Kultur : Die DDR verwackelt - Arbeiten von Gundula Schulze-Eldowy

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Das ist nicht mehr der Osten, das ist Ostblock. Fotos aus irgendeiner verstrahlten Sowjet-Achselhöhle, wo der Kesselreiniger Kessel reinigt, die Bäckerbrigadisten sich küssen und der Gummiarbeiter Gummi knetet. Szenen aus dem trostlosen Sibirien, ausgeblendet vom Rest der Welt. Fotos aus Tagen, alt und fern. Nur die kleinen Schildchen stören ein wenig: Berlin 1982, Flöha 1986, Bad Blankenburg 1985, Berlin 1977.

Die Frau nackt auf dem Bett, ein Bein hochgespreizt, mit Schamhaaren, die ihr bis zum Hals hochzuwachsen drohen. Der Mann in praller Unterhose, so fett und stolz, als ob er nie wieder aus seinem Sessel steigen wollte. Auch die weißhaarige Alte, oben ohne und unten ohne Bein. Körper, die ihrer abgeschiedenen Umgebung so angepaßt sind, dass ihnen auch ein fremder Blick nichts mehr anhaben kann. Körper, nackt und furchtbar, darauf Köpfe, die furchtlos bei der Sache sind. Strahlende Außenseiter, die es sich an der Innenseite der Wirklichkeit gemütlich gemacht haben. Was Gundula Schulze-Eldowy zwischen 1977 und 1987 fotografiert hat, ist nicht mehr sozialistischer Alltag, das ist fröhliche Verwahrlosung. Von "Ost-Aura" redet ein Besucher, doch von welchem Osten? Die Fotografin verwackelt mit ihrer Ausstellung "Berlin. In einer Hundenacht" das Profil eines ehemaligen Landes. Scharf sind nicht einmal die Typen, die man kennt, die bei der Parade zum 1. Mai 1984 auf dem Podium stehen. Dabei rücken andere verschärft ins Bild. Wie ein Lot sitzt der alte Alkoholiker auf seiner Couch. Links der Ofen, rechts der Fernseher, alles in Ordnung. Nur ein Bild an der Wand ist quer angenagelt, damit er es, wenn er auf der Couch liegt, auch richtig sehen kann. Eine Welt zu klein für Politik. Plötzlich taucht das Sibirien der deutschen Vergangenheit auf: "Kraftdroschke" steht unverändert über einer Ostberliner Autowerkstatt. Und das Mädchen, das halb-abgeschnitten vor der Kellerkneipe "Zur unterirdischen Tante" tanzt, hätte Heinrich Zille genauso aufnehmen können. Anthropologische Konstanten eines Landes. Immer wieder erscheinen die Alten im Bild, als Reste dieser alltäglichen deutschen Geschichte. Das Lieblingsmodell der Fotografin, von allen Seiten: mal schön, mal schrecklich, mal grau, mal nackt. Zuletzt im Altenheim. Von dort bekommt sie Postkarten. Auch die sind ausgestellt. "Ohne Erinnerung, kein Gedächtnis", schreibt die Fotografin, die längst international ausstellt und "auf Reisen" lebt. Und: "Wer kein Gedächtnis hat, hat keine Vergangenheit". Das ist nicht neu, doch was von ihrer "Hundenacht" bleibt, ist das Bild einer neuen Welt.Katalog "Berlin. In einer Nacht", Photographien von Gundula Schulze-Eldowy, Postfuhramt Mitte, bis 29. April, So - Do, 13-21 Uhr, Fr / Sa 13-24 Uhr.

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