Die Chefs vom Konzerthaus : Smart, aber herzlich

Verrückte Ideen und wie man sie finanziert: Sebastian Nordmann und Raphael von Hoensbroech leiten gemeinsam das Berliner Konzerthaus am Gendarmenmarkt. Ein Erfolgsmodell.

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Gemischtes Doppel. Intendant Sebastian Nordmann (l.) und Geschäftsführer Raphael Graf von Hoensbroech.
Gemischtes Doppel. Intendant Sebastian Nordmann (l.) und Geschäftsführer Raphael Graf von Hoensbroech.Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Es geschieht gar nicht so selten, dass eine Firma den Unternehmensberater abwirbt, der sie gerade betreut. Ist ja logisch: Wochenlang hat sich der Externe eingearbeitet, die Strukturen und ungeschriebenen Gesetze des Hauses entschlüsselt, zahllose Gespräche auf allen Hierarchieebenen geführt und dann mit der Geschäftsführung eine Zukunftsstrategie erarbeitet. Weil aber die Definition einer solchen Vision eigentlich nur die Hälfte der Arbeit ausmacht und die konkrete Umsetzung mindestens genauso schwierig ist wie die gedankliche Vorarbeit, holen manche zufriedenen Kunden ihren Berater gleich in die eigenen Reihen.

Beim Unternehmensberater Raphael Graf von Hoensbroech erfolgte der Wechsel zum Auftraggeber mit zwei Jahren Verzögerung. 2010 war er von Köln aus ans Berliner Konzerthaus geschickt worden, im Rahmen eines Pro-Bono-Projekts von Boston Consulting, also einer kostenlosen Unterstützungsmaßnahme für die Kulturinstitution. Vier Monate hat er damals am Gendarmenmarkt recherchiert und viel mit Sebastian Nordmann diskutiert, dem jungen Intendanten. Der nämlich hatte bereits eine klare Vision: Jedes einzelne Konzert am Gendarmenmarkt soll Festivalcharakter haben. Als seine Hauptfeinde hatte er die Abo-Routine und den Repertoirealltag ausgemacht. Außerdem wollte Nordmann das Haus öffnen, das Angebot erweitern, neue Konzertformen ausprobieren, junge Zielgruppen ansprechen. Zum Beispiel mit den Espresso-Konzerten, bei denen zur Mittagszeit sowohl starker Kaffee als auch Kammermusik serviert werden, von Sängern selber moderierten Liederabenden oder Thomas Quasthoffs Nachtgesprächen. Mit der Konzerthaus Card sollte zudem das Prinzip des customer relationship management aus der Wirtschaft auf die Kultur übertragen werden: Buchen die Besucher über die kostenlose Karte ihre Tickets, lernt das Konzerthaus deren persönliche Präferenzen kennen – und kann sie künftig gezielt auf passende Angebote aus dem Programm hinweisen.

Ein ambitioniertes Programm – für das sich Raphael von Hoensbroech sofort begeistern konnte. Weil aber in Köln bereits die nächsten Aufgaben auf ihn warteten, konnte der Unternehmensberater die Umsetzung des Konzepts zunächst nur aus der Ferne beobachten. Dann aber wurde Konzerthaus-Geschäftsführer Direktor Georg Vierthaler an die Spitze der Berliner Opernstiftung berufen, und Nordmann rief umgehend im Rheinland an. Im Sommer packte Hoensbroech seine Sachen und zog mit der sechsköpfigen Familie in einer Hauruckaktion nach Berlin.

Seitdem arbeiten sie Zimmer an Zimmer: Sebastian Nordmann, 1971 in Kiel geboren, promovierter Musikwissenschaftler, als Quereinsteiger zwei Jahre lang Unternehmensberater, dann Intendant der Festspiele Mecklenburg-Vorpommern, seit 2009 in der gleichen Funktion am Berliner Konzerthaus. Und Raphael von Hoensbroech, 1977 in Tokio geboren, ebenfalls Doktor der Musikwissenschaft, anschließend ebenfalls Unternehmensberater, fast neun Jahre lang, und außerdem auch noch autodidaktisch ausgebildeter Dirigent.

Türen auf! Sebastian Nordmann (re.) und Raphael von Hoensbroech wollen ein möglichst vielfältiges Programm gestalten.
Türen auf! Sebastian Nordmann (re.) und Raphael von Hoensbroech wollen ein möglichst vielfältiges Programm gestalten.Foto: Doris Spiekermann-Klaas

„Die Philharmonie hat ein klar definiertes Markenprofil“, erklärt Sebastian Nordmann beim Doppelinterview. „Schlicht und einfach als Stammhaus der berühmten Berliner Philharmoniker.“ Bei Schinkels Musentempel am Gendarmenmarkt ist die Lage weniger eindeutig. Bis zur Zerstörung im Zweiten Weltkrieg fungierte das klassizistische Gebäude als Theaterbau. Das Konzerthaus hat gleichwohl seine eigene sinfonische Formation, das Konzerthausorchester, seit Herbst 2012 wird es vom ungarischen Dirigenten Ivan Fischer geleitet. Und es gibt insgesamt vier Spielstätten: neben dem prachtvollen Hauptsaal einen kleinen Saal, der im Gegensatz zum überdimensionierten Kammermusiksaal der Philharmonie den Musikern tatsächlich einen intimen Rahmen bietet, den multifunktionalen Werner-Otto-Saal, der sich selbst ungewöhnlichsten Spielformationen anzupassen vermag, sowie den Musikclub für Künstlerbegegnungen, Lesungen oder Kinderstücke.

So bunt wie die Berliner Kulturszene wollen sie gerne sein am Gendarmenmarkt. Gerade die klassizistische Optik des Schinkelbaus, finden die beiden, sei dabei hilfreich. Weil in diesem Ambiente schon Kleinigkeiten überraschen. Wenn beispielsweise zu einem Konzert mit Werken von Leonard Bernstein im großen Saal eine Leinwand heruntergefahren und ein Filmausschnitt gezeigt wird.

Im Alltag funktioniert das so: Nordmann und Ivan Fischer denken sich verrückte Sachen aus, und Hoensbroech schaut, wie sie sich finanzieren lassen. Zum Beispiel durch eine hausinterne Quersubventionierung: Populäre Projekte erwirtschaften einen Gewinn, der den ambitionierteren Konzerten zugute kommt. Der Geschäftsführer nennt sie gern „Feuilleton-Programme“.

Raphael von Hoensbroech, der neben den Finanzen auch die Bereiche Sponsoring, Vermietungen, Technik und Veranstaltungsmanagement betreut, definiert seine Funktion innerhalb des Leitungsteams so: „Ein Geschäftsführer ist das Rückgrat des Hauses: Er hält den Körper stabil und ermöglicht dadurch Bewegungen in jede Richtung.“ Mit dem Begriff Gemischtwarenladen haben Nordmann und Hoensbroech kein Problem. Solange damit das vielfältige Programm ihres Hauses charakterisiert ist.

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