Kultur : Die Daum-Tragödie: Die Sucht nach mehr

Hartmut Wewetzer

"Er ist krank, und man muss ihn heilen." Mit diesen Worten hat Franz Beckenbauer, Vizepräsident des Deutschen Fussballbundes, auf den Drogennachweis in der Haarprobe des designierten Bundestrainers Christoph Daums reagiert. Wenn er geheilt sei, dann könne er "auch wieder Trainer sein". Daum selbst bestreitet jedoch weiter seine Schuld. Wie kann ein erfolgreicher Trainer, der die Nationalmannschaft übernehmen sollte, auch krank sein? Hat er vielleicht nur an einem verbotenen Stoff geschnuppert, ihn lediglich hin und wieder eingenommen? Wo beginnt die Sucht?

Bis heute weiß die Wissenschaft nicht so recht, was Sucht eigentlich sind. Schon mehr ist darüber bekannt, was beim Drogenrausch geschieht: Wer sich berauscht, der stimuliert nach Ansicht von Hirnforschern die für das Wohlbefinden zuständigen "Belohnungs"-Zentren im Gehirn. Die Droge ist gewissermaßen eine synthetische Abkürzung zur Lust, die sonst mühsam "erarbeitet" werden muss. Kokain ist da ein typisches Beispiel - das weiße Pulver kann die Leistungsfähigkeit vorübergehend steigern, euphorisches Wohlbefinden und ein Höhenflug aller Empfindungen setzen ein. Probleme treten in den Hintergrund, Allmachtsphantasien in den Vordergrund.

Für das Entstehen einer Abhängigkeit müssen Droge, Konsument und Situation zusammenwirken. Die Weltgesundheitsorganisation definiert Drogensucht als den Zustand seelischer oder körperlicher Abängigkeit von einer zeitweise oder fortgesetzt eingenommenen Substanz, und sie hat je nach Drogenart mehrere Suchttypen festgelegt. Kokain, Cannabis und Amphetamine ("Ecstasy") gehören zu jenen Substanzen, die zwar psychisch, aber nicht körperlich abhängig machen können. Dabei gilt für Kokain, dass es den Konsumenten schnell in seinen Bann schlägt, dementsprechend rasch muss die Dosis gesteigert werden. Wer aufhört, fällt in ein schwarzes Loch.

Rolf Hüllinghorst, Geschäftsführer der Deutschen Hauptstelle gegen die Suchtgefahren, plädiert jedoch dafür, nicht zu schnell den Stab über Christoph Daum zu brechen. "Nicht jeder, der bei einer Probe positiv ist, hat ein Drogenproblem", sagte Hüllinghorst dem Tagesspiegel. Der Test bedeute lediglich, dass Daum das Rauschmittel irgendwann einmal konsumiert habe, aber nicht, dass er süchtig sei. Insofern sei die öffentliche Diskussion in den Medien eine Vorverurteilung, die durch nichts gerechtfertigt sei. Es könne durchaus sein, dass Daum nur geringe Mengen konsumiert habe, ohne Auswirkungen auf seine Persönlichkeit. "Aber auch gelegentlicher Konsum ist nicht in Ordnung und muss Konsequenzen haben." Psychologisch sei aber dann kein Handlungsbedarf gegeben.

Im Blick auf die berufliche Zukunft Daums meinte Hüllinghorst, wenn jemand getrunken habe und völlig ausgeflippt sei, würde auch niemand sagen, der dürfe jetzt kein Bundestrainer werden. Insofern müsse emotionsfrei geklärt werden, ob Daum suchtabhängig sei oder der Drogenkonsum ein einmaliger Ausrutscher war. War es ein einmaliger Ausrutscher, "dann spricht überhaupt nichts dagegen, dass Daum wieder eine verantwortliche Aufgabe übernimmt".

Kokain umgibt der Mythos, das "Dopingmittel" der Reichen und Erfolgreichen zu sein, gewissermaßen eine "Leistungsdroge". Für den Musiker Konstantin Wecker, der wegen Kokain-Besitzes inhaftiert wurde, hat die Illegalität der Droge eine doppelte Bedeutung: "Einerseits bin ich froh, dass ich von einer illegalen Droge abhängig war - denn davon kann ich mich heute problemlos fernhalten. Andererseits wäre ich ohne den Reiz des Verbotenen niemals so tief in die Sucht geraten", sagte er dem "Stern".

Konstantin Wecker ist eine Ausnahme, denn Abhängigkeit wird ungern eingestanden. Die Betroffenen fürchten, ihr Gesicht zu verlieren, und halten ihre Sucht geheim. Das gilt auch für ein ganz legales Suchtmittel, den Alkohol. Obwohl Alkoholkonsum weit verbreitet und gesellschaftlich akzeptiert ist - immerhin 4,4 Millionen Menschen sollen von ihm abhängig sein oder sich durch missbräuchliches Trinkverhalten schaden -, haben Alkoholiker Angst, die Sucht vor sich selbst und anderen einzugestehen, und sie haben Panik davor, den Arbeitsplatz und den letzten sozialen Halt zu verlieren. Das alles dürfte es auch Christoph Daum nicht leicht machen, sich öffentlich zu erklären - ob abhängig oder nicht.

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