Die Choreografin Mette Ingvartsen : Amor hat seine Schuldigkeit getan

Ab 2017 wird sie zum Volksbühnen-Team von Chris Dercon gehören. Jetzt zeigt die dänische Choreografin Mette Ingvartsen im Hebbel am Ufer ihre Performance „69 positions“.

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Orgiastische Weiblichkeit. Mette Ingvartsen in Aktion.
Orgiastische Weiblichkeit. Mette Ingvartsen in Aktion.Foto: Fernanda Tafner

Es ist nur ein Zufall, doch wenn Mette Ingvartsen einen Tag nach der Volksbühnen-Premiere der „120 Tage von Sodom“ im HAU3 durch „69 positions“ führt, beschert ihr das natürlich doppelte Aufmerksamkeit. Denn die dänische Choreografin und Tänzerin wird ab 2017 zum Volksbühnen-Team von Chris Dercon gehören. Im Aufeinanderfolgen der Premieren schienen Vergangenheit und Zukunft der Volksbühne aufeinanderzuprallen. Klar ist: Nicht nur eine Generationswechsel ist am Rosa-Luxemburg-Platz geplant, hier werden neue künstlerische Positionen Einzug halten. In „69 positions“ untersucht Ingvartsen, welche Rolle Sexualität, Nacktheit und Exzess in der Geschichte der Performance-Kunst gespielt haben. Sie blickt zurück auf die sechziger Jahre, als der nackte Körper ein Mittel des politischen Protests war. Die Ausdrucksformen, die sich in den experimentellen Performances der 60er herausgebildet haben, vergleicht sie mit der Körper-Politik von heute. Und sie entwirft eine Art Zukunftsszenario, in dem kein Partner mehr nötig ist, um zum Höhepunkt zu kommen.

Während sie redet, zieht sie sich langsam aus und wieder an

„69 positions“ ist weniger eine Performance als eine geführte Tour. An den Wänden des HAU3 sieht man Fotos und Videos von legendären Performances wie Richard Schechners „Dionysus in 69“ oder Carolee Schneemanns „Meat Joy“. Ingvartsen, anfangs noch in Jeans und Pulli, wechselt unvermittelt vom Bericht- in den Zeigemodus. Während sie die Performance „Changes and Parades“ beschreibt, mit der Anna Halprin 1965 die Puritaner verschreckte, zieht sie sich langsam aus und wieder an, immer in Augenkontakt mit einem jungen Mann. Im dritten Teil nimmt sie unvermutet die Rolle der Sextherapeutin ein und erzählt von teils futuristisch anmutenden Praktiken wie der Elektro-Stimulation. Es ist ein Abend zwischen Fesseln und Entfesselung: Am Ende entwirft sie, heftig zuckend, das Bild einer orgiastischen Weiblichkeit.

Am nächsten Morgen beim Interview wirkt Mette Ingvartsen entspannt. Zur Volksbühne möchte sie nichts sagen, da die Verhandlungen noch laufen. Aber es ist anregend, über ihre choreografische Arbeit zu sprechen: „Mich interessiert die Geschichte der Sexualität nicht als etwas Privates, sondern als Teil dessen, wie unsere Gesellschaft aufgebaut ist und wie Politik funktioniert.“ In „69 positions“ spielt sie auch auf eigene Stücke an, die sich um das Thema Begehren und Körper drehen, etwa das Erfolgsstück „to come“ von 2005. Bei der Bühnenorgie, die alles andere als pornografisch war, steckte sie die Tänzer in blaue Ganzkörpertrikots, die männliche oder weibliche Zuschreibungen unmöglich machten. Jeder kann hier jede Position einnehmen. In „69 positions“ betont sie nun die historische Distanz zu den Sechzigern: „Wir leben in einer Zeit, wo die Lust ständig gekitzelt und zugleich kontrolliert wird durch das Kommerz-Kino, das Internet und durch pharmazeutische Präparate.“ Der Kapitalismus habe das Begehren längst unterwandert, glaubt sie. Und mit Blick auf die sozialen Netzwerke merkt sie an: „Das Private wird ständig exponiert, ohne dass es eine politische Bedeutung hat.“

„69 positions“ hat sie an vielen Orten gezeigt. Der Abend ist immer anders, je nach Zusammensetzung des Publikums. Es gehe ihr weniger darum, die Zuschauer locker zu machen als in ihnen den Wunsch zu erwecken, eine Gemeinschaft auf Zeit zu bilden. „Das ist für mich eine politische Aktion.“ Einen Bodyguard, um aufdringliche Zuschauer in die Schranken zu weisen,hat sie nicht. Sie vertraut darauf, dass das Kollektiv sie beschützen würde. Zwar nimmt sie immer wieder explizite Sexstellungen ein, redet und erklärt aber die ganze Zeit – was verhindere, dass sie zum Objekt werde. Wer die selbstbewusste Dänin erlebt, käme nie auf die Idee, ein Lustobjekt vor sich zu haben.

Nur weil sie mit Nacktheit arbeite, will sie nicht das Label „feministisch“ verpasst bekommen: „Natürlich bin ich für gleiche Bezahlung von Männern und Frauen, für gleiche Rechte. Ich bin dafür, dass Menschen ihre Sexualität frei wählen können.“ Das seien heute nicht mehr nur feministische Forderungen. Ihre Forschungen im Reich der Lüste wird sie fortsetzen. Ihr nächstes Stück, an dem 12 Tänzer beteiligt sind, heißt „7 pleasures“.

Bis 31. Mai, jeweils 20 Uhr im HAU3.

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