Kultur : Die Drachme

Günther Grack

Der Aufbruch nach Euroland ist auch eine Abschiedsreise - nicht nur von der Deutschen Mark. Von heute an waschen wir hier unser liebstes Urlaubsgeld.

Alexander der Große blickt Homer an. Das Haupt des Königs, das Haupt des Dichters, jeweils in Seitenansicht, das eine nach rechts, das andere nach links schauend - so sind sie den beiden Münzen aufgeprägt, und so liegen sie auf dem tellerförmigen Fuß meiner Schreibtischlampe. "Megas Alexandros", bartlos, in jugendlicher Lockenpracht, ziert das 100-Drachmen-Stück, dessen Rückseite den Stern von Vergina, das mazedonische Wahrzeichen, erstrahlen lässt. "Omiros", mit dem Kinnbart des älteren Mannes, findet sich auf dem 50-Drachmen-Stück, dessen Rückseite ein Segelschiff, das Verkehrsmittel des fahrenden Sängers, zeigt. Im Schein der Lampe glänzen die beiden Münzen messingfarben frisch - und heben sich ab von den stumpfen Kieselsteinchen drumherum, schwarz und weiß, grau, gelb und rot, manche mit hellen Streifen gemasert, Mitbringsel von den Stränden der Insel Rhodos. Die Kiesel, vom Meerwasser abgeschliffen, sind zweifellos älter als meine Münzen, denen die "Helliniki Dimokratia" das Prägejahr 1992 beziehungsweise 1994 mitgegeben hat.

Schnöde materiell betrachtet, sind die beiden Geldstücke zusammen noch keine Mark wert. Kein Vergleich mit dem Preis, den antike Exemplare dieser ältesten Währung Europas heute im Münzhandel erzielen, je nach Seltenheit und Schönheit zwischen fünfzig Mark und einer halben Million. Was gäbe ich dafür, etwa ein Tetradrachmon aus dem Athen des fünften vorchristlichen Jahrhunderts zu ergattern - vorn der Kopf der Stadtgöttin, hinten die Eule als Sinnbild der Weisheit! Oder soll mir das neue 1-Euro-Stück genügen, dessen griechische Ausgabe auf der Rückseite diesem stadtbekannten Vogel huldigt? Ach was, ich spare mir mein Geld für die nächste Reise gen Süden und bleibe meinen alten Bekannten treu, wie sie da traulich im Lampenlicht schimmern: dem weltenbewegenden Herrscher, vor allem aber, lieber noch, dem ersten Autor von Weltliteratur.

0 Kommentare

Neuester Kommentar