Kultur : "Die Csárdásfürstin" an der Semperoper - Die kopflose Leiche tanzt den Totentanz

Sybill Mahlke

Im Wiener Palais des Fürsten Leopold Maria von und zu Lippert-Weylersheim sind Soldaten einquartiert, auch Frauen, denn ganz ohne Weiber geht die Chose nicht. Eine Menschenkette transportiert in schmissigem Marsch zahllose Spaten, damit im Marmorboden Schützengräben ausgehoben werden. Die Front ist nebenan, das Nobelgebäude in Auflösung begriffen. Das Bühnenbild von Johannes Leiacker trifft diese Depression nicht schlecht. Raketen, Schüsse. Die gute alte "Csárdásfürstin" wird zum Trümmerstück, der Krieg zur Operette.

1000 kleine Englein singen, Stahlhelme wiegen sich im Walzertakt. Das wird dem Premierenpublikum in der Semperoper zuviel. Die Liebe, die dumme Liebe, der sich das Buffopaar hingibt, während Sanitäter Leichen über die Bühne tragen, droht im Protest zu platzen. Ein untoter Rumpf tanzt ohne Kopf, welcher als abgeschlagenes Teil im szenischen Sonderangebot nachgeliefert wird. Einige Zuschauer räumen das Feld, andere brüllen "Vorhang" und "Geld zurück". Der mittlere Theaterskandal hätte eine bessere Sache verdient. Das Umstrittene als künstlerischer Sieg, als Kunstwerk der Zukunft - in diesem Fall fehlt der Glaube.

Dreimal ist Peter Konwitschny in der Umfrage der Zeitschrift "Opernwelt" zum Regisseur des Jahres gewählt worden. In Anbetracht seiner Leistung, die dazu führt, dass zu jedem Event unter seiner Hand Scharen von Kritikern anreisen. Stets ist ihm Spannung zugeneigt, die Neugier groß, weil Konwitschny allein projektbezogen inszeniert. Dass er jedem Stück mit neuen Mitteln begegnet, macht den Reichtum seines Personalstils aus. Kein Regisseur ist so wandelbar.

"Die Csárdásfürstin" von Emmerich Kálmán entstand im Idyll der "Rosenvilla" von Bad Ischl, in der auch Meyerbeer, Brahms und Lehár komponierten. Ins Weltkriegsjahr 1915 fällt die Wiener Uraufführung. Die Handlung hadert mit Standesunterschieden, die indes nicht todernst genommen werden, bis die vom Gott der Liebe füreinander bestimmten Paare zueinander kommen. Eine Wiener Angelegenheit, Extemporés, feines Parfüm, wählerischer Orchesterklang finden zu sich selbst. Der vom Balaton stammende Imre Kálmán, abgöttischer Schumann-Verehrer, Student ernster Musik und Freund Bartóks, sorgt mit Franz Lehár für die zweite Glanzära der Wiener Operette. Er bringt den ungarischen Nationalton zum Wiener Walzer. Die Wiener Librettistenfirma Leo Stein / Béla Jenbach kommt dem Drängen des Komponisten kaum noch nach. Aufführungsziffern der "Csárdásfürstin" steigen bereits auf 7000, der Operettenmarkt boomt.

Natürlich ist die eigenartige Romantik der Gattung wirklichkeitsfern, sie trägt Zeichen von Verdrängung. Es ist gewiss nicht unwürdig, bei einer Aufführung den Weltkrieg mitzudenken: "Man kann eine Welt, die kaputt geht, nicht draußen lassen", sagt Konwitschny. Meister des Details, der er ist, erreicht er Momente, bei denen der Atem stockt. Wenn Kálmán im Budapester Varieté den Hochzeitsmarsch von Mendelssohn zitiert, gespielt von der Zigeunerkapelle, wird jeder fühlende Zuschauer über das heraufziehende Unheil erschrecken: wie Mendelssohn Bartholdy gerät auch der jüdische Komponist Kálmán in absehbarer Zeit unter Aufführungsverbot. Solche Assoziationen verdirbt Konwitschny sich durch Operettennettigkeit. Ein Kellner in Livree als spaßige Hitlerkarikatur, Lazarettschwestern vom Roten Kreuz als kichernde Karbolmäuschen. Hitlergruß, Krüppel schwingen Beine, soweit vorhanden, man lebt nur einmal, hurra! Der Einfall ist schon bekannt - siehe Neuenfels! -, aber das Kálmán-Stück zu dürftig, seine Dialoge zu trübe, die Last einer solchen Interpretation auszuhalten.

Die ästhetische Kategorie der "Csárdásfürstin" wird überstrapaziert, wenn sie die Schmerzen des Jahrhunderts tragen soll. Die Schmerzen werden so klein wie die Kunstwahrheit des Werkes. Für Konwitschny bedeutet es keinen Bruch, nach der Dresdner "Csárdásfürstin" die anstehende Stuttgarter "Götterdämmerung" zu inszenieren. Aber das ist ein anderes Kaliber.

Für Stefan Soltesz ist das "Tanzen möcht ich" Ehrensache. Er bringt die Partitur seines Landsmannes mit der Sächsischen Staatskapelle so temperamentvoll in Schwung, dass mit dem rassig ungarischen Quintett "Joj, mamam, ich kauf mir die Welt" doch noch Freude aufkommt, zumal es ein sympathisches Ensemble zusammenbringt. Das sind Konrad Rupf als Feri von Kerekes, ein treuherziger Komiker, der Tenor Klaus Florian Vogt als Edwin, die Sopranistinnen Pascale Schulze und Sabine Brohm als Komtesse Stasi und Chansonette Sylva Varescu, nicht zuletzt Chris Merritt als Graf Boni, Arnold Schönbergs Salzburger / Berliner Aron, der sich als imponierender Buffo entpuppt.

Die Mädis vom Chantant aber sollten dabei bleiben, sich selbst und die Liebe nicht so tragisch zu nehmen.Weitere Vorstellungen: 31. 12., 3., 5. und 8. 1. Die heutige Galaaufführung wird auf den Theaterplatz übertragen, Beginn 18 Uhr.

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