Kultur : Die Deutsche Bank will in Frankfurt das neue Berlin übertrumpfen

Ruth Fühner

"Größer als der Potsdamer Platz, als die Debis-Zentrale und das Sony-Center zusammen" - so das Motto des Projekts am alten Frankfurter GüterbahnhofRuth Fühner

"Größer als der Potsdamer Platz, als die Debis-Zentrale und das Sony-Center zusammen", so tönt es über das Projekt der Deutschen Bank auf dem Gelände des aufgelassenen Frankfurter Güterbahnhofs zwischen Hauptbahnhof und Messegelände. In dem Vergleich schwingt heimliche Genugtuung mit. Schließlich hatte Berlin der "Kulturmetropole" Frankfurt nach dem Fall der Mauer den Rang abgelaufen, nicht nur als künftige Schaltzentrale bundesdeutscher Politik. Aus dem Zentrum fand sich die Stadt am Main auf einmal an den Rand gedrückt. Und mancher setzte, kaum verhohlen, die - hausgemachte - Krise der Frankfurter Kultur aufs Konto der deutschen Einigung. Dazu kam die Häme der Konkurrenz. Von New York bis London wurde dem Finanzplatz Frankfurt der Absturz in die kulturelle Bedeutungslosigkeit bescheinigt. Doch seit das Zittern um die Ansiedlung der Europäischen Zentralbank ein Ende hat, besinnt sich Frankfurt wieder auf sich selbst.

In den gläsernen Fassaden der Bankentürme spiegelt sich ein neues Selbstbewusstsein. Und diesmal erwächst es weniger aus politischen Impulsen oder kulturellen Initiativen als aus der Massenanziehung, die von der himmelstürmenden Macht des Geldes ausgeht. So wird die Not zur Tugend. Denn den Wünschen der Banken und Versicherungen hat die Politik immer weniger entgegenzusetzen. Regelmäßig wachsen Hochhäuser höher ins Blau, als es der Planungsdezernent Martin Wentz (SPD) erlaubt, nur widerwillig öffnen die Türme ihre Erdgeschosse zur Straße hin, und das Restaurant über den Wolken, das der Volkssouverän sich bescheiden wünscht, um beim Ebbelwoi selbst einmal die legendäre Sykline zu genießen, blieb ein Traum.

Auch die im 35. Stock der Deutschen Bank erdachte "Messestadt" macht städtische Planungshoheit unbekümmert zur Makulatur. Gerade erst hatten die Entwürfe für ein "Urban Entertainment Center" plus Messe-Erweiterung auf Teilen des Bahngeländes die planerischen und parlamentarischen Hürden genommen - da legte die Bank, fixfertig aus der Retorte und unbehindert durch demokratisches Tauziehen, ihre Alternative auf den Tisch.

Nur zum Besten Frankfurts, beteuert Vorstandssprecher Rolf Breuer - der Finanzplatz am Main sei einfach für den Nachwuchs des Bankensektors nicht weltstädtisch genug. Diesem Mangel an Glamour hilft schon die Hochglanzbroschüre ab, in der Architekt Helmut Jahn seine schmutzabweisende Vision des neuen Stadtteils darstellen darf. Ihr Maßstab ist nicht das gedanklich bereits überrundete Berlin, sondern gleich Paris - wahrhaftig ein "Maßstabssprung". Think big: 87 Hektar, Wohnraum für 10 000, Arbeitsplätze für 4000 Menschen. Ein Stadion für 50 000, ein Stadthaus mit Spielcasino, ein Hotel, eine Mehrzweckhalle und ein Einkaufszentrum, in dem die Frankfurter Zeil, als innerstädtische Einkaufsstraße bisher Umsatzsieger der Republik, mühelos Platz fände. Alles säuberlich hintereinander aufgereiht, eine von West nach Ost abgeflachte Kurve mit Euroturm, Euro-Twin-Hochhäuser am einen, einem Park am andern Ende: mit Zentralperspektive auf den Souverän der City, das in Glas und Beton verwandelte Geld. Dieser neue "Stadtteil" will unübersehbar mehr sein als das: das neue Zentrum Frankfurts nämlich - garantiert geschichtsfrei und sozial kontrollierbar.

Oberbürgermeisterin Petra Roth (CDU) merkte schnell, dass dies eins von jenen Angeboten war, die man nicht ablehnen kann. Die Pläne wie die gründlich gewendeten Grünen als "einmalige Chance" zu rühmen, bringt sie zwar noch nicht über sich. Aber schließlich liegen hier 6,5 Milliarden Mark auf dem Tisch; ein solches "Geschenk" beiseite zu fegen, wäre politischer Selbstmord. In rührendem Vertrauen auf transparentere Verfahrenstraditionen hat der Bund der Deutschen Architekten vorgeschlagen, den Jahn-Entwurf in einen Wettbewerb zu schicken. Doch Stadt und Deutsche Bank haben längst eine Arbeitsgruppe eingesetzt, die die "Messestadt", unter Beibehaltung der Eckpfeiler, so kleinarbeiten soll, dass die Stadt ihr Gesicht nicht ganz verliert.

Und die Kultur? Immerhin sieht das von Jahn geplante "Stadthaus" ein Museum und ein (Musical-)Theater vor. Für beides hat die Stadt kein Geld und folglich kaum Mitbestimmungsrecht. Mutig hat sich der neue Kulturdezernent Hans Bernhard Nordhoff (SPD) dennoch als Berater für "zugkräftige Inhalte" angeboten - falls denn die Investoren das für nötig erachten sollten. Eine Geste, die den Klimawandel in der Stadt sinnfällig macht.

Der überlebensgrosse Hilmar Hoffmann hätte sich die Gelegenheit nicht entgehen lassen, einem neu entstehenden Stadtteil den Stempel seiner "Kultur für alle" aufzudrücken. Doch die 13 Museen, mit denen Frankfurt am Ende seiner Ägide glänzte, können heute nur noch mit Müh und Not ihr Aufsichtspersonal bezahlen: Hoffmann nahm seinen Abschied, als absehbar wurde, dass eine Schrumpfung des Haushalts bevorstand. Seine Nachfolgerin Linda Reisch schloss vor den Zeichen der Zeit entschlossen die Augen. Tapfer hielt sie fest am Anspruch der Politik, den intellektuellen Diskurs in der Stadt zu prägen und auf Hochglanz zu polieren - und merkte nicht, wie ihr die ökonomische Basis wegrutschte. Hilflos musste sie zulassen, dass immer mehr Leitfiguren der "Kulturmetropole" am Main den Rücken kehrten.

Der Pragmatiker Nordhoff, gelernter Naturwissenschaftler, versagte sich angesichts des mit 350 Millionen Mark im Jahr stagnierden Kulturetats die grossen Entwürfe von Anfang an. Mit ihm ist die Frankfurter Kulturpolitik seit einem Jahr in die Kulissen abgewandert, Entscheidungen werden nicht mehr vor aller Ohren zerredet. Der Glanz hochfliegender Visionen vom städtischen Kulturraum ist allerdings auch zerstoben. "Mischfinanzierung" ist eins von Nordhoffs Lieblingsworten: auf 200 000 erbettelte Mark schießt die Stadt künftig Projekten die Hälfte zu. Damit ist die private Finanzierung ins Herz der Kulturversorgung vorgestoßen.

Was die einen düster sinnieren lässt über den Rückzug der öffentlichen Hand, wird von den andern als "Bürgersinn" gefeiert. So bei der "Gunstsammlung" für das Städel, die die dringend notwendige Sanierung des Museums fast ohne städtische Mittel ermöglichte. Gunstbeweise zuhauf sammelt auch das Museum für Moderne Kunst. Dessen Chef, Jean Christophe Ammann, ist beliebt bei der jungen Banker-Schickeria, die laut Rolf Breuer ansonsten so wenig Attraktives in der Stadt findet. Ammann kennt auch die wenigsten Skrupel bei der "Mischfinanzierung"; da die Stadt ihn, was Ankaufs- und Ausstellungsetat angeht, bis aufs Hemd ausgezogen hat, ist er sogar bereit, seinem Haus eine zweite Aussenhaut überzuziehen - als Werbefläche.

Doch Ammans Talent zum Geldsammeln hat nicht jeder. Wilfried Wang, Leiter des Deutschen Architekturmuseums, hat bereits aufgegeben - die Notwendigkeit, Sponsoren zu finden, habe ihn von der eigentlichen Arbeit für das Museum abgehalten. Dem Kulturdezernenten wird es recht sein: Er wünscht sich das Haus - vom Anspruch her immerhin ein nationales Museum - seit langem stärker auf Frankfurt konzentriert. Da böte der "Maßstabssprung" von Helmut Jahn eine geradezu grandiose Gelegenheit, Rückzug als Fortschritt zu verkaufen.

Bei Nordhoffs Hang zum Heimeligen im Zugwind der Globalisierung wirkt es eher überraschend, dass er auch den Schauspielintendanten nicht länger halten wollte. Denn Peter Eschbergs Theater nach dem Lehrplan für die Oberstufe hatte zuletzt immerhin das Haus gefüllt - wenn auch die überregionale Kritik kaum Notiz nehmen wollte vom trotzigen Mittelmaß, das hier regierte. Nun läuft 2001, nach 10 Jahren, die Ära Eschberg aus und als Trostpflaster darf der scheidende Intendant noch über seinen Nachfolger mitbestimmen. Nordhoff interessiert nicht die Ausstrahlung ins republikweite Feuilleton, sondern, in programmatischer Selbstbeschränkung, Theater als "Stadtgespräch".

Von weiter her reisten Kritiker zuletzt fast ausschließlich wegen des aus Berlin stammenden Regieduos Thomas Kühnel und Robert Schuster zum Schauspiel an. Im Herbst ziehen die beiden mitsamt Tross ab ins Bockenheimer Depot. Dort wollen sie zusammen mit Ballettchef Bill Forsythe das Theater am Turm (TAT) aus seinem Dornröschenschlaf wecken. Doch die erste Gemeinschaftsproduktion, "Faust II", noch am Schauspiel entwickelt, zeigte nur, was herauskommt, wenn man allzu ungleiche Begabungen unter ein Joch spannt: gemeinsam sind sie schwach. Tritt fassen die beiden Regie-Jungstars wohl leichter, wo sie unter sich sind. Für die Zukunft des TAT, das einmal eine der spannendsten Experimentier-Bühnen des Landes war, sollte die Maxime gelten: getrennt marschieren, vereint schlagen.

Zu eher verhaltenem Optimismus animiert auch die Oper Frankfurt. An ihrer Spitze steht der machtbewusste Manager Martin Steinhoff, der darauf hofft, sich bei einer Umwandlung der Städtischen Bühnen in eine GmbH auch das Schauspiel einzuverleiben. Unter ihm durften Regisseure alte Inszenierungen zum x-ten Mal neu auflegen, Humperdincks Weihnachtsmärchenoper "Hänsel und Gretel" wurde, mitten im Mai, gleich ganz aus Berlin eingekauft. Frankfurt als Schrittmacher der musiktheatralischen Entwicklung? Eine Legende aus ferner Vergangenheit. Der neue Generalmusikdirektor Paolo Carignani zeigt zwar am Dirigentenpult Profil, doch ob er genügend Format hat, sich gegen den lähmenden Druck ästhetischer Gleichgültigkeit im eigenen Haus zu behaupten, wird sich erweisen.

Zeigen muss sich auch, ob die Rechnung aufgeht, über der berühmten Sykline den Geist der grossen weiten Finanzwelt wehen zu lassen, während die Frankfurter Innenstadt verödet und die Kulturinstitute künstlerisch bewusst auf kleiner Flamme gehalten werden. Geht sie nicht auf, könnte es sein, dass Rolf Breuer, trotz seines Deutschbanker-Projekts der "Messestadt", seinen jungdynamischen Aufsteigern weiterhin Zulagen dafür zahlen muss, dass sie sich an den Main beordern lassen.
© 1999

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