Kultur : Die Differenz des Denkens

Annäherung an Sinn und Nicht-Sinn: zum Tod des französischen Philosophen Jacques Derrida

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Von Michael Adrian

Mit einem Paukenschlag von drei gewichtigen Büchern erschien er 1967 auf der Pariser Szene – und läutete damit eine intellektuelle Karriere ein, wie sie in ihrer Unvorhersehbarkeit und Widersprüchlichkeit, aber auch in ihrer Ausstrahlung über alle Grenzen der Disziplinen hinweg am ehesten in der Philosophie möglich ist. Jacques Derrida kam in vielerlei Hinsicht von den Rändern. 1930 als Sohn jüdischer Eltern in der Nähe von Algier geboren, lernte er den Antisemitismus des PétainRegimes ebenso kennen wie die Schwierigkeit des jungen Algerienfranzosen, in der Pariser akademischen Welt Fuß zu fassen. Aber da war er schon so für die Philosophie entflammt, dass ihn auch Rückschläge nicht entmutigten. Noch zu einer Zeit freilich, da er längst neben Jürgen Habermas als bedeutendster Philosoph der Gegenwart gelten mochte, sprach Derrida vom Gefühl der Beklommenheit, das ihn stets beim Betreten einer Universität überkäme.

Von den Rändern der französischen Gesellschaft war der junge Mann gekommen, und von ihren Rändern her wollte er, von Heidegger beeinflusst, die Philosophie aufsprengen. Bücher wie die „Randgänge der Philosophie“, „Die Stimme und das Phänomen“, „Grammatologie“ und „Die Schrift und die Differenz“schlugen zuvor ungehörte Töne an. Sie betrachteten die Philosophie, und vor allem die metaphysische Tradition, zugleich von innen wie von außen. Ein unmöglicher Standpunkt also schon der Ausgangspunkt, von dem aus der Philosophie hier eine Art Kostenrechnung vorgetragen wurde. Sie habe die Differenz zugunsten einer schimärischen Einheit unterdrückt, habe eine im Grunde narzisstische Form der Präsenz, des Einen, des Bei-sich-seins entwickelt.

Gegen die „Metaphysik der Präsenz“ entwickelte Derrida in einer rasch anschwellenden Flut von Schriften, von denen viele zu Klassikern avancierten, eine rhetorisch raffinierte, für viele befremdliche Strategie des Schreibens, die dem eigenen Denken schnell wieder den Boden entzog, wenn es sich begrifflich zu verfestigen drohte. „Schrift“ und „différance“ – mit „a“ – hießen einige der immer neuen Begriffe, die Derrida in Umlauf brachte, um ein Denken der Spurensuche, der vorsichtigen, umkreisenden Annäherung, des Nicht-Feststellens von Sinn zu etablieren – ein Denken, das immer von der Möglichkeit des Scheiterns, der Abwesenheit, des Verfehlens ausging. Wie ein roter Faden zieht sich durch sein Werk der Versuch, solch vermeintliche Negativität im Kern des begrifflichen Denkens, im Wesen der Erfahrung, zuletzt im Herzen der Freiheit zu installieren.

Die Vorgehensweise der Schriften und Vorträge, die der persönlich bescheidene, zugleich überaus elegante Herr verbreitete, trug erheblich zu ihrer weltweiten Wirkung bei. Derrida entwickelte eine hoch spannende Form der langsamen und genauen Lektüre schwieriger Texte. Seine unter dem Label „Dekonstruktion“ bekannt gewordene Weise – die eine „Methode“ nie werden sollte –, Schlüsseltexte der philosophischen Überlieferung von scheinbaren Nebensächlichkeiten und Details aus zum Geständnis dessen zu bringen, was sie hatten unterschlagen wollen, um ihre Thesen zu begründen, traf einen Nerv der Zeit. Doch bleibt es eine der vielen Paradoxien seiner Gestalt, dass er eigentlich so etwas wie den Inbegriff eines radikal geduldigen Studierens vorexerzierte – und ausgerechnet damit in unserer beschleunigten Welt zum Philosophenstar avancierte.

In der philosophischen Szene blieb er freilich lange umstritten. Mit dem akademischen Erfolg mehrten sich die Gelegenheiten der Konfrontation. Derrida, den man zu Unrecht der Postmoderne zuschlug, hat viele Gedankengebäude auf irritierende Weise neu befragt, analytische wie hermeneutische Philosophie, Psychoanalyse und Marxismus, zuletzt vermehrt Ethik und Politik – und er hat heftige Kontroversen mit Größen seiner Zunft wie Searle, Gadamer und Habermas ausgefochten. Noch 1992 wollten ihm einige Zunftgenossen die Ehrendoktorwürde der Universität Cambridge verweigern.

Derrida und Habermas schlossen in den letzten Jahren Frieden, riefen gar gemeinsam zur Verteidigung des europäischen Erbes gegen amerikanische Hegemonialbestrebungen auf. Wie Foucault lernte auch Derrida in der Spätphase seines Wirkens, sein Denken als Erneuerung der Aufklärung zu verstehen. An der Philosophie hat er wohl vor allem ihren inneren Reichtum geliebt, diese Verbindung der Freiheit des Unvorhersehbaren mit der Strenge begrifflicher Konsequenz. Freilich, eine „Philosophie Derridas“ gibt es nicht.

„Lassen Sie sich Zeit, aber tun Sie es schnell, denn Sie wissen nicht, was Sie erwartet“ – mit diesen Worten hatte Derrida vor wenigen Jahren in Frankfurt seine Schlüsselrede zur Erneuerung der Universität als eines Orts der verantwortungsvollen geistigen Freiheit beschlossen. Sein gesamtes Œuvre folgt diesem paradoxen Rhythmus. Jacques Derrida hat sich ein ungeheuer produktives Gelehrtenleben lang Zeit gelassen. Gestern ist er im Alter von 74 Jahren in Paris einem Krebsleiden erlegen.

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