Kultur : Die Doppelspitze

Sandra Luzina

Ist das eine Probe oder eine Party? Ein paar Tage noch bis zur Ballettpremiere "Der Traum des Minotaurus", mit dem eine neue Ära an der Komischen Oper eingeläutet werden soll - und das Haus scheint Kopf zu stehen. Blanca Li ist da - und alles ist anders.

Blanca Li ist eine Frau, die Aufsehen erregt, ein Paradiesvogel in dem muffigen Ambiente der Komischen Oper. Glanz für das krisengeschüttelte Haus, einen Energiekick für die hauptstädtische Ballettszene erhofft man sich von der Andalusierin. Und das Erste, was einen gefangen nimmt, ist Lis vibrierende Energie. Doch sie entspricht keineswegs dem glutvollen Latina-Klischee. Li ist exzentrisch und verwegen. Eine unkonventionelle Frau und undogmatische Künstlerin. Sie ähnelt den unwiderstehlichen Frauen aus den Filmen von Pedro Almodóvar. "Blanca ist ganz sicher eine Almodóvar-Frau, was den Humor und eine gewisse Verrücktheit angeht", sagt Adolphe Binder, die stellvertretende Künstlerische Leiterin, die in diesen Tagen nicht von Blancas Seite weicht. Oh ja, Pedro, Victoria (Abril) und Rossy (de Palma) seien ihre Freunde, erzählt Li auf Nachfrage. Von sich selbst sagt sie augenzwinkernd: " Ich bin manchmal ein Clown."

Blanca Li und Adolphe Binder formieren eine Doppelspitze an der Komischen Oper. Als die spanische Choreografin mit Wahlheimat Paris ihren Dreijahresvertrag an der Komischen Oper unterschrieb, war ihr klar, dass sie eine starke Mitstreiterin braucht. Blanca Li kommt aus einem anderen Land, sie kommt aus der freien Szene. In Adolphe Binder scheint sie die ideale Partnerin gefunden zu haben. Die kennt die Berliner Misere zur Genüge: Als Ballett-Dramaturgin an der Deutschen Oper unter Richard Cragun konnte sie miterleben, wie ein Künstler in Berlin untergeht. Danach hat sie im Team von Tom Stromberg bei der Expo gearbeitet, bei John Ashbury an "The Place" in London. Eigentlich hatte sie sich geschworen, nie wieder einen Fuß in ein Opernhaus zu setzen. "Was mich geschreckt hat, ist die Schwerfälligkeit der Flaggschiffe. Es kostet eine enorme Kraft, etwas zu bewegen," erklärt sie unumwunden. Als sie nach Berlin zurückkehrte, musste sie feststellen: Es ist alles beim Alten geblieben.

Mit Blanca Li soll nun alles anders werden. Der vulkanischen Spanierin traut sie zu, dass sie die hauptstädtische Ballettszene aufmischen wird. "Blanca hat so viel positive Energie," begeistert sich Binder. Wer die beiden Frauen zusammen erlebt, spürt, dass die Chemie stimmt. Beide scheinen dieselbe Vision zu teilen: "Open your Head!" lautet die Losung.

"Tanzen ist meine Passion", sagt die Umschwärmte. Fast hat man den Eindruck, dass diese Frau durchs Leben tanzt. Locker setzt sie sich über alle ästhetischen Grenzen und kulturellen Barrieren hinweg. Mit 17 Jahren geht Blanca Li nach New York, um bei Martha Graham modern dance zu studieren. Nach fünf Jahren kehrt sie nach Spanien zurück, reüssiert mit einer Produktion bei der Weltausstellung in Sevilla, betreibt eine Szene-Bar in Madrid. 1991 zieht sie nach Paris, gründet ihre eigene Compagnie, lernt, sich ohne Subventionen durchzuschlagen. Ihre kreativen Energien explodieren. Mit schöner Selbstverständlichkeit bewegt sich Li in verschiedenen Szenen, schöpft aus unterschiedlichen Quellen.

Sie liebt das Spektakel, verbindet klassischen mit zeitgenössischem Tanz, mixt Flamenco, Kabarett und Zirkus. Neben Auftragsarbeiten für die Pariser Oper schuf sie ein Hip-Hop-Musical, die Filmversion kommt demnächst in die Kinos. Für Daft Punk, Blur und Khaled choreografierte sie Videoclips, für die britischen Pop-Awards wird sie wieder aktiv werden.

Eine achtmonatige Anwesenheitspflicht in Berlin sieht ihr dreijähriger Vertrag vor. Die Herausforderung, eine neue Compagnie zu formen, reizt sie enorm. 19 von 24 Tänzern wurden neu engagiert, sie kommen aus Paris, London, Madrid, New York, Tokyo und Berlin, aus Südamerika und der Karibik. Ein Neuanfang also. Und zugleich die letzte Chance für das Ballett der Komischen Oper.

Mit "Der Traum des Minotaurus" stellt sich Blanca Li am heutigen Sonntag dem Berliner Publikum vor. Vorab wurde der schillernd-mondänen Choreografin das Image der Sex-Matadorin verpasst. Die ersten Fotos machten neugierig: Werden nackte Nymphen und frivole Faune über die Bühne tollen? "Um Himmels willen, das ist doch keine Sex-Show", ruft Blanca Li aus, verwundert und zugleich amüsiert. Eine Hymne an die Schönheit des menschlichen Körpers will sie auf die Bühne bringen. Und verspricht: Die nächste Produktion "Borderline" wird ganz anders werden."

Kurz vor der Premiere vibriert sie vor kreativer Unruhe. Und wirkt zugleich seltsam gelassen angesichts des Rummels um ihre Person. "Ich folge meinen Instinkten", sagt sie und lacht. Ein volles kehliges Lachen. Wie überhaupt Blanca Li in all ihren Äußerungen auch jenseits der Bühne eine schöne wilde Expressivität hat. Eine glühende Entschlossenheit. Große Veränderungen will sie anstoßen; ob die Unbeweglichkeit der Berliner Kulturpolitik sie nicht doch ausbremsen wird, bleibt abzuwarten. Dass sie verzagen wird, kann man sich nicht vorstellen. Da ähnelt sie den unangepassten und kämpferischen Almodóvar-Frauen.

Premiere in der Komischen Oper, heute 20 Uhr.

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