Kultur : Die daadgalerie Berlin zeigt Portraits junger Schülerinnen und Naturaufnahmen

Katrin Bettina Müller

Die allgegenwärtige Verfügbarkeit privater Kameras hat dem Bemühen um die korrekte Pose beim Fotografen schon lange den Garaus gemacht. Die holländischen Fotografin Rineke Dijkstra setzt in ihren Porträts von Jugendlichen und Schülern da an, wo die Tradition des offiziellen Bildnis abgebrochen ist. Sie kehrt zurück an einen Punkt, als die Situation des Fotografiertwerdens sich noch deutlich vom Alltag abhob. Mit Blitzlicht, schwerer Plattenkamera und Assistent stellt sie nicht nur die Präzision des Bildes, sondern zugleich ein bewusstes Erleben des Aufgenommenwerdens sicher.

Mit ihren Berliner Porträts von Mädchen im Tiergarten und Schülerinnen im Atelier setzte Dijkstra während ihres daad-Stipendiums 1998 ihre Arbeit mit Jugendlichen fort. Man liest in den jungen Gesichtern und der verhalteten Körpersprache etwas von der Unbefangenheit der Mädchen und deren Verlust, vom frühen Aufschrecken aus der Selbstvergessenheit, von der Spannung zwischen Selbstentwürfen und Unzulänglichkeit. Sie arbeiten an ihrer Identität mit unterschiedlicher Intensität. Allein das Format hält den Betrachter auf Distanz. Das Blitzlicht, das den Park hinter dem Mädchen zum dunklen Wald werden lässt, funktioniert zugleich als Barriere. Mit der bewussten Inszenierung des Fotografiertwerdens weist die holländische Fotografie die Frage nach Authentizität oder Fiktion zurück. Sie sucht ihre Modelle in einer Zone des Umbruchs, in der sich die Bilder noch nicht verfestigt haben. Gerade deshalb überrascht das Maß an Konventionalität, mit dem sich die Schülerinnen ins Bild setzen lassen.

Dem Doppelporträt zweier Schülerinnen gegenüber hängt das Doppelporträt zweier kahler Bäume. Bart Domburg, der mit Rineke Dijkstra ihren Berlinaufenthalt 1998 teilte, hat sie nach Fotografien mit geradezu akribischer Genauigkeit gemalt, Weichzeichner im Nahbereich, Tiefenschärfe in den im Himmel verzweigten Ästen. Der Maler teilte mit der Fotografin die Vorliebe für die Berliner Parklandschaft als einem Atelier, das öffentlicher Ort ist und in dem sich dennoch Momente der Stille herstellen lassen. Seine winterlich kargen Bäume verblüffen durch die romantische Anmutung.

Erst über diesen Vergleich mit dem Maler schimmert in Dijkstras Arbeit die Verbundenheit mit der niederländischen Tradition der Malerei auf. Beide verteidigen in ihrer Kunst ein handwerkliches Arbeitsethos, das einst dem Auftraggeber geschuldet war und heute zu einem Konzept der Verlangsamung geworden ist. Damit schlagen sie Schneisen in die Flut der Bilder gerade dort, wo ihr Strom nicht mehr aufhaltbar scheint.daadgalerie, Kurfürstenstraße 58, bis 17. Oktober. Täglich 12.30 Uhr - 19 Uhr. Einführung von Katrin Kaptain am 27. September

4. und 11. Oktober, jeweils 17 Uhr.

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