Kultur : Die drei Kakerlaken von Rom

Thomas Migge

"Als wir auf die Baustelle kamen - Mitte 2000 -, da war es so, dass die alte Baufirma behauptet hatte, man kann gar nicht mehr weiterbauen, weil die Planung nicht realisierbar ist", seufzt Jürgen Kreisel. Seit knapp zwei Jahren versucht der Dortmunder Ingenieur in Rom das Unmögliche.

Er arbeitet als Crash-Manager, damit Rom wie geplant am 21. April, dem legendären Geburtstag der Tiberstadt, sein nagelneues Auditorium einweihen kann. Kreisel ist Bauleiter des Unternehmens "Drees & Sommer Italia Engineering". Er wurde nach Rom berufen, um eine chaotische Situation zu beenden: italienische Bauunternehmen, die Kommune und Architekt Renzo Piano waren untereinander heillos zerstritten, die Baustelle lag brach.

Auch wenn die deutschen Retter in letzter Not über das nötige Know-how verfügen, so konnten sie doch keine Wunder vollbringen. Wenn am heutigen Sonntag Staatspräsident Carlo Azeglio Ciampi und Roms Bürgermeister Walter Veltroni das laut der Zeitung La Repubblica "grösste, modernste und akustisch perfekteste" Konzertzentrum Italiens eröffnen, wird noch längst nicht alles fertig sein. Das Eröffnungsdatum ist eine rein politische Entscheidung. Wäre es nach Bauleiter Kreisel gegangen, dann hätte man mindestens noch bis Jahresende warten müssen. Dann nämlich, wenn auch der grösste der drei Konzertsäle eingeweiht werden kann.

Rom erhält nach rund 70 Jahren endlich eine Konzerthalle. Mussolini liess die alte, untergebracht in einem antiken Kaisergrab, abreißen. Fortan fanden Konzerte nur in der Halle der Musikvereinigung "Accademia di Santa Cecilia" statt, ein traurig wirkender Bau der fünfziger Jahre mit schlechter Akustik. Zehn Jahre lang wurde um das "Auditorio Città della Musica" gerungen. Drei Bürgermeister kamen und gingen, bis man sich schließlich entschied, die Bauleitung einem deutschen Unternehmen zu übergeben.

Auch wenn noch nicht alles fertig ist, so vermittelt das neue Auditorium doch einen faszinierenden Eindruck. Rom-Besucher werden zukünftig nicht nur antike und barocke Architektur bestaunen können. Endlich verfügt Rom auch über einen weltweit Aufsehen erregenden Neubau.

Pianos Projekt auf 50 000 Quadratmetern Fläche ist ungewöhnlich. Anstatt eines einzigen Gebäudes mit verschieden großen Konzertsälen gruppierte er drei leicht ovale Bauten um eine Art Open-air-Theater mit 3200 Plätzen. Die drei Konzertsäle sind verschieden gross und bieten 700, 1200 und 2700 Zuhörern Platz. Eingeweiht werden zunächst der kleine und der mittlere Saal.

Jeder Bau hat einen rechteckigen Grundriss. Die Außenmauern bestehen aus braunen Ziegelsteinen. Über diese Rechtecke wölben sich geschwungene Bleidächer, die von Spöttern wegen ihrer Form bereits "Kakerlakenpanzer" getauft wurden. Sämtliche Tür- und Fenstergiebel sind aus hellem Travertin. Piano wollte ganz bewusst Ziegelsteine, Blei und Travertin benutzen, um an die Architektur der alten Römer anzuknüpfen.

Die mit rötlichem amerikanischen Kirschholz ausgestatteten Säle sind durch eine unter ihnen liegende, dreiviertelrunde Galerie miteinander verbunden. Sie öffnet sich mit Glasscheiben auf der einen Seite zum Open-Air-Theater und auf der anderen zu Grünflächen und einigen Ruinen aus der Römerzeit.

Um die Akustik der Säle kümmerten sich Jürgen Reinhold und Gerhard Müller aus München. Beide genießen als Tonexperten weltweites Ansehen. Müller findet es ausgezeichnet, dass Piano auf den Galerien Wände als Reflexionsflächen errichtete, die auch für die Bereiche der preiswerteren Plätze grossen Hörkomfort garantieren.

Piano hatte erhebliche Probleme mit dem Auditorium. Eigentlich sollte es schon Ende 1999 eingeweiht werden. Doch wurde die Baustelle wegen finanzieller Nachforderungen zunächst still gelegt. Ein anderes Mal wurde der Bau unterbrochen, weil Archäologen die Ruinen einer altrömischen Villa fanden, die Piano anschließend in sein Projekt einbezog. Dann wollte Piano lange Holzbalken für die Dachkonstruktion benutzen, die aber nach einem Gesetz aus den zwanziger Jahren verboten sind. Piano bestand auf seinem Vorhaben, und erst nach einer Intervention von Regierung und Bürgermeister gab die Baubehörde ihren Widerstand auf.

"Wir sind sehr froh", meinte Bürgermeister Veltroni, "das der Bau endlich fast fertig ist, denn Rom ist ja in Sachen moderner und zukunftsweisender Architektur die faulste Stadt". Recht hat er - viele Aufsehen erregende Bauprojekte blieben Papier.

So zum Beispiel die grandiose weiße Kirche, die Richard Meier zum Heiligen Jahr 2000 am östlichen Stadtrand errichten sollte. Oder Meiers neue Hülle für den Friedensaltar von Kaiser Augustus. Auch das Projekt von Massilimiano Fuksas für ein neues Kongresszentrum in Form einer Stahlwolke droht zu platzen.

Das nun eingeweihte römische Auditorium wurde als multifunktionaler Komplex für klassische und moderne Musik, für Pop, Rock, Ballett und experimentelles Theater geplant. Bleibt zu wünschen, dass der Neubau über einen noch einzurichtenden Park an das nahe Stadtviertel Pinciano angebunden und somit Teil der Stadt wird.

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