„Die Danksager“ am Berliner Ensemble : Hauptsache, uns macht es Spaß

Die letzte Premiere der Ära Peymann am Berliner Ensemble: Leander Haußmann und Sven Regener inszenieren mit „Die Danksager“ einen Bob-Dylan-Abend - und zeigen, es ist höchste Zeit für den Abschied.

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Abschied am Lagerfeuer. "Die Danksager" ist die letzte Premiere der Ära Peymann am Berliner Ensemble.
Abschied am Lagerfeuer. "Die Danksager" ist die letzte Premiere der Ära Peymann am Berliner Ensemble.Foto: Marcus Lieberenz

Bob ist der Größte. Bob ist Gott, nur eben in Gestalt eines mies gelaunten Wuschelkopfes mit Sonnenbrille. Bob hat Songs geschrieben, mit denen schon Generationen sensibler junger Männer ihre potenziellen Sexpartnerinnen im Sommercamp zu becircen versucht haben, und so wird es auch immer sein, also: Songs für die Ewigkeit. Und er hat den Nobelpreis gewonnen, aber irgendwie nicht angenommen. Oder doch, man weiß es nicht genau. Ein cooler Hund jedenfalls, dieser Bob Dylan.

In Berlin leben zwei seiner größten Fans. Der eine heißt Leander Haußmann, ist Film- und Theaterregisseur und hat in seiner Komödie „Robert Zimmermann wundert sich über die Liebe“ die Sache mit dem Literatur-Nobelpreis schon vorausgesagt. Der andere heißt Sven Regener, ist selbst Musiker und weiß daher: „Na ja, Bob Dylan bekommt den Nobelpreis – da kannst du auch dem Mount Everest eine Kette umhängen, weil er der höchste Berg der Welt ist, das weiß nun wirklich jeder.“

Die letzte Premiere der Ära Peymann

Man kann sich gut vorstellen, wie das war, als der Leander und der Sven sich getroffen haben in ihrer Dylan-Begeisterung. Wie sie sich über ihre schönsten Knutsch-Erlebnisse zu „Hey, Mr. Tambourine Man“ und ihre wildesten Tanznächte im Sound von „Knockin’ On Heaven’s Door“ ausgetauscht und dann in welchem Zustand auch immer beschlossen haben: Über den Bob müsste man mal ein Stück machen. Genauer: über das „Phänomen Bob Dylan“ (Haußmann im Programmheft-Interview). Herausgekommen ist der Abend „Die Danksager“. Laut Untertitel ein „bunter Abend“. Keine Premiere wie jede andere, sondern die letzte Premiere der Ära Claus Peymann am Berliner Ensemble. Das vorweggenommene Abschiedsfest, der große Zapfenstreich. Aber wie das so ist mit Abschieden: Sie verführen entweder zu sentimentaler Albernheit oder zu brutalem Alkoholkonsum. Beides nicht schön für Außenstehende.

Zehn Bob-Dylan-Imitatoren jeden Alters und Geschlechts treffen im Stück „Die Danksager“ aufeinander. Weshalb, das wird nicht wirklich klar, es spielt auch weiter keine Rolle. Natürlich soll vor allem dem BE-Ensemble Gelegenheit gegeben werden, sich gebührend vom Schiffbauerdamm zu verabschieden, was aber nicht für Peter Luppa zu gelten scheint, zu sehen in der Rolle „Bob Dylan 10, kleinwüchsiger Mann“. Ihn hievt Norbert Stöß als „Assistent“ aufs Motorrad: „Du bist doch der Einzige, der auch in Zukunft noch aufs Motorrad darf, der Zwerg und der mit der Glatze, haben wir gehört.“ Theater-Insider-Scherze, zwinker, zwinker.

Selten gibt es Lichtblicke in der lahmen Theaterdämmerung

Die Imitatoren jedenfalls versuchen sich der Reihe nach an Reden für eine Akademie. „Liebe Schweden, liebe Sprengstoffarbeiter“, hebt zum Beispiel „Bob Dylan 7“ (Luca Schaub) an und bittet: „Seien Sie ernsthaft und seien Sie klar in der Sprache, so wie es in meinen Liedern ja auch zugeht. Ich bin die ganzen Interpretationsverrenkungen leid!“ Und „Bob Dylan 1“ (Roman Kaminski) erklärt den „Sportsfreunden von der Akademie“ erst mal, dass sie auch nicht mehr über Literatur wüssten als der „Buchclub von Sigmaringen“, und doziert: „Warum ist Ihr Preis so renommiert? Ich kann es Ihnen sagen: weil er am meisten Geld raushaut.“

So rauscht er dahin, der Redefluss ohne tiefere Bedeutung. Dazwischen stimmen all die putzig kostümierten Dylan-Lookalikes mit ihren Gitarren natürlich auch die Lieblingslieder des Autorenteams an: „Chimes of Freedom“, „A Hard Rain’s A- Gonna Fall“, „It Ain’t Me, Babe“. Und so fort. Wobei einer schlechter singt als der andere. Bitte schauen Sie sich den Abend selbst an und entscheiden Sie, wer der eine und wer der andere ist. Wenn Bob Dylan das miterleben müsste, würde er umgehend per Anhalter nach Stockholm trampen und die Akademie um Entschuldigung für die lange Wartezeit und seine schlechten Manieren bitten.

Nur selten gibt es Lichtblicke in der lahmen Theaterdämmerung. Zum Beispiel, wenn Martin Seifert als „Der Dramaturg“ erscheint und über das Schattendasein seines Berufs lamentiert: „Wir sind die Einhörner in einer dem Untergang geweihten Welt, und niemand hat diese Einhörner je wirklich gesehen. Außer die Kinder, aber die haben ihr eigenes Theater, das wird es immer geben.“

Allerhöchste Zeit zum Abschiednehmen

Und einen wirklich großen Auftritt hat Carmen-Maja Antoni als „Der General“ mit Theatervollmacht und Fernbedienung fürs Bühnenlicht. Vermutlich parodiert sie in hochgeschlossenem Anzug Claus Peymann, vielleicht aber auch Kim-Jong-Un, schwer zu sagen. „Ich habe wirklich früher davon geträumt, so etwas wie ein Jahrhundertmensch zu werden. Und ich bin es geworden“, erklärt „Der General“, und das passt ja auf alle Genannten.

Am Ende rieselt der Schnee, sämtliche Dylans sitzen ums Lagerfeuer auf der Bühne und singen „Winterlude“. Zwei anstrengende Stunden und viele Jahre Peymann gehen zur Neige, Leander Haußmann und Sven Regener werden am Ende ein bisschen ausgebuht und lächeln, jeder merkt: allerhöchste Zeit zum Abschiednehmen. Noch ein Dank zum Schluss? Ach nein, da halten wir es lieber mit Bob. Und schweigen.

wieder 4., 9. und 17. Mai um 19.30 Uhr

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