Kultur : Die Dämonen vom Donnerstag

DEBATTE Wie macht man erfolgreiche Filme? Von Glück und den Heimsuchungen eines deutschen Produzenten. Von Martin Moszkowicz.

Auf Risiko. Auch Doris Dörries „Glück“ mit Vinzenz Kiefer und Alba Rohr- wacher hat Constantin produziert. Die Berlinale-Weltpremiere findet am 15.2. im International statt. Filmstart ist am 23.2.Fotos: Constantin (2)
Auf Risiko. Auch Doris Dörries „Glück“ mit Vinzenz Kiefer und Alba Rohr- wacher hat Constantin produziert. Die...

„Wenn ein Film Erfolg hat, ist er ein Geschäft. Wenn er keinen Erfolg hat, ist er Kunst.“ Bei allem Respekt vor dem großen Jean Gabin, dem dieses Zitat zugesprochen wird, ist das natürlich Quatsch. Wenn ich mir das aktuelle Programm der Berlinale ansehe und die endlose Diskussion in der Deutschen Filmakademie, die mehr und mehr eine provinzielle Veranstaltung wird, stellt sich mir die Frage: Was ist ein Erfolg? Wo hört Arthouse auf? Und wo fängt der Mainstream an? Und ist er automatisch Mist? Was unterscheidet einen Film, der nicht im Kino vor Publikum läuft, von einem Film fürs Fernsehen oder einem DVD-Release oder einer Streaming-Plattform? Vor allem, wenn es keine ästhetische Domäne mehr gibt, die das Kino für sich beanspruchen kann?

Aber in den letzten zwölf Monaten waren Filme, die man früher als Arthouse bezeichnet hätte, große Publikumserfolge, von „The King’ s Speech“ über „Midnight in Paris“ und „Der Gott des Gemetzels“ bis zum aktuellen Superhit „Ziemlich beste Freunde“. Diese Filme laufen schon lange nicht mehr nur in speziellen Filmkunsttheatern, die es nur in einer Handvoll Städte gibt, sondern ganz normal in Kinocentern neben „Transformers 3“. Die Definition über den Spielort geht also nicht mehr. Trotzdem: Die Filme im Berlinale-Wettbewerb laufen vor allem dort. Wenn sie es überhaupt in die deutschen Kinos schaffen, dann nur mit Zuschaueransprache in homöopathischer Menge. Eigentlich ein Klub, dem man gar nicht angehören will – jedenfalls nicht, wenn man Kino als Vereinbarung mit dem Publikum sieht. Klar ist: Die Schubladen der Vergangenheit funktionieren heute nicht mehr.

Viele sagen: Was soll’s? Wir haben doch Schweiger & Schweighöfer & Bully und Co., und der Marktanteil deutscher Filme liegt im letzten Jahr bei knapp 20 Prozent, das ist viel besser als vor zehn oder gar 20 Jahren. Ich finde: gut – aber nicht gut genug.

Erfolg kommt in vielen Formen. Am einfachsten lässt sich die Resonanz bei den Zuschauern messen. Deshalb besucht mich einer der Dämonen, mit denen ich mich herumplage, pünktlich jeden Donnerstagabend. Früher war es der Anruf des Verleihchefs der Constantin Film mit den telefonisch abgefragten ersten Kinozahlen des neuen Films, in schönstem Essener Platt: „Dat wird nix“ oder „tofte“. Heute ist es noch ein bisschen brutaler: Da werden die Kassenzahlen um 23.30 Uhr von den Kinos auf den Laptop geschickt.

Ich bin noch filmisch im Kino geprägt worden, ohne Flatscreens und Home4-Kanal-Dolby, ohne Youtube und Facebook und ohne eine durchschnittliche tägliche TV-Nutzung von knapp vier Stunden, ohne 3- D-Videospiele, an denen man 180 Stunden am Stück daddeln kann. Für mich war das Gemeinschaftserlebnis in einem ausverkauften Kino mit einer großen Leinwand noch ein echtes, konkurrenzloses Highlight.

Endgültig dem Kino verfallen bin ich 1982. Mit geschnorrtem Geld und einer geklauten Eintrittskarte hatte ich es nach Südfrankreich und in die Abschlussgala der Filmfestspiele in Cannes geschafft. „E.T.“ lief als Weltpremiere: Standing Ovations, jede Menge Tränen, Jack Lemmon stand auf, ging zu Steven Spielberg und fiel vor ihm auf die Knie.

Während „E.T.“ lief, fragte Wim Wenders für seinen Film „Chambre 666“ ein paar hundert Meter weiter die Regisseure des Festivals, ob das Kino als Kunstform stirbt. Steven Spielberg antwortete mit der Pragmatik und dem Selbstbewusstsein des Amerikaners, dass er Optimist sein müsse, weil er nichts könne, außer Filme zu machen. Wenn die Welt unterginge, könne er noch nicht mal ein Loch graben, um sich dort zu verstecken.

Ich war von „E.T.“ und der Reaktion des Publikums gleichermaßen bewegt. Seitdem steht für mich der Erfolg eines Films beim Publikum im Mittelpunkt. Den Kampf um unseren härtesten Kritiker, den Zuschauer, führe ich jeden Tag, und mit mir die Produzenten und Regisseure der Constantin-Filme. Es wäre falsch zu behaupten, dass wir jede Schlacht gewinnen. Aber sei’s drum, wir machen weiter.

Nun gibt es natürlich viele „Publikümmer“ und deshalb viele Arten von Erfolg. Ich bin mir aber sicher, dass es sehr viel schwerer ist, eine Million oder mehr Zuschauer ins Kino zu bringen, als ein paar Kritiker, Preisjurys und Festivalprogrammierer zu überzeugen. Ich weiß das so gut, weil ich ein einziges Mal darauf spekuliert und zugelassen habe, dass bei einem Film alles so gemacht wurde, wie man es bei einem Film, der beim Publikum ankommen soll, nicht machen sollte. Die Spekulation ist aufgegangen: Der Film hatte gute Kritiken und Preise und ist auf vielen Festivals gelaufen. Nur im Kino wollte ihn niemand sehen – weshalb sich die Freude bei mir auch in Grenzen hielt.

Also geht es ums Geldverdienen? Falsch. Das ist nur ein angenehmer Nebeneffekt. Unsere Branche wird von Leidenschaft angetrieben, nicht von Profitdenken. Das Zweite gibt es nicht ohne das Erste. Wenn es ausschließlich um wirtschaftliche Überlegungen des Produzenten ginge, könnte man ja auch eine DVD ins Kino an der Ecke tragen, und wenn dann ein paar LeuteTickets kaufen, dann rechnet sich das für den Produzenten. Aber es reicht nicht für den Kinobesitzer, die Eisverkäuferin, den Videovertrieb, die mitproduzierenden TV-Sender, kurz: für die Filmbranche. Das deutsche Kino kann von derartigen Erfolgen nicht leben.

In der wissenschaftlichen Diskussion gibt es zahlreiche Versuche, den Begriff des Glücks oder Erfolgserlebnisses messbar zu machen, etwa in den Flow-Forschungen von Professor Mihaly Csikszentmihalyi an der University of Chicago. Demnach stellt sich ein Glücksgefühl ein, wenn die Fähigkeiten des Menschen in gleichem Maße wachsen wie die Herausforderungen. Steigen diese Anforderungen aber schneller als die Fähigkeiten, kommt es zu Stress oder sogar zum Burn-out-Syndrom. Umgekehrt, wenn also Herausforderungen wesentlich niedriger sind als die Fähigkeiten, kommt es zur Langeweile. Fehlt es sowohl an Herausforderungen wie auch an Fähigkeiten, stellt sich Mittelmäßigkeit und ein Gefühl der Apathie ein.

Apathie, Mittelmaß und Gleichgültigkeit sind der Tod unserer Branche. Wenn uns das Publikum gleichgültig wird, interessiert sich das Publikum auch nicht mehr für unsere Filme. Es ist die Rache der Zuschauer an den Mittelmäßigen. Sie ist der größte Dämon, der uns bedroht.

Der deutsche Film ist nicht schlecht. Es geht ihm auch nicht schlecht. Er wird auch nicht schlecht behandelt. Er muss nur erfolgreicher sein, in jeder Beziehung. Um der Mittelmäßigkeit zu entgehen, müssen unsere Ziele hoch angesetzt werden. Aim high – in jeder Beziehung.

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