Kultur : Die Deutschen und ihr Bild von Türkinnen

Aygül Cizmecioglu

Klischees haben etwas Schönes. Man kann sich hinter ihnen verstecken, wenn man keine Lust hat, sich gegen sie zu wehren. Und wenn man einmal nicht ihren Regeln folgt, was dann? Dann muss man mühsam aufgebaute Weltbilder zerstören, um am Ende herauszufinden, dass eine Flucht unmöglich ist und der Wunsch nach Klischeelosigkeit nur ein anderes Klischee mit sich bringt.

Wohnungssuchende türkische Studentinnen, besonders die, die trotz ihres akzentfreien Deutschs nicht unbedingt deutsch aussehen, sind prädestiniert, diese Klischeewechsel zu erleben. Sie müssen sich bei der ersten Wohnungsbesichtigung oft einer Befragung über ihr Verhältnis zum deutschen Kulturgut und ihre türkischen Familienbande unterziehen und meistens auch noch die mitleidige Solidarität mit ihrer vermeintlichen Unterdrückung ertragen. Im Gegensatz zu ihren deutschen Kommilitoninnen stehen nicht Fragen über das Studium im Vordergrund, sondern über die Sprachkompetenz der Eltern und die eigene Rückkehrabsicht in die anatolische Heimat. Kann man dann mit einem Vater auftrumpfen, der nicht Vorarbeiter ist und Heine-Gedichte mag und die Topografie der Eifel besser beschreiben kann als die türkische Mittelmeerküste, so merken die meisten, dass sie mit ihrem Ayse-Bild nicht mehr weiterkommen. Ihr Bild von einer Kopftuch tragenden Türkin fängt an zu zerbröckeln. Sie stellen sich vielleicht die Frage, ob eine Türkin wirklich wie in Tefik Basars Film auf "4O qm Deutschland" ihr Leben fristen kann und ob "Yasemin" von Hark Bohm doch nur ein Multikultimärchen ist. Wird ihnen dann auch noch die steigende Zahl der türkischen Frauen, die die alma mater stürmen, entgegengehalten und das auf Hochglanz polierte, türkische Lifestylemagazin "Hayat" unter die Nase gehalten, steht der Erneuerung des Ayse-Bildes nichts mehr im Weg.

Viele eröffnen dann eine neue Schublade, um dem progressiven Bild von der dritten Türkinnen-Generation gerecht zu werden. Der neue Typus soll zwar Karriere machen dürfen, doch die Multikulti-Aura immer in der Ethnohandtasche tragen. Hölderlin darf sie zwar lesen, doch schreiben soll sie über die Sozialproblematik ihrer Subkultur. Sie darf zwar mit Rapsongs die Zuschauer begeistern, doch muss es in ihren Texten eine Rechtfertigung für die Kopfbedeckung ihrer Mutter geben. Die meisten können sich eine Emanzipation mit Kopftuch weniger vorstellen als eine Befangenheit in alten Rollen ohne Schleier. Sie schalten den Fernseher ab, wenn die Soziologin Nilüfer Göle von ihrer Studie berichtet, in der sie die Kopfbedeckung nicht nur als Zeichen der Unterdrückung, sondern auch als Symbol einer neuen Mündigkeit darstellt. Sie merken nicht, dass die unterdrückte Kreuzbergerin als Gegenstand einer soziologischen Dissertation genauso klischeelastig ist wie die emanzipierte Hauptrolle in der wortgewaltigen Ghettoattitüde eines türkischen Autors.

Heute ist Weltfrauentag. Politikerinnen werden Frauenhäuser besuchen und Feministinnen ihre Solidarität mit ihren unterdrückten Geschlechtsgenossinen in Ostanatolien bestätigen. Ob sie merken, dass ihre Klischees Klischees bleiben?

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