Kultur : Die Drei von der Tanzstelle

Alles Männer: Eröffnung der Tanztage Berlin in den Sophiensälen

Sandra Luzina

Mann tanzt! Nach diesem Motto beginnen die Tanztage: Die einzige Frau am Eröffnungsabend – sie war eigentlich überflüssig. In die 13. Runde geht das Festival für den choreografischen Nachwuchs mittlerweile: Junge Talente stellen sich vor, und das Publikum stömt in Scharen herbei, um die nächste Generation in Augenschein zu nehmen.

Längst sind die Tanztage Berlin ein liebgewordenes Ritual, um mit der von Barbara Friedrich kuratierten Reihe ins neue Jahr zu starten. Und auch diesmal drängt sich eine gut gelaunte kosmopolitische Menge in den Sophiensälen, hat doch so manch hoffnungsvolle Karriere bei den Tanztagen begonnen – man denke nur an Christoph Winkler oder die Gruppe Two Fish, die im Februar mit neuen Arbeiten aufwarten.

Noch jünger: So benennt Leiterin Barbara Friedrich die aktuelle Tendenz. Diesmal sind nicht nur bekannte Namen wie Ludger Orlok und Anja Hempel vertreten, sondern auch Choreografie-Studenten der „Ernst Busch“Schauspielschule. Den Abschluss am 14. und 15. Januar markiert das internationale Tourprojekt Dance Roads: Sieben Kompagnien aus sieben Ländern machen Tournee-Station in Berlin. Auch die Künstler des Eröffnungsabends haben bereits eine erfolgreiche Tänzerkarriere hinter sich: Grayson Milwood kennt man aus dem Ensemble von Sasha Waltz, seine Mitstreiter in „Lawn“ sind Vincent Crowley und Gavin Webber - auch sie haben bereits mit namhaften Choreografen zusammengearbeitet.

Die drei von der Tanzstelle nennen sich Splinter Group: eine Männer-WG. In einem Berliner Mietshaus wartet das Grauen auf sie. Der Schrecken kommt auf vier Beinen daher, in Gestalt fetter Kakerlaken. Bevor sie endlich in die Schublade des wackeligen Küchentischs gesperrt werden, kommt es zu ersten Panikattacken im Publikum – dabei handelt es sich nicht um illegale Untermieter der Sophiensäle, sondern um ZuchtExemplare aus einer Zoohandlung. Das Verdrängte lauert in „Lawn“ unter den Tapeten und im Wandschrank; Alpträume von Riesenameisen bedrängen den mit Frischhaltefolie an den Küchenstuhl gefesselten Mieter, in jedem Nachbarn steckt ein Körperfresser. Ihre Berliner Mietererfahrungen haben die drei zu einem ironischen Spiel mit den Trivialmythen des Horrorgenres inspiriert.

Florian Bilbao legt mit „Loslassen“ eine persönliche Studie vor. Zu Beginn deutet er ein paar Ballettposen an – eine Körperdisziplin, von der er sich freitanzen möchte. Doch Graciellea, die Unerbittliche, rollt einen Spiegel über die Bühne. Mit dem Lächeln einer Zuchtmeisterin zwingt sie ihn ins Spiegel-Stadium zurück. Hans-Werner Klohe kann sich stattdessen in den Augen der Betrachter spiegeln: Der ephebenhafte Tänzer zieht die Blicke auf sich. Mit „narziss 04“ legt er seine fünfte choreografische Arbeit vor: Der Narziss des Jahres 2004 ist ein androgyner Jeansboy, wie aus einem Hochglanzmagazin entsprungen. Auf einem Laufsteg, zum Greifen nah, und per Video vollzieht sich seine Verwandlung zum öffentlichen Mann. Von fern zitiert Klohe den antiken Mythos. Erst provoziert Narziss die Blicke, am Ende ist er ihnen ausgeliefert. Beeindruckend der schöne Ernst, mit dem Hans Werne Klohe aller Eitelkeit entgegensteuert.

Tanztage Berlin, Sophiensäle, bis 15.1.

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