Kultur : Die deutsche Erstaufführung von Sarah Kanes Stück "Gier" (Interview)

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Sie stehen in Sarah Kanes Stück "Gier" auf der Bühne. Das Stück besteht fast nur aus Monologen. Hören Sie sich gerne reden?

STEIGER: Die eigene Stimme? Kommt darauf an, was man sagt.

Würden Sie ungefragt eine Bühne besteigen, ein Mikrophon ergreifen und ihr Innenleben ausbreiten?

KÖNIG: Ich hätte keine Hemmungen mehr vor einem Mikrophon, nachdem ich mich jetzt daran gewöhnt habe. Aber auch ein Rocksänger bezieht sich auf einen Text.

ROCKSTROH: Man müsste Spaß an der Technik entwickeln.

KÖNIG: Vielleicht sollten wir die Aufgabe mehr wie ein Sänger betrachten.

ROCKSTROH: Ich zensiere mich ständig.

Die Stimme bleibt eine Prothese?

ROCKSTROH: Wir gehen an Krücken. Aber das größte Problem ist, dass wir keine klar gezeichneten Figuren darstellen können. Wir denken diesen Text unter der großen Überschrift: "Gier" - erfüllen einen Auftrag.

KÖNIG: Das Stück ist einerseits wie eine musikalische Komposition aufgebaut, extrem dicht, detailiert und streng. Andererseits müssen wir Sätze, die inhaltlich kaum aufeinander bezogen sind, wie reale Situationen erfassen.

STEIGER: Die Musikalität gerät ständig mit der Privatheit in Konflikt. Und manchmal sind wir verzweifelt, weil wir nicht verstehen, warum nichts entsteht.

KÖNIG: Weil wir keine Musiker sind.

Sie spielen Figuren, die kein Zentrum haben. Ist das die Rolle, vor der Sie sich immer gefürchtet haben?

KÖNIG: Ich wusste gar nicht, dass es sie gibt.

STEIGER: Es beunruhigt mich. Das Stück schleicht sich in einen hinein und ich muss ständig daran denken, dass ich aus ihm herausfallen könnte.

DANNEMANN: Es ist eines der wenigen Dinge, um die man noch ringen möchte in einer Zeit, deren Komplexität einen überfordert. In diesem Sinne ist es ein politisches Stück, weil es die Unmöglichkeit, die Welt zu erfassen und Liebe zu erlangen, mitdenkt.

ROCKSTROH: Man muss wie in einem Streichquartett die Einsätze abpassen.

STEIGER: Wir haben viel Zeit damit verbracht zu begreifen, was die einzelnen Sätze bedeuten und auf wen sie sich beziehen könnten. Man kommt sich sehr einsam vor da oben. Jeder von uns ist Teil einer Figur, die eigentlich eine fünfte bildet.

Haben Sie einen Lieblingssatz?

ROCKSTROH: "Ich bin nicht, was ich bin, ich bin, was ich tue." Den glaube ich schon benutzt zu haben.

DANNEMANN: Bei den meisten Sätzen denke ich: Der könnte von mir sein. "Ich rauche bis mir schlecht ist." Das kenne ich. Sarah Kane soll ja für das Stück ihre Tagebücher zerpflückt und Erfahrungen von Freunden miteingeflochten haben. Wie in einer Gesprächstherapie versucht das Stück, den Verstand auszuschalten, um an Ur-Gefühle und -Ängste heranzukommen.

"Ist dir jemals in den Sinn gekommen, dass du am falschen Ort suchst?"

DANNEMANN: Ja sicher.

"Und du denkst nicht, dass ein Kind zu leiden hätte, das bei einer Vergewaltigung gezeugt wurde?"

DANNEMANN: Bitte?

Das ist ein Zitat.

KÖNIG: Das Stück erinnert mich an eine schwarze Messe, in der alles Dunkle und Trostlose sichtbar wird.

Macht es für Sie einen Unterschied zu wissen, dass die Autorin sich umgebracht hat?

ROCKSTROH: Man kann das nicht verdrängen. Zumal das Stück davon handelt. Diese quälende, unerträgliche Selbstbefragung, die den Charakter einer Therapie annimmt, zwingt sich einem auf. Ich will das manchmal auch nicht hören müssen. Es ist schmerzvoll. Aber es hinterlässt Spuren.

KÖNIG: Das hat etwas Religiöses, Pathetisches und Ritualisiertes. Wie eine Messe.

DANNEMANN: In einer Messe werden Worte von vor zweitausend Jahren verlesen. Dieser Text ist viel zu aktuell.Die deutsche Erstaufführung von Sarah Kanes Stück "Gier" - Regie: Thomas Ostermeier - hat am Donnerstag in der Schaubühne Premiere. Weitere Vorstellungen am 24., 25. und 26. 3., 20 Uhr. Das Gespräch führte Kai Müller

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