Kultur : Die Designer-Allergie

In seinem neuen Roman „Mustererkennung“ träumt William Gibson, der Vater des Cyberpunk, von einer logofreien Welt

Mario Scalla

William Gibson, der Godfather des Cyberpunk, geht auf die Sechzig zu. Er könnte sich zur Ruhe setzen und beobachten, wie mit der Matrix-Trilogie seine Erfindungen im Mainstream das große Geld machen. Denn Cyberpunk, dieses einstmals rebellische Subgenre der Science Fiction, das die Rhythmen des Punk mit den neuen Technologien verlinken wollte, hat viel von seiner Vitalität verloren. Anfang der Achtzigerjahre, der Crash der New Economy hatte noch nicht alle digitalen Träume begraben, war an Visionen kein Mangel. Menschen, die mit Chip-Implantaten zu Cyborgs werden, der Download des Gehirns auf eine Festplatte, das waren die Bestandteile, aus denen die Mythen der Postmoderne gewoben wurden.

Gibson war einer der Pioniere der neuen Fiktionen. Er war nicht so überschäumend visionär wie sein Mitstreiter Bruce Sterling, politisch nicht so links wie John Shirley. Gibson besetzte die Position des Intellektuellen, des Stilisten, der in der Literaturgeschichte bewandert war und sie mit seiner Kombination aus Slang- und Literatursprache bereicherte. Seine Diktion war immer kühl und trocken, und er vermittelte stets das Gefühl, spielerisch und distanziert mit seinen Motiven umzugehen.

In Gibsons neuem Roman „Mustererkennung“ („Pattern Recognition“) kommen verhältnismäßig wenig Science-Fiction Elemente vor, keine hard-boiled action, keine künstlichen Intelligenzen, wie es von „Newromancer“ bis „Idoru“der Fall war. Es gibt auch keine Upgrades des menschlichen Körpers wie in den vorhergehenden Romanen, in denen Biochips sinnliche Wahrnehmung und physische Kraft steigerten.

Die Protagonistin Cayce Pollard gerät zwischen die Fronten unterschiedlicher Medien- und Machtkonglomerate. Sie besitzt eine einzigartige Eigenschaft, denn sie ist mit einer Idiosynkrasie gegen Markenartikel gesegnet. Vor allem das Michelin-Männchen und Tommy-Hilfiger-Logos führen zu schweren allergischen Reaktionen. In der Industrie ist ihre Sensibilität hervorragend einsetzbar. Cayce leistet als Trendscout und Freelancer in Markendingen kostbare Dienste. Sie war die erste, die einen Jungen sah, der die Baseballkappe verkehrt herum aufgesetzt hatte, und erkannte sofort den Trend.

Die Firma Blue Ant hat sie unter Vertrag genommen, damit Cayce vorab das neue Logo eines Weltkonzerns testet. Dank ihrer Idiosynkrasie liegt sie in der Beurteilung niemals falsch. Privat hingegen flieht sie vor der Welt des Kommerzes in eine virtuelle Gemeinde, die sich um geheimnisvolle Internet-Videoclips gruppiert hat. Der Stil dieser im Terror der ubiquitären Logos wie von einer anderen Welt kommenden Clips alarmiert schnell die Werbebranche, die hier einen neuen Trend wittert. Ausgerechnet Cayce soll die Quelle dieser neuartigen Ästhetik finden. Natürlich wird sie von Skrupeln geplagt, wie viele, die im Internet eine zunächst kommerzfreie Passion pflegen. Cayce reist über London nach Tokio und Moskau, trifft dabei alte und neue Freunde, und Gibson präsentiert sich wieder einmal als Meister überraschender Details und Ideen.

Der alte Freund Damien, ein Dokumentarfilmer, beobachtet eine Ausgrabung in der Nähe von Stalingrad und schickt E-Mails über verschlammte Knochenberge sowie abgefahrene Leningrad-Boys, die aus der Grabung eine Party machen wollen. Die neue Bekanntschaft Magda entpuppt sich als eine Agentin der Konzerne, die in Szenelokalen Bekanntschaften schließen und dabei unauffällig Markenprodukte lancieren muss.

Vieles an der Story ist nahe an der Jetztzeit. Aber Gibson ist nicht zu einem klassischen Realisten mutiert. Die Gegenwart durch Beschreibung der Zukunft verfremden – diesem Programm bleibt er treu. Nichts ist so fern wie inmitten der westlichen Gesellschaften über Zonen nachzudenken, die nicht vom Markenterror und den Gesetzen des Branding beherrscht werden. Und natürlich wird in der Science-Fiction von der Zukunft immer auf der Grundlage gegenwärtiger Erfahrungen spekuliert. Der amerikanische Theoretiker Fredric Jameson schrieb über „Mustererkennung“, der Roman enthalte verlässlichere Informationen über die zeitgenössische Welt als die Produkte eines erschöpften Realismus oder Modernismus. Er hat Recht – Gibson hat lange nach den Abgesängen auf den Cyberpunk einen seiner besten Romane geschrieben.

Europa begegnet Cayce Pollard in Gestalt von London als Welt, in der alles seitenverkehrt abläuft, für asiatische Touristen eine echte museale Alternative zum amerikanischen Disneyland. Tokio hingegen erscheint als der Ort, wo alle Fäden zusammenlaufen. Was die Russenmafia in diesem Bild zu suchen hat, muss sich noch erweisen. Wir leben in einer globalen Gesellschaft, wird gesagt, und wo, wenn nicht in diesem Roman wird davon gehandelt, wie das konkret aussieht.


Dieses Buch bestellen William Gibson: Mustererkennung. Roman. Aus dem Amerikanischen von Cornelia Holfelder-von der Tann und Christa Schuenke. Klett-Cotta, Stuttgart 2004. 460 Seiten, 24,50 €.

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