Balkon“ könnte vielleicht auch in Altona spielen. Und viele Wessis machen Filme über den Osten.

DRESEN: Ich bin 27 Jahre in der DDR groß geworden und lebe nun fast 17 im größer gewordenen Deutschland. Die DDR rückt immer weiter weg, aber sie war prägend. Relationen verschieben sich. „Sommer vorm Balkon“ könnte man in der Tat in Hamburg erzählen – mit anderen Farben, Dialekten, sozialen Hintergründen. Aber das Zentrale bliebe gleich.

DONNERSMARCK: Ich bin mit der Teilung Deutschlands aufgewachsen, meine Mutter stammt aus Magdeburg, wir waren oft in Ost-Berlin. Trotzdem habe ich mich vorm Schreiben gefragt, warum wählst du nicht ein Thema, das du besser kennst? Aber Menschen sind überall gleich, in den Grundemotionen.

„Das Leben der Anderen“ schildert Szenen, die aus West-Perspektive fremd erscheinen. Da macht es doch einen Unterschied, ob jemand erzählt, der selber in eine solche Situation hätte geraten können oder nicht.

DONNERSMARCK: In diese Situation kommst du doch jeden Tag, dort, wo es Machtverhältnisse und Hierarchien gibt, ob im Tagesspiegel oder bei Siemens oder im Gymnasium zum Grauen Kloster in Berlin, wo ich zur Schule gegangen bin. Jedes Kind weiß, was die Stasi ist. Überall gibt’s Institutionen, in denen Menschen glauben, sie haben das Recht, dir zu sagen: Denk das! Glaube dies!

SCHMID: Mag sein, dass es überall diese Mechanismen gibt. Aber der Unterschied ist, welche Konsequenzen sie haben.

In diesem Frühjahr kamen auffallend viele ernsthafte deutsche Filme ins Kino. Fast zu viele für den gewöhnlichen Zuschauer.

SCHMID: Diesmal ist die Zeit zwischen der Berlinale und dem Deutschen Filmpreis sehr knapp. Mein Verleiher wollte „Requiem“ schon im Herbst starten, aber ich hatte mich als Produzent für die attraktive Plattform Berlinale entschieden.

Bereuen Sie das jetzt?

SCHMID: Es ist immer das „Was wäre, wenn“-Spiel. Die Startsituation im März war sehr angespannt. Eine Woche vor uns setzte sich schnell noch „Elementarteilchen“ auf den Startplan, dann kam „Knallhart“, es gab „Brokeback Mountain“ und „Capote“. Da hat man dann womöglich schon am ersten Wochenende ein paar wichtige Kinos verloren. Vielleicht sollte die Filmakademie den Preis wieder in den Frühsommer verschieben.

DRESEN: Andererseits wurde immer kritisiert, dass die nominierten Filme dann nicht mehr aktuell sind. Immerhin haben wir dieses Jahr eine luxuriöse Situation mit so vielen guten Filmen. Während des Auswahlverfahrens werden uns Filmakademie-Mitgliedern 40 Filme in einer Kiste zugeschickt. Ich entdecke da tolle Sachen, die mir sonst durch die Lappen gegangen wären.

SCHMID: Wir haben uns mit Freunden, die Mitglieder sind, gegenseitig eingeladen und Filme, die wir noch nicht kannten, auf DVD angesehen und diskutiert.

DRESEN: Oder man zeigt sich bestimmte Szenen, die man am besten findet. Dieser neue kommunikative Prozess ist das Schöne an der Akademie – weit über die Filmpreisgala und die wie auch immer segensreiche Geldverteilung hinaus.

Stellen Sie sich vor, Sie müssen demnächst einen WM-Job übernehmen. Wofür würden Sie sich bewerben?

SCHMID: Egal, wie ich Fußball spiele? Da will man doch Stürmer sein.

DONNERSMARCK: Dann bin ich Torwart. Alles, was er macht, ist wichtig – selbst wenn er schlecht ist. Er kann sich nie herauszureden oder die Schuld auf andere schieben.

DRESEN: Ich würde lieber im Stadion Bier verkaufen und zugucken. Mein Produzent Peter Rommel, ein großer Fußballfan, hat mir gesagt: Andi, wenn du den Ball fünf Meter vorm Tor auf dem Fuß hast, spielst du vor lauter Angst wieder zurück.

DONNERSMARCK: Stimmt das? Dann wärst du nicht Regisseur geworden.

DRESEN: Okay, ich wäre gerne der Schütze, der’s reingemacht hat, oder der Torwart, der’s gehalten hat. Aber ich möchte nicht der Arsch sein, der den entscheidenden Elfmeter versemmelt.

Das Gespräch führten Christiane Peitz und Jan Schulz-Ojala.

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