Kultur : Die Chose mit der Hose

Marek Janowski startet seinen „Ring“-Zyklus.

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Mit Richard Wagners „Rheingold“ eröffneten Marek Janowski und das RundfunkSinfonieorchester am Donnerstag in der Philharmonie ein Mega-MusiktheaterWochenende, wie es nur in der Klassikwelthauptstadt Berlin vorstellbar ist: mit sieben Premieren in vier Tagen.

Ebenfalls am Donnerstag kam an der Neuköllner Oper Rameaus „Platée“ heraus, am Freitag hatte bei der Potsdamer Winteroper Glucks „Orfeo ed Euridice“ im Rokoko-Theater des Neuen Palais Premiere. Am heutigen Sonnabend setzt Janowski seinen konzertanten „Ring“-Zyklus mit der „Walküre“ fort, während sich im HAU junge Regisseure an John Cages „Europeras“ abarbeiten und Hans Neuenfels im Schillertheater seine Bearbeitung von Mozarts „La finta giardiniera“ herausbringt.

Am Sonntag schließlich dirigiert Henrik Nánási, seit Herbst Musikchef der Komischen Oper, mit der „Zauberflöte“ seine erste Produktion in der Behrenstraße. Nur die Deutsche Oper ist bei dem Marathon nicht dabei: Sie eröffnet erst am Dienstag ihre neue Experimentalbühne in der ehemaligen Tischlerei, mit der Uraufführung von „Mahlermania“ durch die Gruppe Nico and the Navigators. Uff!

Wagners „Rheingold“ ist das ideale Startstück für den Marathon, weil hier die Musik aus dem Nichts geboren wird, der Zuhörer den Schöpfungsakt lauschend mitverfolgen kann, bevor sich die unmögliche Gattung Oper in ihrer ganzen schillernden Vieldeutigkeit auffaltet. Zunächst ist es nicht mehr als ein Grummeln, dann aber formen sich Dreiklänge, der Tonsatz hellt sich auf, wird üppiger und reicher, bis das ganze Orchester strahlend tönt. Marek Janowski lässt das mit einer Riesenbesetzung spielen, kein weiterer Stuhl würde noch aufs Podium passen. Nur wohin der RSB-Chef will, bleibt zunächst unklar. Der Rhein raunt nicht recht, die Götterburg erscheint in nebligem Morgenlicht. Und der Klang bleibt – um es mit Wagnerworten zu sagen – falb und fahl.

Erst als die Riesen heranrollen und Janowski einen ersten kernigen Lautstärkeausbruch zulässt, platzt der Knoten. Jetzt sind plötzlich die orchestralen Farben da, jetzt beginnt das RSB zu atmen, spielt nicht nur mit gewohnter Präzision, sondern wirkt lebendig, beseelt, ist den exzellenten Solisten ein ebenbürtiger Partner – Tomasz Koniecznys enorm höhenstarkem Wotan, Iris Vermillons würdevoller Fricka, den virtuosen Rheintöchtern Julia Borchert, Katharina Kammerloher und Kismara Pessatti, dem bei aller Basswucht belcantistischen Fasolt von Günther Groissböck, Maria Radners jugendlicher Erda.

Die größte Zugkraft, ja, echten dramatischen Drive aber verdankt diese Konzertaufführung eindeutig Christian Elsner und Jochen Schmeckenbecher. Der gewichtige Tenor mit dem herrlichen Messingglanz in der Stimme gestaltet den Loge allein mit vokalen Mitteln als ebenso charmanten wie verschlagenen Feuergott, während der Heldenbariton bis in die Haarspitzen hinein zum Giftzwerg Alberich wird und mit grenzenloser Gestaltungsraffinesse die Faszination des Bösen heraufbeschwört.

Damit die versammelten Wagnerianer dennoch nicht zu romantisch glotzen, platziert Marek Janowski kurz vor Schluss einen schönen Brecht’schen Verfremdungseffekt: Während die Götterbande über die Regenbogenbrücke ihrem Wohnsitz Walhall zustrebt und das Musikerkollektiv dem festlichen Fortissimofinale, zieht sich der Dirigent, rechter Hand weitertaktierend, mit der linken die Hose hoch, erst hinten, dann vorne. Ekstatischer Jubel. Frederik Hanssen

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