Kultur : Die drei Ungleichen

TILMAN KRAUSE

Estland, Lettland, Litauen - die Leipziger Frühjahrsbuchmesse im Zeichen des BaltikumsVON TILMAN KRAUSE"Mein Lieber, setz Dich zu mir.Die Flasche steht auf dem Tisch.Es ist Herbst, es ist Dämmerzeit, draußen schreien die Krähen.Ich möchte dir ein paar Geschichten erzählen: Geschichten aus einer alten Stadt hoch droben im Norden, hoch droben im Osten, einer Stadt am Meer." Ganz so gemächlich-gemütlich, wie Werner Bergengruen einst seine Erzählungensammlung "Der Tod in Reval" eröffnete, geht es inzwischen nicht mehr zu in jener "Stadt am Meer", die heute Tallinn heißt und Hauptstadt von Estland ist. Das Land erholt sich nur langsam von den Jahrzehnten sozialistischer Mißwirtschaft und der Zerschlagung sämtlicher Strukturen aus der Zeit staatlicher Eigenständigkeit zwischen 1920 und 1940.Jedoch das Bewußtsein, eine alte Stadt zu sein und über eine in Jahrhunderten gewachsene kulturelle Identität zu verfügen, trägt in der Kapitale der östlichsten von drei Baltenrepubliken stark zu Ermutigung und Optimismus bei. Das Selbstwertgefühl ist sogar, verglichen mit den ebenfalls nicht unter mangelndem Nationalstolz leidenden baltischen Nachbarn Litauen und Lettland, besonders ausgeprägt.Das schlägt sich auch politisch nieder.Estland hat seit der Unabhängigkeit vor sechs Jahren wohl am massivsten versucht, die im Lande lebenden 600 000 Russen - fast die Hälfte seiner Bevölkerung - auszugrenzen.Die lange russische Fremdherrschaft schuf eine verständliche Antipathie, die sich nur schwer im Sinne von fair geregelten Verhältnissen mit Rußland kanalisieren läßt.Diese erwartet Europa jedoch vom Baltikum, wenn es, was sich die fünf Millionen Einwohner umfassende Region inbrünstig wünscht, Mitglied der EU und der NATO werden soll. Damit ist man bereits mitten drin in jenem Problem, das die für die

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