Kultur : Die DIN-Norm des Gedenkens

Eine Weimarer Tagung diskutiert über den Kommunismus im Museum

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Wenn deutsche Historiker zu einer Tagung über den „Kommunismus im Museum“ einladen, reden sie vor allem über eines: den Nationalsozialismus. Die Stiftung Ettersberg (Gedenkstätte Buchenwald) und die Stiftung zur Aufarbeitung der SEDDiktatur hatten nach Weimar geladen, um mit Zeithistorikern und Museumspraktikern über Mittel und Wege der Darstellung kommunistischer Diktaturen in Museen zu diskutieren. Doch die Mühen um die Aufarbeitung der von Deutschen europaweit begangenen Verbrechen während der nationalsozialistischen Diktatur drohten das eigentliche Thema bisweilen zu überlagern.

Schon die unterschiedlichen Namen der vorgestellten Museen machen die politische Brisanz solcher Orte deutlich: In Budapest ist es das „Haus des Terrors“, in Tallin und Riga ein „Okkupationsmuseum“, in Vilnius gar ein „Genozidmuseum“ – womit nicht der Holocaust, sondern die sowjetische Herrschaft in Litauen gemeint ist, der ein Drittel der Bevölkerung zum Opfer fiel. Die rumänische Gedenkstätte „Memorial Sighet“ und das noch in Planung befindliche polnische Projekt „Socland“ haben weniger programatische Bezeichnungen. Am unscheinbarsten kommt das deutsche „Zeitgeschichtliche Forum Leipzig“ daher.

Ein Ort mit doppelter Vergangenheit ist das ungarische „Haus des Terrors“. Der Gründerzeitbau an Budapests Prachtboulevard Andrássy ut war Gefängnis und Folterkeller des ungarischen Ablegers der Nationalsozialisten, der so genannten Pfeilkreuzler, bevor er für die kommunistische ungarische Geheimpolizei dieselbe Funktion erfüllte. Besonders nach der Niederschlagung des ungarischen Aufstands 1956 wurde dort gnadenlos gefoltert und gemordet. Neben dem großen technisch-medialen Aufwand beeindrucken hier vor allem die originalen Folterverliese und die explizite Nennung und Ausstellung der an den Verbrechen beteiligten ungarischen Politiker, Richter, Staatsanwälte und Geheimpolizisten. Seit der Eröffnung vor zwei Jahren kam bereits mehr als eine Million Besucher.

An diesem Haus zeigt sich aber auch die Schwierigkeit dieser für Osteuropa typischen Situation zweier sich ablösender Diktaturen: das eine zu benennen, ohne das andere beiseite zu schieben oder als weniger schlimm erscheinen zu lassen. Vergleichen ohne gleichzusetzen. Schon zur Eröffnung hatte es um das „Haus des Terrors“ heftige Diskussionen gegeben. Mit der etwas naiven Rechnung, dass vier Jahre Nazi-Herrschaft gegen vierzig Jahre Kommunismus ja eindeutig die Ausstellungsfläche für die Untaten der Pfeilkreuzler begrenze, wurde anfangs nur mäßig an die ungarische Verstrickung in den Holocaust erinnert. Mitlerweile hat sich in Budapest aber einiges verändert. Das „Haus des Terrors“ ist Museum und Mahnmal zugleich. Vor allem die plakative Außengestaltung mit Stacheldraht und aus Metall ausgestanztem drohendem Schriftzug irritiert manche auf Distanz bedachte Beobachter.

Doch ist diese Distanz von den jungen Demokratien Mittel- und Osteuropas zu erwarten? Dort sind diese Museen eminent politisch, in vielen Ländern findet ein Kampf um die Geschichte statt, so Rainer Rother vom DHM in Berlin. Sie können (noch) gar keine klassischen Museen sein, sie sind sowohl wachsende Orte des Gedenkens und der Forschung, als auch Ersatz für Monumente. Übereinstimmend berichteten alle Museumsdirektoren von den ihnen ständig angetragenen persönlichen Dokumenten betroffener Besucher. In ihren jeweiligen Ländern betreiben diese Häuser aktive Geschichtspolitik, oft gegen die politische Klasse – oder aber gegen die frühere Besatzungsmacht, die untergegangene Sowjetunion. Die Namen der drei baltischen Museen sprechen für sich.

Gerade die baltischen Staaten gerieten auf der Tagung wegen ihrer Geschichtsdarstellung immer wieder in die Kritik. So wird zwar in allen genannten Häusern auch die Zeit der deutschen Besatzung thematisiert, doch kritisieren viele eine ungenügende Auseinandersetzung mit der Kollaboration. Der Vorwurf der Relativierung der nationalsozialistischen Verbrechen ist da schnell bei der Hand. Doch umgekehrt führt bei vielen Opfern kommunistischer Gewaltherrschaften die ständige Warnung vor einer möglichen Relativierung der nationalsozialistischen Verbrechen zu dem Gefühl, dass ihr eigenes Leid relativiert werde.

Der von den Gastgebern in Weimar erwünschte europäische Diskurs über Formen und Arten des Gedenkens kam leider erst am Ende und viel zu kurz in Gang. Die Museumsleiter, Zeithistoriker und Bürgerrechtler aus Osteuropa kamen sich teilweise wie bloße Stichwortgeber für eine innerdeutsche Debatte über das „richtige“ Gedenken vor. Das ironische, von Timothy Garton Ash geprägte Wort von der „deutschen DIN-Norm des Gedenkens“ machte die Runde. Und in der Tat kam es in Weimar noch nicht zu einem Dialog gleichberechtigter Museumspraktiker, die sich auch von den kulturellen Besonderheiten der jeweils anderen anregen lassen. Zu stark stand die Suche nach der Schimäre eines „rechten Weges“ im Vordergrund.

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