Kultur : Die dämonische Leinwand

Avantgardistisch. Propagandistisch. Uneinsichtig. Keine Künstlerin der Moderne ist umstrittener als Leni Riefenstahl. Zum 100. Geburtstag der Filmemacherin Stimmen aus acht Jahrzehnten – von Goebbels bis Godard, von Susan Sontag bis Alice Schwarzer

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Sie ist die älteste aktive Filmemacherin der Welt, wegen ihrer während der NS-Zeit entstandenen Werke gleichermaßen gefeiert und verdammt. Leni Riefenstahl, ihre Ästhetik, ihre Moral: Mit der wohl widersprüchlichsten Künstlerin des 20. Jahrhunderts haben sich viele auseinander gesetzt, der frühe Filmkritiker Kracauer und ebenso die Pop-Artisten um Andy Warhol und Mick Jagger, NS-Größen und Psychologen, Regisseure, Feministinnen und Schriftstellerinnen wie Ilse Aichinger. (d.Red.)

Hoch und keusch

Das Mädchen muß immer tanzen, als Kind schon am Meer mit den Wogen, später im Hochgebirge, wo sie sich das Reine und Schöne und Gott weiß was ersehnt. Dort trifft sie ihn, den Herrlichsten von allen, der den ganzen Tag auf den Bergen herumrennt, weil sie so hoch sind und so keusch und Gott weiß was. Ein pathologischer Fall, die Hochtouristen sollten sich solche Karikaturen verbitten.

Siegfried Kracauer zum Film „Der große Sprung“, 1927

Die Einzige

Eine Frau, die weiß, was sie will. Die einzige von all den Stars, die uns versteht.

Joseph Goebbels, Tagebuch, 1933

Stinkender Laden

Frl. Riefenstahl macht mir ihre Hysterien vor. Mit diesen wilden Frauen ist nicht zu arbeiten. Nun will sie für ihren Film 1/2 Million mehr und zwei daraus machen. Dabei stinkt es in ihrem Laden wie nie. Ich bin kühl bis ans Herz hinan. Sie weint. Das ist die letzte Waffe der Frauen. Aber bei mir wirkt das nicht mehr. Sie soll arbeiten und Ordnung halten.

Joseph Goebbels, Tagebuch, 1936

Reichsgletscherspalte

Leni Riefenstahl – die „Reichsgletscherspalte“ – auch im Ausland bekannt geworden durch Berg- und skifilme – schwer hysterische Person – maßlos ehrgeizig. Ihr ist zu gute zu halten, daß sie keine Renegatin ist, sondern immer an Hitler glaubte als an den Erlöser. Ihrer Karriere ist aber die Erlösung gut bekommen – nachdem vorher ihre Gesinnung sie nicht gehindert hat, beim „Juden“ saftige Filmhonorare zu beziehen und sich mit Antinazis für alle Fälle zu stellen. Als Hitler ihr für ihre Inszenierung des Olympiade- und eines Nürnberger-Parteitag-Films persönlich das Goldene Ehrenabzeichen oder sowas überreichte, fiel sie auf der Bühne vor Aufregung in die Freissen (in Ohnmacht), wobei es ihr mißlang, dem Führer in die Arme zu sinken – sie sank ihm zu Füßen und er mußte, sichtlich angewidert, über sie wegsteigen um abzugehen.

Carl Zuckmayer, aus dem Dossier für den amerikinschen Geheimdienst, 1943/44

Besiegte Amazone

Leni Riefenstahl ist aus Kitzbühel eingetroffen. Sie hat dort ihre Villa, ihren Schneidetisch, ihren Vorführraum, vielleicht auch ihre Weltanschauung zurückgelassen und sucht, von einer Gallenkolik geplagt, an Harald Brauns liberaler Brust Schutz und Halt. Der Ärmste weiß nicht recht, wie er sich dem Regisseur der Reichparteitagsfilme gegenüber verhalten soll, da dieser Mann ja eine Frau ist, noch dazu mit Tränen in den Augen und einer Wärmeflasche vorm Leib. Was soll er, in Mayerhofen und im 20. Jahrhundert, mit einer besiegten Amazone anfangen, die sich ergeben will?

Erich Kästner, Tagebuch, 1945

Geist und Anmut

In der Kunst ist der „Inhalt“ gleichsam das Ziel, das Lockmittel, durch das unser Bewußtsein in vorwiegend formale Umwandlungsprozesse hineingezogen wird. So kommt es, daß wir guten Gewissens solche Kunstwerke hochschätzen können, die für uns – „inhaltlich“ gesehen – moralisch unannehmbar sind. Nennt man Leni Riefenstahls „Triumph des Willens“ und „Olympia“ Meisterwerke, so heißt das nicht, Nazipropaganda mit ästhetischer Nachsicht glossieren. Die Nazipropaganda läßt sich nicht wegleugnen. Daneben aber ist noch etwas anderes in diesen Filmen enthalten, etwas, das wir zu unserem eigenen Schaden ablehnen. Weil sie die komplexen Bewegungen des Geistes, der Anmut und der Sinnlichkeit im Bild einfangen, übersteigen diese beiden Filme der Riefenstahl (die unter den Werken der Nazikünstler nicht ihresgleichen haben) die Kategorien der Propaganda und selbst der Reportage. Und plötzlich sehen wir – mit einem unbehaglichen Gefühl, wie ich zugeben muß – „Hitler“ und nicht Hitler, die „Olympiade von 1936“ und nicht die Olympiade von 1936.

Susan Sontag, Über den Stil, 1965

Provokation

Als einzige Frau mit offizieller Eigenschaft im Parteitagsgetriebe stand sie oft gegen die Parteiorganisation, die anfangs mitunter nahe dran war, eine Revolte gegen sie zu entfesseln. Auf die politischen Leiter der traditionell frauenfeindlichen Bewegung wirkte die selbstsichere Frau provozierend, die diese Männerwelt ungeniert für ihre Zwecke dirigierte.

Albert Speer, Erinnerungen, 1969

Schön ist nicht dumm

Sie selbst war eine der großen Schönheiten ihrer Zeit – da war ein Vorurteil zu überwinden. Sie musste immer beweisen, daß eine schöne Frau etwas tun kann, daß eine schöne Frau nicht notwendigerweise dumm und verderbt ist, daß eine schöne Frau intelligent und originell sein kann. Das Traurige an dieser Frau mit solchen kreativen Kräften ist, daß sie in so vielen Punkten durch Politik aufgehalten wurde.

Bianca Jagger, 1975

Bumerang

Ich sollte Leni Riefenstahls Dokumentarfilme über die Nazi-Parteitage in Nürnberg bearbeiten. Die Idee war, sie als Anti-Nazi-Propaganda zu verwenden. Das Ergebnis führte ich René Clair und Charlie Chaplin in New York vor. Chaplin bog sich vor Lachen, zeigte auf Hitler und behauptete, der Führer sei eine schlechte Kopie des Tramps. Aber Clair hatte Bedenken: Riefenstahls Bilder waren so verdammt gut und eindrucksvoll, daß man genau den umgekehrten Effekt von dem erzielt hätte, was wir beabsichtigten. Es wäre ein richtiger Bumerang gewesen. Das Publikum wäre überwältigt worden und hätte das Kino mit dem Gefühl verlassen, daß Deutschlands Macht nicht zu widerstehen sei.

Luis Bunuel, 1978

Der beste Sportfilm

Der einzige Film – leider muß man das sagen –, der gut gedreht wurde, ist ein Nazifilm von Leni Riefenstahl über die olympischen Spiele in Berlin 1936. In allen anderen Filmen hat man nie Sportler gesehen. Man sieht nur Männer oder Frauen, die rennen.

Jean-Luc Godard, 1994

Das letzte Fenster

Ich glaube, ich habe sie besser kennen gelernt als jeder andere. Aber in ihre Abgründe kann niemand hineinschauen. Warum sollte jemand, der mit 90 Jahren vor die Kamera tritt, das letzte innere Fenster aufmachen?

Ray Müller, Regisseur des Riefenstahl-Films „Die Macht der Bilder“ 1994

200 Prozent

Die verbreitete Analyse, Leni sei der Prototyp der „phallischen“, der männlich identifizierten Frau, greift viel zu kurz. Riefenstahls besonderes Wagnis und unlösbares Dilemma scheint ganz im Gegenteil, daß sie beides sein will: ganz Frau und ganz Mann zugleich. Als Regisseur befehligte sie Hunderte von Leuten und arbeitete mit Millionenbudgets, doch bei den Dreharbeiten ist sie Vater und Mutter der Truppe zugleich. Und nach den triumphalen Premieren stellte Goebbels ihr nach und machte Hitler ihr Plüschaugen. ..]Der Film „Das blaue Licht“ wirkt noch heute mit seinen knappen Szenen, Großaufnahmen und kühnen Schnitten hochmodern; Natur und Tiere spielen eine zentrale Rolle, die Bilder sind so eindringlich wie eindeutig: die Symbolik des phallischen Berges überstrahlt Riefenstahl mit der Symbolik der vaginalen Grotte. 100 Prozent Mann und 100 Prozent Frau.

Alice Schwarzer, 1999

Yuppie-Mutter

Eben der absolute Mangel an menschlichem Mitgefühl, an Zärtlichkeit, an Verantwortung und Wärme wird nun sentimentalisiert und im Kontext der neuen Brutalität des Neoliberalismus aufgehoben. Riefenstahl hat die „richtigen“ Bilder für den unerklärten Bürgerkrieg des Neoliberalismus. Sie ist die fehlende Mutter der deutschen Yuppies.

Georg Seeßlen, 1999

Hysterikerin

Die Tatsache, daß Leni Riefenstahl darauf beharrt, nicht verstehen zu wollen, worin ihre Schuld liegt, verbietet hingegen jegliche auf Entlastung ausgerichtete Schutzdichtungen, innerhalb derer der Star stellvertretend für das breite Publikum öffentlich angeklagt und für schuldig erklärt wird, so daß dessen Reue eine kathartische Wirkung haben kann. Indem sie das letzte Wort behält, erinnert Leni Riefenstahl an die berühmten Hysterikerinnen der Jahrhundertwende, die für das von ihnen am eigenen Leib als psychosomatische Störung dargebotene Unbehagen keine endgültige Lösung zulassen, die den Analytikern eine glückliche Lösung ihres Falls verbieten, weil ihre Klage und Anklage notgedrungen unlösbar bleiben muß.

Elisabeth Bronfen, 2000

Abnormität

Ihre Karriere: eine in paradoxer Weise konsequente Folge von bravourösem Auftakt, umjubelter Fortsetzung und erzwungenem Ende. Auch deshalb vermutlich Tiefseetauchen: ,Ich bin eine Abnormität’, sagte ein Tintenfisch in einem Marionettenspiel von Günter Eich.

Ilse Aichinger, 2001

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