Kultur : Die Dom-Freiheit

Davongekommen: Die Unesco-Kommission hat Köln von der Roten Liste gestrichen. Nun wird über Dresden diskutiert

Michael Zajonz

Die erlösende Nachricht kam am späten Montagnachmittag: Die Unesco-Kommission, die seit Sonnabend im litauischen Vilnius tagt, hat den Kölner Dom von der Roten Liste der gefährdeten Kulturdenkmäler gestrichen. „Damit ist ein ganz missliches Kapitel Dom- und Stadtgeschichte zu Ende“, resümierte Dombaumeisterin Barbara Schock-Werner, die zur Unterstützung der Kölner Stadtpolitiker nach Litauen gereist war.

Der Kölner Dom, seit 1996 Weltkulturerbe, war im Juli 2004 vom Welterbekomitee auf die Rote Liste des gefährdeten Welterbes gesetzt worden. Zwischenzeitlich drohte sogar die Aberkennung des Welterbe-Status. Die Welterbehüter hatten kritisiert, dass die Stadt Köln vis-à-vis vom Dom am Deutzer Rheinufer bis zu 120 Meter hohe Bürohäuser zulassen wollte. Die Unesco sah darin eine Beeinträchtigung der zu jeder Welterbestätte gehörenden Schutzzone. Viel zu lang zeigte sich Kölns Oberbürgermeister Fritz Schramma (CDU) uneinsichtig – und provozierte damit Krach weit über die schwarz-grüne Rathauskoalition hinaus. Erst nachdem Köln dem öffentlichen Druck nachgegeben und verschiedene Alternativ-Entwürfe vorgelegt hatte, war die Kommission zufrieden.

Mit Köln war erstmals eine Welterbestätte aus dem reichen Deutschland auf die Rote Liste gekommen, auf der sich vor allem von Kriegshandlungen bedrohte oder beschädigte Denkmäler wie die von den Taliban gesprengten Buddha-Statuen von Bamiyan oder die Altstadtmauern von Jerusalem finden.

Zu einem weiteren Problemfall ist nun Dresden avanciert, das mit seiner Elbtal-Kulturlandschaft erst 2004 Weltkulturerbe geworden war. Streitpunkt ist dort der seit den neunziger Jahren geplante Bau der Waldschlösschenbrücke, einer Schnellstraßenverbindung, die das Dresdner Verkehrschaos beheben soll. Mit ihren langen Auffahrtsrampen und der klobigen Betonkonstruktion würde sie jedoch das einmalige Panorama von den Loschwitzer Elbauen Richtung Altstadtsilhouette zerschneiden, so die Kritik von Francesco Bandarin, dem Direktor des UnescoWelterbezentrums in Paris: Dresdens Canaletto-Blick wäre zerstört.

Umkämpft ist nicht nur die Brücke an sich, sondern auch ihr Standort. Schließlich wurde das 150 Millionen Euro teure Bauwerk in der Welterbe-Bewerbung der Stadt nicht verheimlicht. Nur war sie leider in den Unterlagen am falschen Ort angegeben: Sie soll nicht fünf, sondern nur drei Kilometer von der Brühlschen Terrasse entfernt entstehen.

In Dresden regt sich schon Überdruss am Welterbestatus. Bereits Anfang 2005 hatten sich die Dresdner in einer Bürgerbefragung mehrheitlich für die Waldschlösschenbrücke ausgesprochen, eine Bürgerinitiative setzt sich für den Bau ein. Bis zum 20. Juli hat sich der Stadtrat in Sachen Baubeginn vertagt. Über eine Aberkennung des Weltkulturerbestatus wird wahrscheinlich am heutigen Dienstag in Vilnius verhandelt.

Es sind nicht die ersten Auseinandersetzungen zwischen einer Stadtverwaltung und der Unesco-Kommission. Schon Mitte der neunziger Jahre hatte es in Potsdam heftigen Streit gegeben. Damals ging es um Neubauten in der Schutzzone rund um die von Schinkel, Persius und Lenné geprägte Schlösser- und Parklandschaft. Am Glienicker Horn und dem umstrittenen Potsdam-Center am Hauptbahnhof konnte man sich auf einen Kompromiss einigen. Inzwischen ist er durch weitere Villenneubauten vis-à-vis von Schloss Glienicke erneut ins Wanken geraten.

Eigentlich ist die Qualifizierung als Weltkulturerbe ein begehrtes Prädikat. Die Unesco, Weltorganisation für Kultur und Bildung, verabschiedete 1972 eine „Konvention zum Schutz des Kultur- und Naturerbes der Welt“; 180 Mitgliedsstaaten haben die Konvention inzwischen ratifiziert. Auf ihr basiert die 1975 eingerichtete Welterbeliste, in der herausragende Kultur- und Naturdenkmäler verzeichnet werden. 812 Welterbestätten aus 137 Staaten sind bislang eingetragen.

Deutschland ist gegenwärtig mit 31 Positionen vertreten, vom Aachener Dom bis zur Zeche Zollverein in Essen. Mit etwas Glück wird Regensburg, die besterhaltene mittelalterliche Großstadt Deutschlands, während der Sitzungswoche des Komitees in Vilnius als nächste deutsche Welterbestätte aufgenommen. Die Welterbekommission versucht seit einigen Jahren zudem, die europäische Dominanz der klassischen Kulturdenkmäler Burg, Dom, Schloss durch gezielte Aufnahme von Kulturlandschaften und Naturräumen weltweit zu brechen. In diesem Jahr bewirbt sich etwa das Panda-Reservat in der chinesischen Provinz Sichuan. Auch das Dresdner Elbtal ist ein Beispiel für ein schützenswertes Natur-Ensemble.

Doch was ist die Auszeichnung zum Welterbe noch wert, wenn sie Städte wie Köln, Potsdam und Dresden so leichtfertig aufs Spiel setzen? Geld bringt sie nicht. Jedenfalls nicht in Form direkter Zuwendungen. Die Projektmittel der Unesco sind bescheiden, und sie werden derzeit fast vollständig in die Konsolidierung afrikanischer Welterbestätten gesteckt. Der Welterbestatus kann nur an das kulturelle Gewissen der ausgezeichneten Staaten appellieren.

Und er lässt sich touristisch ausgezeichnet vermarkten. Oft zählen die Besucher nach Millionen: ein Wirtschaftsfaktor, auf den nicht nur arme Länder angewiesen sind. Doch was als moralische Aufforderung zu Schutz und Pflege gedacht ist, führt zu einem Dilemma. Einerseits soll mehr touristische Aufmerksamkeit erzielt, andererseits sollen die zerstörerischen Nebenwirkungen des Massentourismus eingedämmt werden.

2001 schlossen sich die damals 24 deutschen Welterbestätten im ebenfalls ausgezeichneten Quedlinburg zusammen, um eine „hochwertige und denkmalverträgliche touristische Entwicklung“ zu fördern. Bislang waren Umweltverschmutzung und Publikumsansturm die größten Herausforderungen deutscher Unesco-Stätten. Durch Köln und Dresden gewinnt die Diskussion eine andere Dimension. Hier könnte Deutschlands noch immer guter Ruf bei der Welterbepflege durch unsensible Lokalpolitik erstmals insgesamt Schaden nehmen.

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