Kultur : Die Dinge sprechen lassen

Utopie der Bilder: Francesco Rosi zum 80. Geburtstag

Peter W. Jansen

Kaum ein anderes Filmwerk ist so extensiv ausgezeichnet worden: praktisch jeder zweite Film in einem relativ schmalen Oeuvre. Es gab den Goldenen Löwen, die Goldene Palme, einen Silbernen Bär (1962 für „Wer erschoss Salvatore G.?“) und Gold in Moskau. In den 60er und den 70er Jahren haben die Filme von Francesco Rosi den Ton ihrer Zeit getroffen, ihre Kritik formuliert, ihre Hoffnungen illuminiert: als praktizierte Utopie einer unverwechselbaren filmischen Methode.

Von ihm haben fast alle in Europa gelernt. Angeregt vom Neorealismus entwickelte der Normanne aus Neapel, der 35 wurde, bis er seinen ersten Film drehte, einen ganz eigenen realistischen Stil. Immer geht es darum, die Dinge (die Berge Siziliens; die Häuser Neapels; die Armut des Mezzogiorno) selbst zum Reden zu bringen: eine Art demokratischer Realismus. Ob er dem ungeklärten Tod des Salvatore Giuliano nachgeht; ob er Korruption und Bauskandal in Neapel offenlegt („Hände über der Stadt“); ob er Verstrickungen der Camorra aufdröselt („Die Herausforderung“) oder Machenschaften einer neapolitanischen Gaunerbande bis nach Hamburg verfolgt („Auf St.Pauli ist der Teufel los“): fast durchweg ist die offene Filmstruktur eine Einladung an den Zuschauer, eigene Schlüsse zu ziehen: die ästhetische Utopie schlechthin der demokratischen Linken.

Journalistisch-zeitkritisch ist auch die Gruppe der späteren Recherche-Filme „Der Fall Mattei", „Lucky Luciano“ und „Die Macht und ihr Preis“. Ist im „Fall Mattei“ Rosi noch selbst der Rechercheur, wird der Inspektor in „Die Macht und ihr Preis“ von einem Star dargestellt: Lino Ventura. Die Filme mögen immer noch semidokumentarisch angelegt sein, aber der Methode des demokratischen Realismus sind sie kaum noch verpflichtet. Darstellung und Darsteller rücken in den Vordergrund.

Immer noch dominiert die Plansequenz, die lange Einstellung, die auch Gegensätzliches miteinander verbindet. Aber schon dient sie, wie später in „Christus kam nur bis Eboli“ und „Drei Brüder“, eher der Poetisierung als der Enthüllung. Die beiden Filme enthalten großartige emotionale Momente: An die Stelle rationaler Recherche ist die Fantasie getreten; das große filmische Ritual ist damit angesagt, die „Macht der Gefühle“ (Alexander Kluge), die Bewegung üppig dekorierter Bilder.

So entstehen „Carmen“ und auch die „Chronik eines angekündigten Todes“. Mit der Bizet-Verfilmung und dem Film nach dem Kurzroman von Gabriel Garcia Marquez wird die Bühne der großen Gesten betreten, die emotionale Ausstattung der Oper angenommen. Doch kaum jemand scheint Francesco Rosi den Weg Viscontis zuzugestehen, der ja vom neorealistischen Aufbruch ebenfalls zur Oper führte: Die Kritik war von tiefer Enttäuschung geprägt. Dabei enthält auch die Oper Utopie; im Musiktheater kann sie die mageren Zeiten überdauern.

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