Kultur : Die Dauerwelle

Wo Kunst und Design zueinander kommen: MARTa, das neue Frank-Gehry-Museum in Herford

Nicola Kuhn

Der Belgier Jan Hoet ist nicht nur ein international gefragter Ausstellungsmacher, sondern auch ein großer Erzähler. Permanent passiert ihm etwas, begegnen ihm aufregende Künstler. Treffender als jeder Katalogtext beschreiben diese Anekdoten den Kern der Kunst. Auch von seinem ersten Kontakt mit Herford gibt Hoet eine Geschichte zum Besten, die viel über das MARTa verrät, das heute eröffnet wird: „Als der erste Anruf aus Herford kam, dachte ich: Herford … das muss doch in Schottland sein. Am Apparat war der damals amtierende Bürgermeister, der mich als Museumsdirektor gewinnen wollte. Ich bot ihm an, Englisch zu sprechen, denn ich ging davon aus, dass er aus Herfordshire anrief.“

Inzwischen weiß Hoet, wo sich die 65000 Einwohner-Stadt befindet. Der Documenta-Macher von 1992 hat das Angebot aus der westdeutschen Provinz angenommen. Ähnlich dürfte auch die Kontaktaufnahme mit dem amerikanischen Stararchitekten Frank Gehry verlaufen sein: Herford, what? Egal, auch er schlug ein und verleiht dem ostwestfälischen Ort nun mit einem echten Gehry internationalen Glanz.

Nach vier Jahren Bauzeit ist das Museumsufo MARTa endgültig gelandet. Wie ein Raumschiff steht es am Ufer des Flüsschens Aa nahe dem Bahnhof. Als Reverenz an seine Umgebung ist ihm eine Hülle aus Backstein-Platten umgelegt. Ansonsten torkeln Dach und Fassade so heiter-dekonstruktivistisch aus der Reihe, dass es für jeden urbanen Imageberater eine Freude sein muss: jung, dynamisch, die Verkörperung des Aufbruchs. Das Herforder Museumsglück, ins Werk gesetzt von zwei Monomanen: Jan Hoet setzt den Energieschub im Inneren des Gebäudes auf seine Weise fort. Als erste Ausstellung präsentiert er „(my private) Heroes“, eine Sammlung persönlicher Heldenbilder, notdürftig ergänzt durch allgemein verbindliche Werke. Die erste Reaktion, so Co-Kuratorin Véronique Souben: „Wir waren gelinde gesagt perplex.“

Das MARTa Herford hat Ähnlichkeit mit einem Traumschiff. Jeder geht darauf seinen Visionen nach: der Architekt, der Museumsdirektor, der Bürgermeister und die Möbelindustrie der Region, die hier als Gesellschafter agiert. Der Architekt schuf sein Werk jedoch nur scheinbar traumverloren, als kleinere Kopie des Guggenheim in Bilbao. Zwar schwanken auch hier die Baublöcke wie trunkene Gestalten, doch fügen sie sich geschickt an das auf dem Grundstück schon vorhandene „Haus des Möbels“. Immer wieder eröffnen sich schöne Blicke nach draußen. Gewiss, hier hat sich ein Baumeister selbst verwirklicht, eigentlich ein Auslaufmodell in Zeiten der neuen Bescheidenheit. Doch genau diese Signumsarchitektur war gewünscht, um der Stadt eine Attraktion zu verschaffen. Nun müssen es die Kuratoren richten und die sich wölbenden Wände bespielen.

Das Innere verblüfft. Denn so perfekt die äußere Schale erscheint, auch wenn deutlich sichtbar wird, dass die Ziegelfassade nur vorgepappt ist, so (nach-)lässig präsentiert sich der Kern: der Boden gewischter Beton mit Baustellenflair, die Zwischenwände der Galerien auf grauen Klötzen aufgebockt mit offenen Fugen. Gediegenheit strahlt dagegen das Bistro aus, ein wichtiger Faktor bei der Wirtschaftlichkeit des Unternehmens. Das wellenförmig in den Raum vorkragende Zwischengeschoss ist hier mit Kupferblech umkleidet. Auf der edlen Empore wird der Besucher auf Gehry-Stühlen aus Bugholz platziert, die ihrerseits das Spiel der Schwingungen aufnehmen.

Die Dynamik des Hauses passt zum Unruhegeist Jan Hoets, der sich auf das Experiment eines neuen Museumstyps eingelassen hat: MARTa steht für Möbel, Art und Ambiente, die hier gleichberechtigt zusammenkommen sollen. „Warum sollte nicht auch eine kleine Stadt Visionen haben?“, fragte Hoet kämpferisch bei der Voreröffnung. Insofern sei seine Eröffnungsschau auch eine Abschiedsvorstellung: Fortan steht die Kunst nicht mehr für sich allein, Design wird eine größere Rolle spielen.

Mit der Erstausstellung „(my private) Heroes“ macht Hoet einen geschickten ersten Schachzug. Das Heldenthema ist zwar in der Kunst, nicht aber in der Medienwirklichkeit aus der Mode gekommen. Die Verehrung etwa von Popstars oder Sportlern verrät eine ungebrochene Sehnsucht; der Titel bedient diese unverhohlen. Assoziativ wurden in den fünf Galerien Werke zum Thema zusammengetragen. Da findet sich ein Ritter mit klirrenden Waffen von Lovis Corinth unweit von Jan Fabres „Flämischem Kämpfer“, dessen Haupt sich aus Hunderten von Käfern zusammensetzt. Der leidende Künstler-Held tritt auf in den Porträts von Georg Baselitz und Martin Kippenberger. Das Duo Pierre und Gilles kokettiert mit der Schönheit des Helden in Gestalt eines bildhübschen Merkur in üppigem Goldrahmen. Bei Andrea Serrano bleibt indes nur noch die Hülle: Supermans Cape im Kleiderschrank. Substanzielle Statements sucht man allerdings vergebens; essayistische Herangehensweise und torkelnde Wände ergänzen einander fast zu gut.

Vielleicht hat aber auch Herford selbst das Zeug zum Helden. Die Bewohner des Städtchens am Rande des Teutoburger Walds leiden unter Arbeitslosigkeit und Sozialabbau, obwohl noch immer jede zweite Küche bundesweit (und jede dritte Küche in Europa) in der Region gefertigt wird. In Herford sitzt der größte Möbelproduzent des Kontinents. Schon der damalige NRW-Wirtschaftsminister Wolfgang Clement hatte die Idee, ein Museum für Kunst und Design hier anzusiedeln. Irgendwann kam Gehry ins Spiel, von dem im benachbarten Bad Oeynhausen bereits zwei Bauten stehen. Die kleine Kommune wagte den Griff nach den Sternen. Sie stellte den Löwenanteil der Bausumme von 28,8 Millionen Euro und wird auch das Gros des Jahresbudgets von rund 3 Millionen Euro übernehmen.

Die Herforder selbst wissen diesen Mut allerdings nicht zu schätzen; sie begleiteten das Projekt bislang mit Protesten gegen die vermeintliche Verschwendung, die auch der Bund der Steuerzahler angemahnt hatte. Da mag Bürgermeister Wollbrink noch so sehr auf die neu geschaffenen Arbeitsplätze im bis vor kurzem heruntergekommenen Bahnhofsviertel verweisen. Die Identifikation mit dem Wechselbalg MARTa muss erst noch wachsen. Avisiert ist ohnehin das überregionale Publikum.

„Wir werden das kleine Bilbao sein“, verspricht MARTa-Geschäftsführer Berndt Kriete. Schließlich sei die Bausumme der heimischen Wirtschaft zugute gekommen. Jeder künftige Besucher lasse laut Statistik 200 Euro in der Stadt, so dass sich das Museum schnell refinanziere. Ein Traum? Eine Vision, würde Jan Hoet es nennen. Das heldenhafte erste Kapitel der (Erfolgs-)Geschichte hat er schließlich mitgeschrieben.

MARTa Herford, (my private) Heroes, bis 14. August. Der Katalog kostet 35 Euro (Kerber Verlag, Bielefeld).

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