Kultur : Die Christianisierung Münchens

Jubel, Trubel, Herzlichkeit: Maestro Thielemanns Start als Generalmusikdirektor in Bayerns Hauptstadt

Frederik Hanssen

Im Kino nennen sie das „sneak preview“. Eine echte Schnupper-Vorschau war der Auftritt von Christian Thielemann am vergangenen Sonntag bei der „Echo Klassik“-Gala. Fünf Tage, bevor der Kapellmaestro aus Berlin offiziell seinen Einstand als neuer Chefdirigent der Münchner Philharmoniker gab, war er mit dem Orchester bereits im ZDF zu erleben. „Eigentlich wollten wir ja zunächst nicht mitmachen“, erzählt Stephan Haack, stellvertretender Solocellist und Orchestervorstand. „Aber als dann herauskam, dass Christian Thielemann in der Sendung zum ,artist of the year’ gekürt werden sollte, sah die Sache natürlich anders aus.“ Zum Dank dafür, dass die Musiker das Risiko eingingen, durch die mediale Vorpremiere ihre Münchner Abonnenten zu vergrätzen, blendete der Sender Thielemann und die Seinen dann einfach mitten im letzten Stück aus. Und Klaus Wowereit verlas eine todeslangweilige Laudatio auf den „Künstler des Jahres 2004“, die nur so von gestanzten Politikersätzen strotzte. Nicht ein einziges persönliches Wort fand Berlins Regierender Bürgermeister – dabei hatte Moderatorin Senta Berger ihn zuvor vollmundig als Thielemanns „Freund aus alten Tagen“ vorgestellt.

Wie anders dann das Bild am Freitag in München: Alle Scheinwerfer der „Philharmonie am Gasteig“ sind auf den Zugereisten gerichtet, in der ersten Reihe drängte sich die Kulturprominenz, vom Ehepaar Wagner über Zubin Mehta und Sir Peter Jonas bis Brigitte Fassbaender und Antje Vollmer. Münchens OB Christian Ude braucht kein Manuskript, setzt Pointen, streut Anekdoten ein und begrüßt den bekennenden Preußen Thielemann mit herzlichen Worten, die nahtlos in prasselnden Applaus der 2400 fein herausgeputzten Gäste übergehen.

Es sollte, es musste also eine Liebesnacht werden, die erste offizielle einer Liaison, die bereits 1991 begonnen hat. Damals trat der blutjunge Thielemann zum ersten Mal vor die Münchner Philharmoniker, damals schon waren die Musiker von seiner „natürlichen Autorität“ (Haack) begeistert. Als 1996 nach dem Tod ihres heiß geliebten „Celi“, des legendären Sergiu Celibidache, ein Nachfolger gesucht werden musste, gingen die Musiker allerdings lieber auf Nummer sicher, wählten mit James Levine einen routinierten Jetset-Maestro – und erlebten einen Totalreinfall. Auch wenn Orchestervorstand Stephan Haack betont, dass es bis zum Ende der fünfjährigen Amtszeit des Amerikaners im Juli niemals zum Zerwürfnis kam, erfüllte Levine doch keine der Hoffnungen, die die Münchner Philharmoniker in ihn gesetzt hatten. Er schwebte nur für die Konzerte ein, kümmerte sich kaum um Kulturpolitik – und auch der Traum, nach Celis hartnäckiger Weigerung, Konzerte aufzunehmen, ganz groß ins CD-Business einzusteigen, realisierte sich nicht.

Das soll nun alles anders werden. Nachdem die Musiker im April 2002 aus der Presse erfahren mussten, dass Levine seinen Münchner Job aufgeben werde, um künftig neben der New Yorker Met das Boston Philharmonic Orchestra zu leiten, gab es nur ein Ziel: Christian Thielemann zu gewinnen, den Maestro, der die Wagnerianer in Bayreuth, Wien und Berlin zur Raserei treibt, den Fachmann für die raffinierten Tondichtungen des Münchners Richard Strauss, den weltweit gefragtesten deutschen Kapellmeister seiner Generation. Mit einem Sieben-Jahres-Vertrag haben ihn die Münchner an sich gebunden, Verlängerung erwünscht. „Wir erhoffen uns eine Ära Thielemann“, betont Orchestervorstand Haack. „Er und wir, das soll ein Begriff in der Musikwelt werden, so wie damals Celi und die Münchner Philharmoniker“.

Die Zahl von 18 Auftritten in dieser Saison soll – erleichtert durch Thielemanns unerwarteten Abgang bei der Deutschen Oper Berlin – in den kommenden beiden Spielzeiten auf 30 Abende ausgeweitet werden. Tourneen nicht eingerechnet. Gleich das Eröffnungskonzert wird von Thielemanns Exklusivfirma Deutsche Grammophon mitgeschnitten, mindestens eine Aufnahme pro Jahr soll folgen. Viel Geld hat das Orchester investiert, um den neuen Chef mit einer massiven Plakat- und Anzeigenkampagne würdig zu begrüßen. Und so herrscht im Gasteig, diesem grässlichen Multifunktionsmonster aus Backstein und braunem Blech, am Freitag auf der Bühne wie im Saal dieselbe Spannung.

Die Ära Thielemann beginnt pianissimo: mit einem Pizzicato der tiefen Streicher, mit Anton Bruckners fünfter Symphonie, einem Schlüsselwerk für die 1893 gegründeten Münchner Philharmoniker. Schon 1898 nahmen sie das monumentale Werk erstmals ins Programm, 1935 dann präsentierten sie die Uraufführung der Urfassung, zur Gasteig-Eröffnung 1985 gab es eine memorable Aufführung unter Celibidache.

Thielemann versucht gar nicht erst, seinen großen Vorvorgänger zu kopieren, sucht in Bruckner nicht das Zerrissene, Zerklüftete, will hier keine ungeheuerlichen Berichte eines verzweifelt Gläubigen aus einer Welt kurz vor der Apokalypse finden. Als Opernspezialist ist er gewohnt, extreme Stimmungswechsel zu vermitteln, kontrastreiche Szenen unter einem Spannungsbogen zusammenzufassen. Und so stört es ihn nicht, dass Melodien unvermittelt abbrechen, musikalische Entwicklungen plötzlich im Nichts enden. Er schleift die Kanten rund, postuliert ein Erlösungsfinale – und bekommt von den bis zum allerletzten Pult hochmotivierten Münchnern genau den Überwältigungssound, der ihm vorschwebt.

Technisch ist das absolute Weltklasse, jede einzelne Instrumentengruppe wirkt ungeheuer geschlossen und gleichzeitig höchst lebendig, gemeinsam steigern sie sich in einen wahren Klangrausch, der folgerichtig einen Riesenjubel hervorruft. Was die Tiefe der Interpretation betrifft, sind die Fußstapfen, in die Thielemann hier springt, allerdings noch sehr, sehr groß. Zugegeben, Sergiu Celibidache war weit über Siebzig, als er das Münchner Publikum mit seinen Bruckner-Abenden in Trance dirigierte, ein Zen-Meister der Partiturmeditation.

Thielemann ist jetzt 45 – and his boots are made for walking. Wenn er jetzt wirklich voll auf den neuen Job einsteigt, München nicht nur als Durchgangsstation auf dem Weg zur Wiener Staatsoper sieht, wenn er so intensiv mit den Musikern arbeitet, wie er es angekündigt hat, und auch jenseits des Podiums als pater familias und Lobbyist Präsenz zeigt, dann steht einer Christianisierung der bayerischen Landeshauptstadt nichts im Wege.

Eine Marotte, die im Orchestergraben bislang offenbar niemand störte, sollte sich Thielemann als allseits bestaunter Konzertdirigent jetzt möglichst bald wieder abgewöhnen: nämlich während der Satzpausen seine verrutschten Hosen hochzuziehen. Andererseits: Das Problem könnte sich auch von selbst erledigen. Denn wie gab der Neumünchner vor ein paar Tagen zu Protokoll? „Ich mag die bayerische Küche. Man muss nur aufpassen, dass man nicht zu dick wird.“

Der Fernsehsender Arte zeigt das Eröffnungskonzert heute um 19 Uhr.

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