Kultur : Die drei Leben des Stipendiaten

Andreas Schäfer

Gestern hat Thomas Steinfeld in der „SZ“ das Kunstförderwesen der Bundesrepublik unter die Lupe genommen. Seine These: Das dichte Stipendiums- und Preisnetz führe zu „mittleren Angestellten des originellen Einfalls“. Steinfeld behauptet, dass viele Bücher nur entstehen, weil es die Förderung gibt. Ob das stimmt?

Fakt ist, dass Schriftsteller einen vorprogrammierten Stipendiums- und Veranstaltungsparcours durchlaufen. Der Weg zum Erfolg im Namen der Individualität verläuft auf ausgetrampelten Pfaden. Für Berlin sieht ein solcher Parcours so aus: Es beginnt auf der Gelegenheitsebene. Wer gern kurze, lustige Texte schreibt, die es auf Pointen abgesehen haben, kann sie auf einer der vielen Amateur-Lesebühnen vortragen. Ein König dieser allerdings schon professionellen Lesebühnenabende ist Falko Hennig , der neuerdings mit Jochen Schmidt im Babylon Mitte lustige Pointenabende unter dem Titel „Die Weltchronik“ veranstaltet. Am 28.2. sitzt ab 20 Uhr Jakob Hein mit auf dem Podium.

Wer nach der Lesebühnenerfahrung Blut geleckt hat und einen Roman schreiben will, wechselt auf die Anwärter- ebene. Dafür bewirbt er sich beim Berliner Senat um das Alfred-Döblin-Stipendium und wird dann nach Wefelsfleth geschickt, wo er in Günter Grass’ ehemaligem Wohnhaus mit Blick auf den Turm eines Kraftwerks sein Manuskript beenden kann. Martin Jankowski, Claudia Rußwurm, Hans-Michael Speier , Stipendiaten des Jahres 2006, stellen im Clubraum der Akademie am 28.2. um 20 Uhr Texte vor.

Ist schließlich ein Verlag gefunden, wartet die Ich-bin-dabei-Ebene. Nun öffnen sich die Türen der Literaturhäuser, wo Debütanten, meist zu zweit, ihren ersten großen Auftritt bekommen. Hat man mehrere Bücher veröffentlicht, die von der Kritik auch noch für gut befunden wurden, darf man allein lesen. Am 1.3. stellt Jörg Magenau im Literarischen Colloquium um 20 Uhr den gefeierten Roman „Die Stunde zwischen Hund und Wolf“ von Silke Scheuermann vor.

Auf dieser Ebene bleibt man dann, zehn, zwanzig oder dreißig Jahre – bis man zum Monument geworden ist. Dann ruft der Olymp, also die Akademie der Künste mit Glashaus am Pariser Platz. Dort liest man allerdings nicht, sondern beweist, dass man die Institutionen, die einen all die Jahre ernährt haben, nun nicht mehr nötig hat. Am 2.3. unterhalten sich Durs Grünbein und George Steiner , der sympathische Verächter des Sekundären, ab 19 Uhr über „Poet(h)ik oder die Ethik der Poesie.“ Also über: Einsamkeit.

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